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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 05.01.2018

Neue StudieWie Schule die jüdische Identität prägt

Von Carsten Dippel

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Schüler spielen auf dem Pausenhof der Talmud Tora Schule in Hamburg.  (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
Jüdische Schüler auf einem Schulhof (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Jüdische Schulen gibt es in vielen deutschen Städten. Auch nichtjüdische Schüler lernen hier. Was motiviert sie dazu? Und welchen Einfluss hat das schulische Leben auf die jüdische Identität der Kinder?

Sandra Anusiewicz-Baer hat für ihre Studie intensive Gespräche mit Absolventen des Berliner "Moses Mendelssohn"-Gymnasiums geführt. Wie diese besondere Lehranstalt jüdische Identität formt, war dabei eine zentrale Frage. Immerhin zählt die Einrichtung rund 35-40 Prozent nichtjüdische Schüler. Auch ist nur knapp ein Viertel der Lehrerschaft jüdisch.

Anusiewicz-Baer: "Die Frage ist tatsächlich, was macht denn eine jüdische Schule jüdisch? Sind es die Inhalte oder sind es die Kinder, die diese Schule besuchen?"

Das jüdische Profil ist tatsächlich für alle Schüler bindend. Dazu zählt das koschere Mittagessen, das Tragen der Kippa im Religionsunterricht und das Einhalten der jüdischen Fest- und Feiertage. Es gibt eine starke Ausrichtung auf Israel, Hebräischunterricht, Fahrten in KZ-Gedenkstätten.

Anusiewicz-Baer: "Das sind die Inhalte, die zählen und das kann man an der Oberschule, denke ich auch, gut sehen. Die, die jüdisch sind, bekommen dort die Inhalte genauso vermittelt, wie die, die eben nichtjüdisch sind. Und können sich dann entscheiden, in wieweit sie diesen Inhalten Raum geben wollen in ihrem nachschulischen Leben."

Gute Betreuung - eine Motivation für nichtjüdische Bewerber

1993 wurde die Jüdische Oberschule als staatlich anerkannte Privatschule gegründet. Träger ist die jüdische Gemeinde. Deutschlandweit war es das erste jüdische Gymnasium seit der Shoah. Mittlerweile gibt es auch in anderen deutschen Städten weiterführende jüdische Schulen. Bei jeder Gründung werde ein besonderer Anspruch postuliert, sagt Anusiewicz-Baer:

"All diese Erweiterungen und Neugründungen waren wirklich immer verbunden mit diesem 'Schlachtruf': Das sichert die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland! Wir brauchen diese Schulen, denn das ist der Ort neben der Familie und neben der Gemeinde, wo jüdische Identität eben gelernt wird und gelebt wird."

Für ihre Dissertation hat sie 23 lebensgeschichtliche Interviews mit Absolventen geführt. Interessiert hat sie dabei auch die Frage, was nichtjüdische Kinder bewogen hat, sich ausgerechnet bei einem jüdischen Gymnasium zu bewerben. Dabei fiel ihr auf, dass ein speziell jüdisches Profil für viele zunächst gar nicht relevant war.

"Man hat die jüdische Oberschule gesehen als eine Privatschule, die relativ günstig ist, eine kleine, verträgliche Klassenstärke aufweist, Lehrer, die sich um die Kinder zu kümmern scheinen, eine ganz enge, gute Betreuung und wenn man keine Gymnasialempfehlung hatte, dann haben sich die Familien teilweise dahin gewandt.

Für manche sei auch die Internationalität der Einrichtung, Lehrer aus den USA oder Israel, attraktiv gewesen. Schlicht auch eine gewisse Neugierde. Und doch habe sich nach und nach bei Vielen eine jüdische Identität herausgebildet, im Sinne einer Art Verbundenheit mit dem Gegenstand Judentum.

"Bei meinem Forschungsgegenstand hat es sich ergeben, dass Jüdischkeit oder jüdische Identität tatsächlich der Dialog um den Gegenstand Judentum ist. Also dass eigentlich die Schule so wirklich eine Interessensgemeinschaft begründet oder eine Kommunikationsgemeinschaft, dass man sich mit diesem Gegenstand beschäftigt, dass man damit verbunden bleibt. Und das kann auf vielfältige Art und Weise passieren.

Fast familärer Zusammenhalt unter Schülern

Etwa durch Synagogenbesuche, das Ausführen von Ritualen oder die Weitergabe der Tradition. Häufig zeige es sich aber auch in ganz anderen Formen: Die Teilnahme an Veranstaltungen wie jüdischen Kulturtagen, das Lesen hebräischsprachiger Autoren oder ein Israelbesuch. Wie nachwirkend das ist, sei eine andere Frage.

"Man beschäftigt sich dann durchaus auch auf einer wissenschaftlichen Basis mit den Traditionen, das heißt aber überhaupt nicht, dass man die Tradition dann selbst im eigenen Leben anwendet. Aber man beschäftigt sich damit. Das Interesse ist da. Man möchte ergründen, warum und weshalb, in welchem Zusammenhang das steht."

Was sie in ihren Gesprächen auf jeden Fall ausgemacht hat, ist ein starker, beinahe familiärer Zusammenhalt unter den Schülern.

"Das ist natürlich insofern auch spannend, weil sehr viele gar keine jüdische Familie haben. Und wenn man keine jüdischen Geschwister hat oder keine jüdischen Großeltern. Und mit der Oberschule, wo jeder so ein bisschen jüdische Familie hat, aber niemand hundertprozentig, wird das dann eben zu einem Familienersatz und gleicht das aus."

Für viele sei das eine identitätsstiftende Erfahrung. Sie berichtet von einem Schüler, der in Deutschland keine Bar Mitzva machen konnte, weil nur sein Vater Jude war. Gleichzeitig habe dieser Schüler für sich selbst eine starke jüdische Identität reklamiert.

"Er hat dann außerhalb der Schulmauern immer wieder gespiegelt bekommen, ne, eigentlich bist du nicht jüdisch. Das ist halachisch alles nicht korrekt. Und damit ist die jüdische Oberschule wirklich zu diesem Ort avanciert, die ihn einerseits geschützt hat vor dem Antisemitismus auf der Straße, dort, wo er seine Identität bestätigt bekommen hat und vor diesen Ausschlusstendenzen der Orthodoxie. Und die Schule... ganz, ganz viele sagen auch, Mensch, das sieht aus wie ein Knast und da ist also dieses Riesentor und diese Riesenmetalldetektoren und dann stehen da die israelischen Bodyguards und die deutsche Polizei... und gerade für diesen Absolventen, der fand das ganz Spitze. Weil, indem er eingelassen wurde zu dieser abgeriegelten Welt, war für ihn klar, aha, ich bin da drin, ich bin ein jüdischer Schüler auf der jüdischen Oberschule und die Oberschule war damit für ihn ein sicherer Ort für die Identität."

Zentrale Rolle der Schule für neues Judentum

Sandra Anusiewicz-Baer hat mit ihrer Studie zur Jüdischen Oberschule ein bemerkenswertes Buch über die Ausprägung von jüdischer Identität geschrieben. Eine Identität, die bei aller Gemeinsamkeit der Erfahrung für nichtjüdische Schüler letztlich dennoch anders akzentuiert bleibe.

"Wenn sie nach Hause kommen und die Tür zumachen, ich denke, dann bleibt das Thema ein stückweit draußen. Während das bei den jüdischen Absolventen dann auch hinter der Tür noch eine Rolle spielt. Wenngleich eben nicht unbedingt sich dadurch auszeichnet, dass man koscher isst oder Shabbat hält. Vielleicht gibt es so diese sehr starken, großen Trennlinien nicht. Aber die nichtjüdischen, die verstehen sich dann eben auch nicht als jüdisch.

Für eine etwaige Renaissance des Judentums als Religionsgemeinschaft ist das Jüdische Gymnasium indes kein Beleg, sagt Anusiewicz-Baer:

Wenn wir über jüdische Identität sprechen, dann zeigt die sich in den seltensten Fällen in der Observanz. Im Religiösen. Und diese ganze Rede, dieses Mantra von der Wiederbelebung des Judentums in Deutschland und dieser schulischen Basis, die dazu beiträgt, das führt nicht dazu, dass wir eine Wiederbelebung im religiösen Bereich haben. Die findet im Religiösen nicht statt. Sondern die zeigt sich wirklich in ganz anderen Bereichen, vielleicht auch im politischen Engagement oder im ehrenamtlichen. Das ist sehr sehr zerfasert und sehr selektiv auch."

Das zeigt sich exemplarisch beim Fall einer Absolventin, den die Autorin schildert: Eine ehemalige Schülerin, nichtjüdisch, lernt auf der Schule ihren späteren Partner kennen, jüdisch. Sie bekommen ein Kind, trennen sich wieder, der Vater möchte jedoch, dass das Kind jüdisch aufwächst. So ist die Mutter schließlich diejenige, die mit ihrem auf der Jüdischen Oberschule gewonnenen Wissen dem Kind Judentum vermittelt. Bei Familienfeiern sei sie die einzige, die dem Jungen die Brachot ins Ohr flüstern kann.

"Das wirft natürlich auch ein Licht auf die Gesamtsituation in Deutschland. Wie sieht das Judentum heute aus, im 21. Jahrhundert in Deutschland? Da haben wir eben diesen Fall: Wir haben einen Jungen, der halachisch gesehen nach dem jüdischen Religionsgesetz ja eigentlich auch gar nicht jüdisch ist und von seiner nichtjüdischen Mutter aber die religiösen Voraussetzungen beigebracht bekommt. Und was wird denn aus diesem Kind? Wie wird sich dieses Kind einmal verorten, wie wird es sich selber sehen und welche jüdische Identität wird es ausprägen? Das ist durchaus eine spannende Frage und ich glaube, dass die Schule da eine wichtige Rolle spielt in dieser Herausbildung eines neuen Judentums in Deutschland."

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(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 18.04.2016)

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