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Donnerstag, 14.12.2017

Lesart | Beitrag vom 30.08.2017

Norbert Scheuer: "Am Grund des Universums"Die Welt ist ein Dorf

Von Gerrit Bartels

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Norbert Scheuer: "Am Grund des Universums" (Verlag C.H. Beck/picture alliance/Foto: Gregory Boissy)
Buchcover: "Am Grund des Universums" und Paddler in Französisch Polynesien (Verlag C.H. Beck/picture alliance/Foto: Gregory Boissy)

Norbert Scheuer ist einer der leiseren Autoren: Er hat stille Dorfromane geschrieben. Sein neuer Roman "Am Grund des Universums" ist eine stille Liebes- und Alltagsgeschichte und handelt von einer Welt verschollener Dinge und ihrer Geheimnisse.

Es beginnt mit zwei Heimkehrern, wie so oft in der Romanwelt von Norbert Scheuer: "Der Betriebselektriker Lünebach hatte lange Zeit im Lafarge Zementwerk alle technischen Anlagen gewartet, arbeitete danach einige Jahre auf Montage, bis er, schwer erkrankt und von seltsamen Ideen besessen, nach Kall zurückkehrte." Eine der seltsamen Ideen ist: Lünebach will ein Raumschiff bauen und bis ans Ende des Universums fliegen. Der andere Rückkehrer ist Paul, den man aus Scheuers letztem Roman "Die Sprache der Vögel" kennt, Afghanistan-Veteran und inzwischen von Beruf Biologe, der gerade auf Kolibri-Beobachtungstour in Brasilien war.

Mit Paul fährt Scheuer dann auch fort, aber nur, um seinen Erzählbogen von den Jahren 2006 bis 2014 zu spannen und nach und nach viele andere Figuren einzuführen, manche mit Namen und einer Geschichte, manche einfach nur als "die Grauköpfe" oder "die Alten", die täglich in der Cafeteria sitzen und das Geschehen im Ort beobachten und kommentieren. Mehr noch als in Scheuers anderen fünf bisherigen Romanen und dem Erzählband "Kall, Eifel", die allesamt in eben jenem Eifelstädtchen Kall spielen, steht dieser Ort im Zentrum seines neuen Romans "Am Grund des Universums": die Veränderungen, die mit der Bevölkerungsentwicklung und vor allem im Zuge vermeintlicher Modernisierungen Kalls einhergehen.

Leise, unspektakulär, nüchtern

Ein Stausee soll vergrößert und dazu ein Ferienpark errichtet werden, und so heißt es, Grundstücke zu kaufen und zu verkaufen, Wälder zu roden, Flüsse umzuleiten und natürlich Finanzierungspläne zu erstellen. Der Sohn von Sophia Molitor, Raimund, ist da mittenmang, er arbeitet bei der Bank. Sein Kompagnon ist der örtliche Bauunternehmer Caspary, dazu kommt natürlich die Politik vor Ort, die Bauausschüsse. Viele andere Menschen jedoch stehen dem ganzen skeptisch gegenüber. Vom Leben dieser Menschen erzählt Scheuer: leise fast, unspektakulär, nüchtern, aber poetisch.

Es gibt viele kleine Geschichten in diesem Roman, "einen Reigen aus unendlich vielen vergessenen Geschichten", wie Scheuer in einer Danksagung schreibt, ein Reigen, aus dem womöglich sogar unser Leben hauptsächlich bestehe. Nina stellt sich ihren verschollenen Bruder vor, wie er mit einem kleinen Boot ganz allein auf den Weltmeeren unterwegs ist. Oder Sophia, die manchmal ganz in der Welt von Konfuzius und Laotse lebt und sich an der Übersetzung von Laotses "Daodejing" versucht.

Der Grund des Universums, er könnte in Kall in der Eifel liegen, in den ganz und gar unsentimentalen (Heimat-)Romanen von Norbert Scheuer, irgendwo zwischen Köln und Trier.

Am Ende, das ahnt man früh, wird es nichts mit dem Ferienpark und dem vergrößerten Stausee. Die Natur holt sich zurück, was ihr genommen wurde, und Kall scheint wieder ein bisschen rückständiger und vergessener zu werden. Doch Norbert Scheuer hat mit seinem Roman "Auf dem Grund des Universums" dem Ort ein weiteres schönes literarisches Denkmal gesetzt.

Norbert Scheuer: "Am Grund des Universums"
C.H. Beck, München 2017
235 Seiten, 19, 90 Euro

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