Donnerstag, 24.05.2018
 

Frühkritik | Beitrag vom 15.03.2018

Neu im Kino: "The Florida Project"Humaner Blick auf eine Kindheit in Armut

Von Patrick Wellinski

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Die kleine Moonee (Brooklynn Prince) lebt mit ihrer Mutter Halley (Bria Vinaite) in einem der vielen billigen Motels in der Nähe von Disney World in Orlando, Florida. Szenenbild aus "The Florida Project" von Sean Baker (© 2017 PROKINO Filmverleih GmbH)
Moonee (Brooklynn Prince), Scooty (Christopher Rivera, l.) und Jancey (Valeria Cotto, r.) erkunden die Umgebung rund um die Motelanlage (© 2017 PROKINO Filmverleih GmbH)

Im Mittelpunkt von "The Florida Project" steht eine Bande übermütiger Kinder am Rand der Gesellschaft. Regisseur Sean Bakers Sozialstudie mit Willem Dafoe als mürrischem Motelmanger ist bunt und verspielt: Ein Geniestreich, urteilt unser Kritiker.

Worum geht es?

Es ist Sommer und die freche sechs Jahre alte Moonee tobt mit ihren Freunden durch die Gegend. Moonee und ihre Bande sind Kinder von jungen, alleinerziehenden Müttern, die am Rande der Gesellschaft leben. Alle wohnen in riesigen, bizarren Motelketten, die von dem lieb-mürrischen Motelmanager Bob (Willem Dafoe) verwaltet werden.

Die Kinder nerven Bobby, während er den Müttern immer wieder erklären muss, dass das Motel sie nach einer gewissen Zeit rausschmeißen muss, damit sie keine offiziellen Mieter werden. Währenddessen treiben Moonee und ihre Freunde allerlei Blödsinn.

Was macht den Film besonders?

Das ursprüngliche "Florida Project" auf das sich der amerikanische Regisseur Sean Baker in seinem Spielfilm bezieht, war eine Idee von Walt Disney. Er wollte 1966 EPCOT erbauen. Die futuristische Planstadt sollte auf einem riesigen Areal in Florida entstehen. Ein Paradies, ohne Armut, Kriminalität und vielen Konsumtempeln.

Aus dem Traum ist nichts geworden. Im Gegenteil. Auf dem Areal in Florida gibt es mit die höchsten Armuts- und Kriminalitätsraten in Florida. Genau hier siedelt Baker seinen Film an. Es ist ein Geniestreich geworden. Die unvergesslichen Kinderdarsteller toben durchs Bild mit einer unglaublichen Energie. Ihr Abenteuerspielplatz sind vergessene Motels und nie gebauten Touristenattraktionen.

Wenn die ganze Welt ein Abenteuerspielplatz ist: Moonee (Brooklynn Prince), Scooty (Christopher Rivera, l.) und Jancey (Valeria Cotto, r.) erkunden die Umgebung rund um die Motelanlage. Szenenbild aus "The Florida Project" von Sean Baker (© 2017 PROKINO Filmverleih GmbH)Moonee (Brooklynn Prince), Scooty (Christopher Rivera, l.) und Jancey (Valeria Cotto, r.) erkunden die Umgebung rund um die Motelanlage. Szenenbild aus "The Florida Project" von Sean Baker (© 2017 PROKINO Filmverleih GmbH)

Eine Kindheit im Schatten des Walt Disney Themenparks. Dabei ist der Film nie voyeuristisch. Er stellt die Armut und Mittellosigkeit der Kinder nie aus und dennoch verliert die Erzählung nie den tollen Rhythmus aus den Augen. Eine einzige Freude.

Bewertung

Ein hinreißender Film, voller verspielter Energie und hypnotisch bunten Farbcodes. Es ist erstaunlich mit welcher Selbstverständlichkeit Sean Baker Unterhaltung und Sozialstudie vereint. Sein Blick auf eine Facette der Armut in den USA hat nichts Ausbeuterisches. Ein sehr humanes Werk und noch dazu ein wahnsinnig guter Film. In der Form fast einzigartig.

The Florida Project
USA 2017
Regie: Sean Baker
Darsteller: Willem Dafoe, Brooklynn Prince, Bria Vinaite
111 Minuten, ab 12 Jahren

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