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Zeitfragen | Beitrag vom 13.03.2018

Neue Wege in der Modeindustrie Auf Mission für nachhaltige Mode

Von Georg Schwarte

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Nachhaltige Mode (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)
Studenten der TU Berlin präsentieren unter dem Motto "Sustainable Jerseys" biologisch abbaubare Mode. (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)

Die Bekleidungsindustrie ist eine der umweltschädlichsten Branchen überhaupt. Der finnische Textildesigner Timo Rissanen will gegensteuern. Er setzt dafür bereits bei der Ausbildung an und bringt seinen Studierenden bei, wie nachhaltige Mode designet wird.

"Ich bin Idealist. Durch und durch. Wir brauchen mutigen Idealismus."

Dr. Timo Rissanen, Finne, Menschenfreund. Textildesigner. Professor und ja, Störenfried, das ist er ganz sicher: Vorsichtig und vernünftig zu sein, bringe uns nirgendwohin. Die Welt müsse mutig, verrückt und idealistisch denken. Der Mann hat gut reden. Denn er denkt so seit langer Zeit. Eigentlich, seit er anfing, sich für Mode zu interessieren. Schon damals las er jedes Buch über Mode, das er finden konnte. Alles. Obsessiv, so nennt er sich:

"1996 ging ich dann nach Australien, um dort Mode zu studieren. Wobei niemand geht dahin, um Mode zu studieren. Ich bin wegen eines Mannes gegangen."

Timo Rissanen. Der Modedesigner, ein Mann, der daran glaubt, dass man Jeans, T-Shirts, Hemden und Jacketts schneidern kann, ohne buchstäblich ein Stückchen Stoff zu verschwenden. Zero-Waste-Design. 

"Im normalen Industriebetrieb denkt der Fashion-Designer nicht darüber nach, ob Textilien verschwendet werden. In meiner Doktorarbeit hab ich vorgeschlagen, Designer sollten nicht nur darüber nachdenken, sondern es zum Teil des Designs zu machen."

Stoffe, die wenigstens kompostierbar sind

Er machte es, entwarf Mode, deren Schnittmuster dafür sorgen, dass nicht wie üblich 20 Prozent der Textilware im Müll landen. Mode, die wiederverwertbar ist. Stoffe, die, wenn gar nichts mehr hilft, wenigstens kompostierbar und Nährboden für die Baumwollpflanzen sei können, die die nächste Textilgeneration verwendet. Nachhaltigkeit. Auch so ein Wort, das dieser junge Professor, der an der New Yorker Parsons’ School of Design lehrt, sehr wörtlich nimmt.

"Gerade gestern als ich eine Vorlesung hielt, lag ein Starbucks Becher auf dem Boden. Der Deckel Plastik. Da hab ich über Plastik geredet. Der Becher mit Kunststoff bezogene Pappe. Nicht zu recyceln."

Seine Botschaft. Er verurteile niemanden, der aus solchen Bechern trinke, aber er bat seine Studenten, fragt Euch doch, wie aufwendig ist es für Euch, eine wieder verwertbare Tasse zu nutzen. 

Ein Buch über nachhaltige Mode

Kleine Dinge, große Wirkung. Timo Rissanen. Er hat ein Buch geschrieben über Zero-Waste-Fashion-Design, bietet Vorlesungen an über nachhaltige Systeme. 

"Die meisten Probleme rund um Nachhaltigkeit, haben mit den dominierenden Wirtschaftsstrukturen, mit dem Kapitalismus zu tun. Die Produzenten wollen Profit um jeden Preis. Manchmal ist der Preis Menschenleben, oder Umweltzerstörung oder Ausbeutung der Ressourcen."

Rissanen hinterfragt die Modewelt. Hält Vorträge. Stört den Betrieb. Einmal, als er auf einem Seminar wieder seine aufrührerischen Reden hielt, über Zero-Waste Design, über Plastikmode, die am Ende als Micro-Teilchen unsere Wasser ruiniert, kam einer der Teilnehmer, der Chef einer Modefirma, bei der er ein paar Tage später reden sollte.

Der Manager kam zu ihm und sagte dem Professor, wenn sie demnächst bei uns sind, können sie aber nicht so reden. Er kann, er macht es trotzdem. Er stört eben gern.

"Es gibt diese magische Zutat in der menschlichen Vorstellungskraft. Ich sage nicht, es gibt einen Algorithmus dafür, aber es gibt Dinge, die wir können, die sind magisch."

Die Modebranche aufmischen gehört auch dazu. Dass große Ketten wie H&M jetzt den Kunden anbieten, ihre alten Klamotten zurückzugeben, gegen neue einzutauschen: im Prinzip ein gute Idee, sagt der Designer. Aber der kleine Teufel in seinem Kopf sagt noch etwas:

"Meine zynische Seite sagt, das machen sie nur, damit die Leute wieder mehr Platz im Kleiderschrank haben und noch mehr kaufen und dann die Frage: Was machen sie mit den alten Klamotten."

Timo Rissanen und seine nachhaltige Mode. Der Mann glaubt daran nachhaltig. Und weil er eben ist, wie er ist, schaut er trotz aller Probleme am Ende doch ganz optimistisch in die Zukunft:

"Alles in allem bin ich optimistisch. Es gibt riesige Herausforderungen in der Modewelt. Giftstoffe, Arbeitsbedingungen. Abfall. Aber ich glaube, wir können das lösen."

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