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Freitag, 24.11.2017

Lesart | Beitrag vom 06.09.2017

Nora Gomringer über "Lautstärke ist weiblich"Ein "feministisches Manifest" von 50 Poetry-Slammerinnen

Nora Gomringer im Gespräch mit Frank Meyer

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Die schweizerisch-deutsche Lyrikerin Nora Gomringer (dpa picture alliance/ Jens Kalaene)
Die schweizerisch-deutsche Lyrikerin Nora Gomringer (dpa picture alliance/ Jens Kalaene)

Im Sammelband "Lautstärke ist weiblich" kommen 50 Poetry-Slammerinnen mit ihren Texten zu Wort. Laut Mit-Herausgeberin Nora Gomringer lesen aber auch viele Männer die Texte gern: "Es scheint mir wie so ein Zugangsbuch zur modernen Frau."

Frank Meyer: "Lautstärke ist weiblich", so heißt ein neues Buch, das dieser Tage erscheint, ein Buch mit Texten der 50 besten deutschsprachigen Slam-Poetinnen, mitreißende Lyrik und kunstvolle Prosa über Angst, Liebe, Feminismus, Glück, Diskriminierung und Mathematik, so kündigt das der Satyr-Verlag an, da erscheint das Buch. Und eine der Herausgeberinnen ist Nora Gomringer, Dichterin, Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin. Sie ist jetzt in Bamberg für uns im Studio. Guten Tag, Frau Gomringer!

Nora Gomringer: Hallo, Herr Meyer, Tag!

Meyer: Laute Frauen - unter dem Titel steht auch Ihr Vorwort zu dem Buch. An welche Frauen denken Sie denn, wenn Sie an laute Frauen denken?

Gomringer: Ich denke an - also ganz ehrlich, ich muss dann immer denken an das eine Bild von der Andrea Magnani, das ich bei mir in der Küche hängen habe, wo sie so - das ist ein Still aus einem Film, "Die tätowierte Rose" - großartig, da hat sie den Mund weit aufgerissen, und man kann sich das Lachen nur so vorstellen, das ist ganz gut. Frauen, die den Mund öffnen in der Öffentlichkeit, werden ja per se als laut und oft als unangenehm wahrgenommen. Und wir wollen ein bisschen gegen das "unangenehm" gehen, aber wir wollen auf jeden Fall, auf dass mehr Frauen in der Öffentlichkeit Mund aufmachen, drauf gehen doch. Deshalb diese Anthologie.

Meyer: Slam-Poetry, das sind ja erstmal Texte, die für den Vortrag vor Publikum geschrieben sind, also da muss man sich bemerkbar machen. Aber müssen deshalb Slam-Poetinnen notwendigerweise laute Frauen sein? Kann man bei Poetry-Slams nicht auch Texte lesen, die eben nicht laut sind?

Gomringer: Unbedingt. Auch ich hätte nicht wirklich Erfolg gehabt beim Slam, wenn diese Art von Bühne nicht auch das stille Moment und den sehr verhaltenen Text und auch den verhaltenen Vortrag goutieren würde. Ich habe ja damals angefangen, auch ganz abwegige Themen auf diese Slam-Bühnen zu bringen. Ich habe diese Holocaust-Texte gesprochen. Das war mir ganz wichtig, auszuprobieren, was funktioniert da, auf einer Bühne, bei der man per se erwartet, dass es auf viel Gestik und viel im wahrsten Sinne Größe im Vortrag ausgerichtet ist. Aber genau das Gegenteil funktioniert natürlich auch. Und das Buch heißt "Lautstärke ist weiblich", und wer sich mit Lautstärke auskennt, weiß ja, dass das eine Amplitude ist, die eben auch schön flat laufen kann und trotzdem sehr eindringlich dadurch ist. Wer leise ist, das weiß jeder Lehrer, dem wird zunächst einmal zugehört. Wenn du eine ganz laute Klasse hast, musst du dich erst mal hinstellen und flüstern - dann gucken erst mal alle.

"Frauen werden immer mehr integriert"

Meyer: Sie haben ja eben gerade schon ein bisschen erzählt von Ihren eigenen Anfängen als Poetry-Slammerin. Darüber schreiben Sie auch in Ihrem Vorwort, und erwähnen auch, dass Sie, als Sie 2001 angefangen haben, gab es wohl sechs bekanntere deutschsprachige Slammerinnen. Jetzt zeigt das Buch mit den 50 allein schon, es sind heute viel, viel, viel mehr als damals.

Gomringer: Ein exponentielles Wachstum wahrscheinlich auch dadurch, dass der Slam verwendet wurde ganz früh als ein "educational tool". Man hat es richtig adaptiert, hinein in die Didaktik in Deutschland, und viel weniger erst mal in die Germanistik. Man hat sich um die Texte erst mal gar nicht so gekümmert, hat aber gemerkt, das ist ein Format, ein Veranstaltungsformat, das gut funktioniert. Es zieht Leute an, die Leute verlieren so ein bisschen die Hemmung. Man steht dann da auf der Bühne, es gibt ganz viele, die sich trauen. Und allein, als man erkannt hat, das funktioniert, hat man das in die Schulen hineingenommen. So sind ganz viele von uns Poetry-Slammerinnen und -Slammern dann quasi zu Workshop-Leitern geworden, und dadurch hat man auch immer mehr junge Talente entdeckt und gefördert. Es gibt eine sehr lebhafte Bewegung des U-20-Slams. Da werden eigene Meisterschaften ausgetragen, genauso wie bei den Großen, wo es eben auch jedes Jahr eine Meisterschaft gibt in einem deutschsprachigen Land. Also man kommt zusammen und realisiert auf der Bühne das Wort. Das funktioniert, und Frauen werden immer mehr integriert und finden einfach auch ihre eigenen Bühnen darin, auch weil sehr viele international auftretende Frauen Gehör finden damit.

Meyer: Warum fanden Sie es jetzt eine gute Idee, ein Buch zu machen ausschließlich mit Texten von Frauen?

Gomringer: Weil es das noch nicht gab, und weil das eine gute Einsicht ist in die Vielfalt der Textproduktionen. Und die Frauen, und wie die ihre Texte stricken, das ist noch mal einen Ticken anders als so der männliche Textauftrag, der so in der Welt produziert und gezeigt wird.

Meyer: Können Sie das greifen, was Frauen anders machen in Poetry-Slam-Texten?

Gomringer: Sie sind in der Tat etwas leiser manchmal, vor allem changieren sie im Vortrag stärker mit den Stimmen. Es gibt eine größere Modulationsfähigkeit mitunter, außer bei so Comedians, die also wirklich auch gewohnt sind, ihre Stimme auch als Effektmaschine einzusetzen. Die Frauen sind eindringlich mit den Themen und wie sie sie behandeln. Es gibt zum Beispiel rein germanistisch betrachtet viel mehr Wiederholungen und viel mehr Rhythmisierung in den Texten. Ich finde auch die Themen manchmal eindringlicher und so aus dem weiblicheren Kontext genommen. Trotzdem merke ich, dass sehr viele Männer die auch gern lesen. Es scheint mir wie so ein Zugangsbuch zur modernen Frau. Männer lesen das gern und denken: "Ach, so ticken die!"

Meyer: Das ist natürlich ein Super-Werbeslogan, "Zugangsbuch zur modernen Frau". Das kriegt ja kein Verlagsmanager besser hin.

Gomringer: Danke!

"Man liest es mit viel Gewinn"

Meyer: Sie sagen auch in Ihrem Vorwort, das Buch sei ein feministisches Manifest. Sagen Sie das, weil da eben ausschließlich Frauen sprechen, sondern auch, weil sie über Feminismus sprechen?

Gomringer: A) haben wir einen männlichen Verleger. Das finde ich auch ein spannendes Faktum. Volker Surmann vom Satyr-Verlag hat uns ja eingeladen. Clara Nielsen, die Mitherausgeberin, bzw. wir beide geben dieses Buch heraus, und hier sagt ein Feminist zu zwei Frauen, die sich auch als Feministinnen in die Welt stellen und sagen, wir setzen uns für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein, kümmern uns genauso um Männer wie um Frauen, aber gucken eben, dass Frauen eben mal ein bisschen hinterherkommen jetzt mal - so ein Gesamtpanoptikum an Interesse an weiblicher Stimme, das steht dahinter. Das steht hinter diesem Buch, und es funktioniert. Ich finde, man liest es mit viel Gewinn. Es moduliert auch selbst in der Art der Texte. Es ist klug angeordnet, und ich habe es - die Fahnen haben sich ja immer wieder verändert, ich hab mir die dann angeguckt und gedacht, ach, toll, sie sind noch mal neu angeordnet worden hier und da. Ich bin zum Teil nur ganz sporadisch eingestiegen in den Gesamtkorpus der Texte und habe immer wieder mit Freude erkannt, es funktioniert.

Meyer: Wir hören uns mal ein Beispiel jetzt an, ein Stück aus einem Text von Franziska Holzheimer. "Befragung" ist der Titel.

Behältst du die Schuhe an zu Hause
Ich wette du rasierst nass
Wie siehst du aus, wenn du in ein Würstchen beißt
Und wenn man dich reizt und wenn du schwer atmest
Wie bewegen sich dann deine Flanken
Darf ich mal meine Hand dahin und du atmest mal tief
Damit ich es mal gespürt habe - so also
Wann klingst du wie ein sterbendes Tier
Sag wie schwingt sich deine Hüfte
Wenn du auf der Seite liegst
Ich meine, wie steil fällt dein Hüftbein ab
Wie tief liegt dein Becken
Und wenn meine Hand nun dies täte und das
Und wenn du überläufst
Wie stehen dann deine Augenbrauen
Wie riechst du zwischen den Schulterblättern
Und wenn es regnet
Stehst du dann in den Türstock gelehnt und guckst melancholisch
Sag darf ich dir mal zugucken wenn du Nudeln kochst
Und wenn du resignierst

Ein Stück aus der "Befragung" von Franziska Holzheimer, von ihr selbst gelesen, aus dem Buch "Lautstärke ist weiblich" mit Texten von 50 Poetry-Slammerinnen. Nora Gomringer hat dieses Buch mit herausgegeben. Vielleicht können Sie uns an diesem Ausschnitt mal erklären, den wir gerade gehört haben, was eigentlich ein guter Slam-Poetry-Text ist, was an diesem Text gut ist.

Gomringer: Der Text per se funktioniert schon, weil Frau Holzheimer so großartig ist und den so toll liest. Aber ich bin natürlich biased, ich habe da eine vorgefasste Meinung. Ich finde ihn klug-ironisch, und ich finde ihn dann auch wieder ganz deckungsgleich und sehnsüchtig. Und sie spricht ihn direkt in dieses Mikrofon. Man kann sich genau vorstellen, sie steht bei so einem Slam, 500 Leute vor ihr, und sie ist mutig genug, eine sehr intime Szene zu schildern, sie auch trotzdem immer wieder zu brechen und auch auf sich reflektieren zu lassen. Das muss man aushalten, dass 500 Menschen einen angucken und in dem Moment denken, ach, so hat die Sex, aha. Und genau das aber wieder zurückzugeben und nach vorn zu sprechen und daraus ein Kunstwerk zu machen, das können sehr viele dieser Slammerinnen ausgezeichnet. Ein bisschen antäuschen und abgeben. Und diese Art von Mimikry und dann fast ein Camouflage-Vorgang, das funktioniert bei weiblichen Poetry-Slammerinnen und in ihrer Selbstinszenierung sehr gut, und es langweilt nicht. Das finde ich dann immer ganz toll.

Meyer: Wir müssen noch dazu sagen, dass man - der Vorteil an dem Buch, das Sie jetzt mit herausgegeben haben, auch ist, dass man diese Texte hören kann. Es gibt so QR-Codes unten auf den Seiten, da kann man sich die Audios abrufen und dann zum Beispiel diesen Text, den wir gerade gehört haben, sich auch anhören. Frau Gomringer, ich möchte noch über ein anderes Thema mit Ihnen reden. Es gibt in Berlin, an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule, einen Streit über ein Gedicht Ihres Vaters, Eugen Gomringer. Da geht es um das Gedicht "Avenidas", das ist da an einer Wand der Hochschule im Großformat angebracht. Jetzt verstehen einige Studentinnen der Hochschule das Gedicht als sexistisch, und sie haben erreicht, dass dieses Gedicht eventuell entfernt werden soll. Sie haben sich selbst dazu schon geäußert, öffentlich in der vergangenen Woche. Hat jemand von der Hochschule oder von anderer Seite jetzt auf Ihre Argumente reagiert?

Keine offizielle Reaktion wegen Streit um Gomringer-Gedicht

Gomringer: Leider von der Hochschule bisher noch gar nicht. Es gab sehr viele Reaktionen auf das Video, das ich gepostet habe auf Facebook, sehr viel Positives und Gomringer Verstärkendes und Bestärkendes, aber auch so ein paar Negativstimmen, die sagen, so, es reicht jetzt auch mal, es ist mir zu viel Wirbel und zu viel Wind, und ihr habt ja jetzt nur Glück, weil das Sommerloch irgendwie angekommen ist. Manches bestürzt mich auch, weil es so ein - es scheint mir ein generelles Unwirschsein mit unangenehmen Themen, wie es eben auch das Thema der Freiheit der Kunst in der Öffentlichkeit ist, und vor allem auch mit der Political Correctness, die uns in diesem Fall gerade den Hals zu brechen droht. Und von daher ist das wie so eine Art seismografisches Thema, das gerade die Stimmungen auslotet. Nein, aber von der Hochschule kam bisher noch nichts.

Meyer: Wir haben in dieser Sendung schon am Montag mit Barbara Finken darüber gesprochen, eben genau, was Sie gerade ansprechen. Gibt es ein - ist das vielleicht mehr als nur ein Vorgang eben an dieser Hochschule? Ist das ein Indiz dafür, dass gerade auch so ein Vorwurf wie Sexismus übertrieben gebraucht wird, dass es da eine Hypersensibilität gibt, die weit übers Ziel hinausschießt?

Gomringer: In dem Fall auf jeden Fall. Wir haben es mit einer Vokabel zu tun - "un admirador" steht da am Ende dieses sehr kurzen Gedichts. Und der Bewunderer ist ja per se jemand, der aus der Ferne bewundert und nicht alles anfassen muss. Ich habe auch überlegt, ob dieses Gedicht vielleicht anders wirkt. Natürlich wirkt das anders, wenn da steht, ein Bewerter oder ein Bewertender, ein Voyeur, ein Betrachter - auch das sind alles andere und viel negativer gefasste Vokabeln. Hier haben wir es jetzt aber mit dem Bewunderer zu tun, und dass der da nicht stehen darf auf einmal, oder beziehungsweise, wenn er da eben, weil er da steht, ein Sexismus-Vorwurf in den Raum geplärrt wird, muss ich einfach sagen, macht uns so fassungslos. Wenn ich sage "wir", klingt das, als würde der Gomringer-Klan zusammensitzen am Tisch und so à la "Game of Thrones" entscheiden, dass jetzt hier Köpfe rollen müssten oder so. Dem ist nicht so. Wir haben überhaupt keine Verbindung so untereinander. Meine Mutter schickt mir nur SMS und sagt, ja, wir sind etwas irritiert. Solche Sachen stehen dann darin. Aber was soll man da sagen - das ist in dem Fall völlig überzogen, völlig.

Meyer: Das zu dieser Auseinandersetzung. Vor allem haben wir gesprochen über das Buch "Lautstärke ist weiblich. Texte von 50 Poetry-Slammerinnen", herausgegeben von Clara Nielsen und Nora Gomringer im Satyr-Verlag. 290 Seiten hat dieses Buch, 15 Euro ist der Preis. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Gomringer!

Gomringer: Sehr gern, Herr Meyer! Tschöh!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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