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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 10.06.2015

Nobelpreisträger Saul BellowMit Blick für das chaotische Innenleben der Menschen

Von Christian Linder

Schriftsteller Saul Bellow mit einigen Büchern (picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Schriftsteller Saul Bellow erhielt 1976 den Literaturnobelpreis. (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Als Kind wollte Saul Bellow ein berühmter Schriftsteller werden. Jahrzehnte später wurde der Amerikaner sogar mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, doch er konnte dem Weltruhm nicht viel abgewinnen. Vor 100 Jahren wurde Bellow geboren.

Die offenbar unvermeidliche Frage an einen Schriftsteller, warum er zu schreiben begonnen habe, hat Saul Bellow kurz abgehandelt:

"Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er Schriftsteller geworden ist. Mein Grund war die Merkwürdigkeit des Lebens, die ich schon in ganz jungen Jahren erfahren habe. Ich glaube, fast jedes Kind spürt diese Merkwürdigkeit des Lebens."

Zu diesem Merkwürdigen gehörte folgende Beobachtung:

"Die Koffer, mit denen meine Eltern reisten, waren exotisch - die Taftunterröcke, die Straußenfedern, die langen Handschuhe, die Knopfstiefel und der Rest all dieser Familienschätze gaben mir das Gefühl, aus einer anderen Welt gekommen zu sein."

Die Eltern, Juden aus Russland, waren 1913 von St. Petersburg nach Kanada ausgewandert, wo Saul Bellow in Lachine, einem Vorort von Montreal, am 10. Juni 1915 geboren wurde. 1924 zog die Familie noch einmal um, nach Chicago, das Saul Bellows Lebensstadt wurde und Geburtsort vieler seiner Romanhelden:

"I am an American - Chicago born."

Harte Zeiten, denn Chicago war damals die Stadt, "wo das Sittengesetz nie dicker als Luftpostpapier war".

Zusammenstoß zweier Welten als Lebensthema

In dieser Neuen Welt hat Saul Bellow die Herkunft seiner Familie aus der Alten Welt nie vergessen und aus dem Zusammenstoß beider Welten sein Lebensthema gemacht. Die Existenz eines jeden werde "in diesem geistig verworrenen Zeitalter" zum Geschäftsbetrieb, doch das menschliche Leben sei kein Geschäft. Darauf besteht Moses Herzog, die Hauptfigur von Saul Bellows 1964 erschienenem Roman "Herzog". Er hat sich in ein Haus mit einem verwilderten Garten drum herum zurückgezogen und schreibt Briefe an Philosophen wie Friedrich Nietzsche. Er bewundert zwar viele philosophische Ideen, doch das Leben selbst erscheint ihm nicht als bloße Idee, sondern mehr als konkret zu gestaltendes Ereignis. Aber wie die Menschen leben oder sich leben lassen, erkaltet sind und bloß hinter ihrer Karriere herlaufen, das missfällt Herzog, und darüber spricht er in seinen Briefen, indem er einen langen Monolog hält und seine Selbstzweifel nicht unterdrückt:

"Wenn ich den Verstand verloren habe, soll's mir auch recht sein."

Dieser Herzog trug unverkennbar autobiografische Züge seines Erfinders Saul Bellow. Auch er wie Moses Herzog lange Professor für Soziologie an der Universität Chicago. Und was diese funkelnde Art betraf, Herzog mit Wörtern und Gedanken jonglieren zu lassen, neben dem Dramatischen eines Lebens auch die komischen Seiten zu sehen, all die Verrücktheiten, in denen Menschen um ihr Leben kämpfen und ihre Irrtümer produzieren - diese Fähigkeiten hat Bellow auch in anderen Büchern wie "Die Abenteuer des Augie March", "Humboldt's Vermächtnis" oder "Mr. Sammlers Planet" bewiesen.

Ein Träumer mit einem ausschweifenden Blick für das chaotische Innenleben eines Menschen; und ein großer Realist mit präzisem Blick für die Tatsachen des Lebens. Als er sich 1976 für den Nobelpreis für Literatur bedankte, wandte er sich noch einmal gegen den "abstrakten Intellektualismus der westlichen Gegenwartsliteratur". Die Grundfragen menschlichen Lebens wie "Was ist der Mensch?" müssten wieder in den Mittelpunkt der Literatur gerückt werden, wobei Antworten innerhalb von ideologischen Gedanken-Gebäuden völlig untauglich seien:

"Ich glaube, jeder Philosoph, der Vorschläge zum Wohl der Menschheit zu machen hat, wie überhaupt jeder Mensch, der große Massen von irgendetwas überzeugen will, sollte vorher eine Auszeit nehmen, um darüber nachzudenken, was geschehen wird, falls sich seine Ideen als Unfug erweisen."

Ein rückständiger Konservativer?

Durch solche Zivilisationskritik geriet Bellow in den Ruf, ein rückständiger Konservativer zu sein, woraufhin er im Alter - er starb 2005 89-jährig in Boston - seine Ansichten noch umso deutlicher betonte. Angesichts der katastrophalen Zustände in der Welt, so hatte er schon 1970 in dem Roman "Mr. Sammler's Planet" geschrieben, komme es letztlich auf den Einzelnen an und seinen Versuch, dem eigenen Leben eine Würde zu geben durch nicht nachlassende Aufmerksamkeit für die eigentümlichen Einzelheiten des Lebens und ihre Wahrnehmung in jeder Situation. Nach dieser Devise hat Saul Bellow selbst gelebt und geschrieben:

"Soviel zu beobachten war nicht praktisch, zuweilen schädlich, aber die Tatsachen konnten nicht übergangen werden."

Mehr zum Thema:

Saul Bellow – Die drei großen Romane
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 01.06.2009)

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