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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.02.2017

Nora Bossong: "Rotlicht"Der käuflichen Lust auf der Spur

Von Manuela Reichart

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Buchcover vor dem Hintergrund eines roten Vorhangs (Collage dpa / Cover Hansa Verlag)
Buchcover "Rotlicht" von Nora Bossong (Collage dpa / Cover Hansa Verlag)

Es sind vor allem Momente und Situationen der Machtdemonstration, die Nora Bossong in ihrem Reportageband "Rotlicht" beschreibt. Es sind Erkundigungen an der Grenze dessen, was sich einem weiblichen Blick offenbart.

Früher stand das Erotikgewerbe für das Verruchte. Und heute? Nora Bossong hat Expeditionen in eine Geschäftswelt unternommen, die für Frauen – sofern sie nicht dort arbeiten – eine Tabu-Zone ist.

Frauen können heute fast alles erreichen, Bundeskanzlerin werden oder Astrophysikerin, sie leiten große Unternehmen oder gründen erfolgreich Startups, nur in einem Bereich hat sich das Verhältnis der Geschlechter nicht geändert: "die Orte der tatsächlich käuflichen Lust bleiben eine Domäne zeitloser Männlichkeit, die eine Frau wie ich immer nur von außen sehen kann".

Nora Bossong - Jahrgang 1982, eine kluge und gute Schriftstellerin - wollte sich mit dieser Tabuzone nicht abfinden, sondern wissen, was sich hinter dieser Geschlechtergrenze verbirgt. Sie hat sich ins Rotlichtmilieu und in Räume gewagt, in denen Frauen gewöhnlich nur als Dienstleisterinnen vor­kom­men, sich auf der Sexmesse und im Bordell umgesehen, einer Tantramassage unterzogen, mit Prostituierten gesprochen und ihre Dienstleistungen beobachtet.

Ein eindrucksvolles und deprimierendes Bild

Diese Reportagen aus der Welt der käuflichen Lust zeichnen ein eindrucksvolles und deprimierendes Bild, sie sind gut geschrieben, beobachten genau und beurteilen klug. Die Autorin geht mit einem Freund in einen Swinger Club - einen ebenso trostlosen wie spießigen Ort des Begehrens -, lässt sich in einem Sexshop von einer burschikosen Berlinerin beraten, in einem düsteren Sexkino wirklich jede Lust vertreiben. Überhaupt scheint das pornographische Leben selten erotisierend, es geht um Geld und ums Geschäft, vor allem aber – und daran ändert auch der weibliche Blick auf die Lage nichts – um das Spiel mit der rein männlichen Befriedigung. Sei es in einem Großbordell, wo die Autorin nicht eingelassen wird oder in einem der wenigen Wohnungsbordelle, die es noch gibt, eines, das noch nicht "weg gentrifiziert" ist.

Nora Bossong ist mit diesen Erkundigungen an die Grenze dessen gegangen, was sich einem weiblichen Blick offenbart, was eine Frau beobachten kann. Sie nimmt uns mit in düstere und verborgene Räume, die letztlich nichts Verruchtes oder Sündiges haben, sondern brutalen ökonomischen Zwängen unterliegen: "Das jedenfalls, was ich in der Tabledance Bar und auf der Sexmesse gesehen habe, schien mir doch beide Male eine eklatante Entzauberung von Sexualität darzustellen. Wirkliches Be­gehren dagegen erzählt für mich immer auch eine Geschichte und hat dadurch etwas Einmaliges. Handel läßt sich damit nicht treiben. Letztlich muss ich mir eingestehen, interessiere ich mich für nichts so sehr wie für vollkommen unverkäuflichen Sex, bei dem mich das Gegenüber tiefer als nur rein physisch berührt…"

Am Verkaufsstand der "Stradivari unter den Sexspielzeugen"

Dieses weibliche Begehren beschreibt sie am Anfang ihrer Recherche, ein Jahr später hat sie das Gefühl nur noch "von einer ewigen Geschichte des Kaufens und Sich-Ver­kaufens umgeben zu sein, von benutzender und benutzter Sexualität, die zu keiner Zeit wirklich frei gewesen sein kann." Dass Prostitution ein Beruf wie jeder andere ist, dass Sexarbeiterinnen selbstbe­stimmt arbeiten, diese Auffassungen kann man nach der Lektüre jedenfalls ebenso wenig teilen wie die Vorstellung, dass Pornografie auch nur ein Hauch von Libertinage anhaftet.

Die Autorin moralisiert nicht, sie beschreibt vor allem Machtdemonstrationen, erinnert auch an Filme wie Luis Bunuels "Belle de Jour" oder an Schnitzlers "Traumnovelle". Und sie deckt über den jeweils entscheidenden letzten Augenblick stets den Mantel des Schweigens. Eine ungewöhnliche und zu­kunftsträchtigste Handelsware entdeckt die Autorin immerhin auf der Berliner Sexmesse: "Holzvibra­to­ren mit den Namen Waldfee und Bärenzunge", diese "Odenwald-Dildos" sind ökologisch wertvoll und verfügen über "Vibrationsfähigkeiten, wie man sie seit Jahrhunderten bei der Geige zu schätzen gelernt habe. Die Stradivari unter den Sexspielzeugen."

Nora Bossong: Rotlicht
Hanser Verlag, München 2017
240 Seiten, 20 Euro

Im Deutschlandradio Kultur-Interview spricht Nora Bossong über ihre Eindrücke bei der Recherche zu ihrem Reportageband "Rotlicht"

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