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Lesart | Beitrag vom 20.03.2017

Niroz Malek: "Der Spaziergänger von Aleppo"Chroniken der Verzweiflung

Von Ulrich Noller

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Buchcover: Niroz Malek "Der Spaziergänger von Aleppo" (Weidle Verlag / dpa / Deutschlandradio)
Buchcover: Niroz Malek "Der Spaziergänger von Aleppo" (Weidle Verlag / dpa / Deutschlandradio)

Der syrische Schriftsteller Niroz Malek ist nicht aus Aleppo geflohen, sondern geblieben. Er schreibt kurze Texte über sein Alltagsleben in einer Stadt, auf die Bomben fallen. Es sind Einblicke in die Über-Lebenswelten der teilzerstörten Metropole Aleppo. 55 dieser Miniaturen sind jetzt ins Deutsche übersetzt worden und als Buch erschienen.

Bleiben, unter allen Umständen: Der 71-jährige Schriftsteller Malek wollte seine Bücher, seine Bilder, seine Platten – seine Heimat und Geburtsstadt Aleppo – nicht verlassen. Trotz Granaten, Schüssen und ständigen Kontrollen auf jedem Weg, trotz der Toten. Malek, in Syrien und dem arabischen Sprachraum bekannt für seine Kurzgeschichten, verarbeitet seine Erlebnisse und Beobachtungen zu Kurztexten.

Niroz Malek, der Spaziergänger und Chronist von Aleppo

Ein Teil davon ist jetzt ins Deutsche übersetzt worden und als "Der Spaziergänger von Aleppo" erschienen. Die 55 Texte darin zeugen davon, dass er dieses Metier aus dem Effeff beherrscht: Kurze und kürzeste Texte, deren Länge zwischen einer halben und maximal zwei bis drei Seiten variiert, die trotzdem aber ganze Welten anklingen lassen – die (Über-) Lebenswelten der belagerten, umkämpften, schließlich teilzerstörten Metropole Aleppo.

So etwa, wenn der "Spaziergänger" von dem Jungen mit Down-Syndrom erzählt, der an einem Checkpoint erschossen wird, weil er nicht versteht, dass er stehen bleiben und sich ausweisen muss. Oder wenn ein verzweifelter junger Mann in einem Café auftaucht und zugleich nicht richtig da sein, sich setzen kann - er bittet seinen Onkel und den Erzähler um Hilfe, er schlottert trotz dicker Kleidung in der Julihitze. Der junge Mann wurde getötet, kann aber nicht beerdigt werden und zur Ruhe finden, er liegt in einem Krankenhauskühlfach, eigentlich, und hält die Kälte nicht mehr aus...

Facetten der Ohnmacht

Checkpoints, Cafés, leer bleibende Stammplätze, Todesanzeigen an den Häusern, herum geisternde Kriegsopfer. Diese und ähnliche Motive verwendet Niroz Malek immer wieder, um die absurd-bedrohlich-kafkaeske Situation in Aleppo zu erfassen und ermessen. Immer wieder balancieren seine Texte zwischen Realität und Traum.

Der Grat, auf dem diese Balance stattfindet, markiert die millimeterschmale Grenze zwischen Leben und Tod, Tod und Leben. Und diese Grenze verwischt immer wieder: die Lebenden sind Untote; die Toten bleiben, irgendwie, lebendig.

Malek variiert diese Gemengelage ein ums andere Mal, er konjugiert gewissermaßen die Facetten der Ohnmacht, die das Überleben in Aleppo bedeutet für diejenigen, die bleiben mussten. Oder wollten, wie er. Der Schriftsteller ist der Chronist der Verzweiflung. Was kann man tun, um das zu ertragen?

Die Antwort liegt in den Texten selbst, in ihrer Klarheit, in ihrer Stilsicherheit: Mit den Mitteln der Literatur ringt Niroz Malek dem Abgrund Tat für Tag einen Tritt festen Boden ab. Der Willkür und dem Tod setzt er nicht nur den Trotz seines Bleibens entgegen, sondern auch den seiner Begabung.

Aus den schlechtestmöglichen Bedingungen macht Malek das bestmögliche Ergebnis, indem er seiner Lebenssituation in Aleppo Kunst abtrotzt. Das ist alles, was er hat, und das lässt er sich nicht nehmen: Eine Haltung. 

Niroz Malek: "Der Spaziergänger von Aleppo"
Aus dem Arabischen übersetzt von Larissa Bender
Weidle Verlag, März 2017
144 Seiten, 17 Euro

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