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Mittwoch, 22.11.2017

Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 23.06.2017

Nizan Stein KokinDie erste in Deutschland ausgebildete Masorti-Rabbinerin

Von Carsten Dippel

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Neue Synagoge in Berlin (imago / Schöning)
Neue Synagoge in Berlin (imago / Schöning)

Masorti, hebräisch für Tradition, steht für ein Judentum zwischen Orthodoxie und Reform. Mit Nizan Stein Kokin wurde am Zacharias Frankel College in Potsdam jetzt erstmals eine Frau zur Masorti-Rabbinerin ordiniert.

"Ich hatte schon in meinen Jugendjahren das Bedürfnis, geistliche Arbeit zu machen, Gemeindearbeit zu machen, war immer engagiert."

Nizan Stein Kokin ist die erste Absolventin des noch jungen Zacharias Frankel Colleges in Potsdam. Mit ihm wurde – einmalig in Europa – eine Rabbinerausbildung für die konservative Ausrichtung im Judentum ermöglicht. Masorti, hebräisch für Tradition, nimmt eine Position zwischen Orthodoxie und Reform ein: Es wird großen Wert auf die Halacha gelegt. Zugleich ist Masorti egalitär und bietet Frauen die Möglichkeit, ein geistliches Amt zu übernehmen.

"Eine Sache, die mir schon immer wichtig war, war die Gleichstellung der Frau. Weil es mir einfach wichtig ist, dass meine Kinder sehen, dass Frauen auch am Ritus im öffentlichen Gemeindeleben sich beteiligen können."

"Tradition ist wichtig"

Auch die Berliner Rabbinerin Gesa Ederberg folgt Masorti. Sie wurde in Israel ordiniert und leitet heute eine kleine Gemeinde in der Oranienburger Straße:

"Das entscheidende Charakteristikum ist, dass wir sehr intensiv uns an die Tradition halten einerseits und gleichzeitig sehr verwurzelt im Heute sind. Also, Tradition ist wichtig und hat große Autorität. Wir verstehen Tradition so, dass sie sich immer über die Jahrhunderte hinweg angepasst und weiterentwickelt hat und diese Entwicklung eben immer noch weitergeht. Also wir mit heutigen Fragen an die alten Texte rantreten und dann Antworten finden, die beiden gerecht werden: den heutigen Umständen und dem, was die jüdische Tradition an Werten und auch an Praxis vertritt."

Für Nizan Stein Kokin, die mit deutschem Namen Anemone heißt, schließt sich mit ihrer Ordination ein Kreis. "Nizan" bedeutet im Hebräischen ein "neuer Spross". Ein Name, den sie ganz bewusst für sich in Israel gewählt hat und der wohl auch ein Sinnbild für ihren Weg von einem christlichen Elternhaus zur ersten Masorti-Rabbinerin Deutschlands ist. Sie wuchs in der Nähe von Karlsruhe auf, interessierte sich schon früh für das Judentum. Mit Anfang zwanzig ging sie für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Israel und studierte dann dort an der Hebräischen Universität in Jerusalem Judaistik.

"Damals dachte ich, wenn ich meinen christlichen Glauben verstehen möchte, muss ich auch die Kultur verstehen, aus der er sich entwickelt hat. In dieser Zeit, als ich mich intensiv mit den biblischen Texten, auch den talmudischen Texten auseinandergesetzt habe, da habe ich gemerkt, dass das ein persönliches Interesse ist."

Anziehungskraft der Ganzheitlichkeit

So blieb es nicht bei der akademischen Beschäftigung mit den jüdischen Quellen. Sie setzte den nächsten Schritt und trat nach orthodoxem Ritus zum Judentum über. Das war vor mittlerweile 18 Jahren.

"Ich glaube, es war weniger ein Schritt, dem Christentum adé zu sagen. Die Ganzheitlichkeit hat mich sehr am Judentum angesprochen. Die Zeit zu haben für die Familie, dass es Regeln gibt, die mich dazu verpflichten, das finde ich, trifft einen Aspekt in meinem Menschsein, der mir damals so ein bisschen im Christentum gefehlt hat."

Noch ist der Studiengang in Potsdam überschaubar groß. Es gibt derzeit vier Studenten, die Betreuung ist intensiv und das Programm äußerst anspruchsvoll. Neben dem Studium biblischer und talmudischer Texte gehören zur Ausbildung am Frankel College auch Praktika in Gemeinden. Internationalität wird geschätzt. Die Beherrschung von Hebräisch und Deutsch ist eine wichtige Voraussetzung, sagt die Koordinatorin des Studiengangs Sandra Anusiewicz Baer:

"Das Ausbildungsprogramm ist hier sehr ambitioniert. Wir verlangen von den Kandidaten schon ziemlich viel, bevor sie überhaupt kommen. Ich glaube, der Beruf des Rabbiners ist wirklich ein sehr sehr herausfordernder Beruf, fordernder Beruf, weil man auf so vielen verschiedenen Ebenen tätig ist."

Bedarf für ein konservatives Judentum in Deutschland

Für Masorti, das als "conservativ Judaism" vor allem in den USA stark vertreten ist, sieht sie auch hierzulande viel Bedarf:

"Ich würde sagen, dass es tatsächlich ein ergänzendes Element ist, um eben auch die Vielfalt abzubilden, die wir mittlerweile wieder haben beziehungsweise die wir auch weiter vorantreiben möchten. Und es scheint mir immer erstaunlich, dass gerade konservative oder Masorti-Rabbinerinnen und -Rabbiner gar nicht so stark vertreten sind in Deutschland, weil ich denke, dass sie eigentlich ganz gut das Lebensgefühl widerspiegeln, was die meisten Gemeindemitglieder haben. Dementsprechend denke ich, dass wir als Ausbildungsstätte da eine ganz wichtige Funktion haben und auch eine Lücke schließen."

In Israel lernte Nizan Stein Kokin ihren Mann kennen, einen US-Amerikaner, mit dem sie im Jahr 2002 das Land verließ und in die USA zog. Am Hebrew College in Boston studierte sie Jewish Education. Jahrelang war sie in der jüdischen Bildungsarbeit engagiert. Doch dann öffnete sich mit dem Zacharias Frankel College ein ganz neues Fenster. Sie erinnerte sich an ihren alten Wunsch, in der Gemeindearbeit aktiv zu sein, Gottesdienste mitzugestalten.

"Das Masorti-Judentum, das ist so in der Mitte zwischen dem Respekt vor der Tradition, dem großen Respekt vor der Überlieferung, aber auch eben das moderne Leben ganz bewusst und die modernen Ansätze, das kritische Denken, bewusst mit einbezieht. Das ist so wirklich der Schnittpunkt, an dem ich mich selbst wiederfinde."

Ihr Vorbild ist Regina Jonas

Von Baden-Württemberg hinaus in die weite Welt, auch so könnte man den Weg von Anemone Nizan Stein Kokin beschreiben. Derzeit lebt sie mit ihrem Mann und den zwei Töchtern in Los Angeles. Wohin sie als erste in Deutschland ordinierte Masorti-Rabbinerin gehen wird, ist im Moment noch offen. Ein großes Vorbild war für sie immer Regina Jonas, die 1935 zur weltweit ersten Rabbinerin ordiniert wurde. Am Sonntag wartet aber erst einmal ihr großer Tag.

"Das ist ein unglaubliches Privileg. Also im Hebräischen S’chut. Ja, so wie ein Geschenk ein bisschen. Ich freue mich sehr darüber, ein kleines Werkzeug in der großen Geschichte zu sein."

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