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Tonart | Beitrag vom 23.02.2018

Neues von Isolation Berlin, Erdmöbel und Antje SchomakerFake-Gefühle und subtile Gesellschaftskritik

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Erdmöbel (Matthias Sandmann)
Erdmöbel (Matthias Sandmann)

Der erste Eindruck trügt: Die Songs von Erdmöbel klingen zwar so harmlos wie Kinderlieder, doch es steckt in ihnen eine subtile Gesellschaftskritik. Isolation Berlin suchen nach neuen Kicks. Und Antje Schomaker sorgt für Marmeladenglas-Momente mit infantilem Glockenspiel.

Das auffälligste Stück auf dem neuen Album von Erdmöbel ist eine neunminütige Anleitung zum Weinen. Allerdings werden hier keine echten Tränen vergossen – es geht gesellschaftskritisch um Fake-Gefühle und Fake-Tränen. "Tutorial" heißt der Song und steht thematisch noch am ehesten in Verdacht, den irreführenden Albumtitel zu rechtfertigen. "Hinweise zum Gebrauch" heißt die neue und bereits 12. Platte der Band aus Köln.

Die Erdmöbel-Songs wirken so harmlos wie Kinderlieder. Natürlich ist das Kalkül. Die Musik steht im Kontrast zu den bisweilen kantigen Texten. Doch wenigstens sind sie nicht gestelzt, die Texte und frei nach dem Motto, dass das Private immer auch politisch ist, sind sie Gesellschaftskritik auf ganz leisen Sohlen. Also ein Album für sensible Gemüter, die es versponnen mögen.

Gar nicht auf leisen Sohlen und mit einer gehörigen Portion Existenzialismus in den Adern kommt die Band Isolation Berlin auf ihrem neuen Album "Vergifte Dich" um die Ecke.

Bei Isolation Berlin ist erlaubt, was sich in unserer neoliberalen Zeit niemand zugestehen will: Man darf verzweifeln, traurig, der Welt überdrüssig oder gar depressiv sein. Postpunkige Gitarren rütteln auf und zeigen an, dass es weitergeht. Sänger Tobias Bamborschke hat sich aus dem verhängnisvollen Netz aus Liebeskummer und Selbstmitleid des Vorgängeralbums weitestgehend befreit und sucht nun nach neuen Kicks.

Aber es geht – wie der Song "Mir träumte"  zeigt – auch traumwandlerisch zu auf dem neuen Album von Isolation Berlin.
Am deutlichsten spüren wir, dass wir am Leben sind, wenn uns innere Konflikte quälen. Falls Sie es gern unkonventionell mögen, kann ich ihnen die Platte "Vergifte Dich" wärmstens empfehlen.

Glattgebügelt ist allerdings das Debüt von Antje Schomaker. Irritiert glaubt man, die Gesangslinie hier oder den Refrain dort schon einmal gehört zu haben. Vermutlich bei ihren männlichen Kollegen Tim Bendzko oder Johannes Oerding. Geradlinige Akustikgitarren schrammeln unmotiviert unter pathetischen Klavierakkorden.

Pathos ist überhaupt das Schlagwort für das Album "Von Helden und Halunken" der Singer-Songwriterin aus Hamburg. Marmeladenglasmomente nennt sie die kleinen vermeintlich wertvollen Augenblicke, die sie am liebsten konservieren will und von denen sie uns erzählt. Als wäre dies nicht rührend genug, blinkert dazu noch ein herzzerreißend-infantiles Glockenspiel in ihrem Song "Glanz und Gloria".

Wer sich gern in eine Welt begeben will, die die sozialen Fragen unserer Zeit weitestgehend ignoriert und wer gefallen an Wortspielen findet, die in der Gewichtsklasse des Songtitels "an und Für Dich" spielen, der kann bei Antje Schomaker sein Glück versuchen. Auch ein gehaltvoller lalala-Refrain fehlt da nicht.

(mw)

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