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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 28.12.2008

Neue Instrumente und ein großes Jubiläum

Das Internationale Jahr der Astronomie

Von Dirk Lorenzen

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Sternenhimmel (AP Archiv)
Sternenhimmel (AP Archiv)

Für die Astronomen wird 2009 ein ganz besonderes Jahr. Auf Beschluss der Vereinten Nationen wird das neue Jahr das Internationale Jahr der Astronomie. Anlass ist der 400. Jahrestag der ersten Fernrohrbeobachtungen durch Galileo Galilei.

Bevor wir über das neue Jahr sprechen, ein Blick zurück: Wie himmlisch war denn 2008 für die Astronomen?
Das Jahr war sehr erfolgreich. Beherrschendes Thema war einmal mehr die Suche nach fremden Planeten und damit natürlich indirekt nach fremdem Leben im All. Erst im November sorgten die ersten direkten Fotografien von Planeten, die andere Sterne umkreisen, für Aufsehen. Da hatten die Astronomen erstmals Planeten aufgenommen, die unserem Jupiter zumindest etwas ähnlich sind. Für die Fachzeitschrift Science ist das eine der wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen des Jahres.

Auch an Weihnachten waren drei Astronauten auf der Internationalen Raumstation. Können die Raumfahrer auf ein gutes Jahr zurückblicken?
Absolut. 2008 ist so problemlos verlaufen, wie man es kaum hat erwarten können. Die Raumstation wird kräftig weiter ausgebaut. 4Mal ist ein Shuttle zur Raumstation geflogen. Anfang Februar war Europas Raumlabor Columbus an Bord. Europa ist jetzt endlich voller Partner der Raumstation. Mit Columbus beginnt das systematische Forschen in der Schwerelosigkeit – vor allem, wenn ab Mitte 2009 dann sechs Astronauten dauerhaft im All postiert sein werden. Nur vier Wochen nach Columbus ist erstmals Europas neuer Lasttransporter ATV mit einer Ariane-Rakete zur Raumstation geflogen. Auch das hat alles geklappt. 2008 war ein sehr gutes Jahr für die Raumfahrt.

Wie steht es um die unbemannte Raumfahrt?
Da ist der Mond derzeit wieder ganz groß in Mode. Die indische Sonde Chandrayaan-1 ist zum Mond geflogen – an Bord sind auch Instrumente aus Europa. Die Amerikaner werden im neuen Jahr eine eigene Mondsonde starten. Deutschland hatte ja auch mal große Pläne mit einer eigenen Mondsonde – aber für die ist kein Geld da, wie sich nun herausstellt. Aus dem Projekt wird wohl nichts.

Was war Ihr persönliches Highlight in diesem Jahr?
Mich haben zwei Beobachtungen besonders fasziniert: Zum einen haben die Astronomen das riesige Schwarze Loch im Zentrum der Milchstraße sehr genau beobachtet. Aufnahmen der letzten 17 Jahre zeigen nun, wie dort einige Sterne um das Schwarze Loch herumflitzen wie ein Mückenschwarm in der Abendsonne.
Mitte September haben Astronomen eine Explosion beobachtet, die sich in mehr als 13 Milliarden Lichtjahren Entfernung ereignet hat. Da ist ein gewaltiger Stern explodiert, als das Universum kaum 700 Millionen Jahre alt bzw. jung war. Heute ist der Kosmos fast 15 Milliarden Jahre alt. Nie zuvor hat man eine Explosion in so großer Entfernung bzw. so früh in der Geschichte des Universums beobachtet.
Die Beobachtung des Schwarzen Lochs und dieser Explosion gelang mit Teleskopen der Europäischen Südsternwarte ESO in Chile. Diese Teleskope stehen mitten in der Atacama-Wüste und sind die leistungsstärksten der Welt.

Die Vereinten Nationen haben 2009 zum Internationalen Jahr der Astronomie erklärt. Warum gerade 2009?
Die Astronomen feiern im kommenden Jahr gewissermaßen das Jubiläum ihrer Wissenschaft. Im Herbst 1609, also vor bald genau 400 Jahren, hat Galileo Galilei erstmals ein Teleskop an den Himmel gerichtet und dabei die Berge auf dem Mond entdeckt, die vier hellsten Jupitermonde, die Sterne der Milchstraße, die Phasen der Venus usw. Das war für die Astronomie ein gewaltiger Sprung. Damals waren diese Beobachtungen etwas Unerhörtes: Denn für viele war der Himmel etwas Göttliches. Da oben leuchteten Gottheiten aber keine Felskugeln. Alles sollte sich um die Erde drehen – und plötzlich sah man beim Jupiter vier Körper, die offensichtlich um den Jupiter kreisen und nicht um die Erde. Galilei hat mit der Nutzung des Fernrohrs und dem schnellen bekannt Machen seiner Entdeckungen die Astronomie geradezu neu erfunden. Das war der Beginn der Neuzeit für die Astronomie!

Was bringt es, das Jahr 2009 zum Jahr der Astronomie zu erklären?
Man möchte bei den Menschen das Bewusstsein für unser Leben im All schärfen. Wir wohnen auf einer kleinen blauen Kugel inmitten eines riesigen Kosmos. Aber das ist vielen nicht so bewusst. Aufgrund der vielen künstlichen Lichter haben viele Menschen noch nie einen sternenübersäten Himmel gesehen. Man möchte besondere Beobachtungsnächte veranstalten, die über Tage rund um die Erde laufen und möglichst viele Menschen einbeziehen sollen. Die berühmtesten Gebäude der Erde sollen mal nachts im Dunkeln vor der Kulisse des Sternenhimmels fotografiert werden. Ob das klappt, wird sich zeigen. Aber wer hat schon mal das Brandenburger Tor vor einem dunklen Himmel gesehen... Vielleicht gibt es 2009 mal einen Sternenhimmel über der Großstadt!

Auf welche Projekte setzen die Wissenschaftler besondere Hoffnung?
Es geht um neue Teleskope. Zum einen will man im Jahr der Astronomie möglichst vielen Kindern in aller Welt ermöglichen, mal durch ein Teleskop ins All zu schauen. Man versucht auch, möglichst viele recht einfache Teleskope über Schulen zu verteilen. Die professionellen Astronomen in Europa hoffen auf den Beschluss, dass sie das neue 42-Meter-Teleskop bauen dürfen. Wenn es im kommenden Jahr grünes Licht gibt, könnte ab dem Jahr 2017 ein neues Riesenteleskop noch mehr Details der himmlischen Objekte zeigen.

Das ist noch sehr lange hin. Gibt es auch konkret etwas im neuen Jahr?
Die Astronomen freuen sich auf drei neue Satelliten, die 2009 starten sollen. Der NASA-Satellit Kepler startet im Frühjahr. Er soll 100.000 Sterne ganz präzise überwachen, um so nach erdähnlichen Planeten zu suchen. Wenn bei dem Projekt alles gut geht, wissen wir in einigen Jahren, ob Planeten wie die Erde etwas ganz Normales im All sind – dann wäre vermutlich auch Leben im All keineswegs so selten.
Die ESA startet die Satelliten Herschel und Planck. Herschel beobachtet die Wärmestrahlung, die aus dem All zu uns kommt. Damit will man die ersten Galaxien im Universum beobachten, die sich innerhalb der ersten Milliarde Jahre nach dem Urknall gebildet haben. Die sind nur im Bereich der Wärmestrahlung zu sehen und nicht mit "normalen" Teleskopen.
Der Planck-Satellit soll die kosmische Hintergrundstrahlung so genau kartieren wie nie zuvor. Das ist sozusagen das noch ganz schwach vernehmbare Echo des Urknalls. Diese Hintergrundstrahlung ist im Kosmos nur 300.000 Jahre nach dem Urknall entstanden. Dennoch finden sich in dieser Strahlung viele Informationen über die Verteilung der Materie und wie sich die großen Galaxienhaufen im Kosmos entwickeln werden.

Starten beide Satelliten gleichzeitig?
Gleichzeitig auf einer Rakete. Irgendwann im Sommer wird eine Ariane-Rakete mit beiden Satelliten an Bord starten. Die Satelliten Herschel und Planck werden dann nacheinander im All ausgesetzt. Bei dem Start werden alle Beteiligte besonders nervös sein – zwei kostbare Forschungssatelliten auf einer Rakete. Da darf einfach nichts schief gehen. Für Europa entscheidet sich mit diesem Tag, ob das Internationale Jahr der Astronom zum Erfolg oder Misserfolg wird.

Wozu braucht man solche Daten aus dem frühen Universum?
Diese Daten erlauben sehr genaue Schlüsse auf die Natur der geheimnisvollen Dunklen Materie und Dunklen Energie. Die machen 95 Prozent des Kosmos aus. Aber die Astronomen haben bis heute keine Ahnung, was das ist, woraus diese mysteriösen Komponenten des Kosmos bestehen, wie sie sich verhalten etc. Das wird auch 2009 die Forscher fast in den Wahnsinn treiben. Die Astronomen sehen im All, dass sie fast nichts sehen. Das werden sie 2009 noch besser tun... Darin unterscheiden sich die Jahre 1609 und 2009 also nicht: Teleskope, insbesondere neue Teleskope, sind für die Astronomen auch heute noch extrem wichtig. Aber man blickt eben etwas weiter als damals Galilei... Und jeder kann mit den bloßen Augen den Sternenhimmel erkunden. Einfach an einen möglichst dunklen Ort gehen und nach oben blicken – dann blickt man Milliarden Lichtjahre weit in die dunklen Weiten des Kosmos...

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