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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 18.06.2014

Neu im KinoMehr als das Porträt einer jungen Bäuerin

"Still" von Matti Bauer

Von Hans-Ulrich Pönack

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Der Filmegisseur Matti Bauer, hier bei der Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises in München im Prinzregententheater 2009. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
Matti Bauer ist Regisseur des Films "Still". (picture alliance / dpa / Tobias Hase)

In "Still" hat der Regisseur Matti Bauer über rund zehn Jahre den Lebensweg und den Alltag einer bayerischen Jungbäuerin verfolgt. Der Film beginnt mit dem Weggang der Bäuerin vom elterlichen Hof auf eine abgelegene Alm über ihre Rückkehr bis hin zur Frage, ob und wie die Tochter den Hof übernimmt.

Ich wiederhole es gerne, Dokumentarfilme haben längst die Nischenhaftigkeit des Genres verlassen und konkurrieren inzwischen im Kino mit ihren Power-Kollegen von der "großen Spielfilmunterhaltung". Und: Langzeitdokumentationen, die Leben in authentischen Auszügen beobachten und begleiten, sind offensichtlich "in" und stoßen auf reges Interesse.

Nach den legendären "Kindern von Golzow" und dem kürzlichen Meisterstück "Boyhood", einer faszinierenden Quasi-Doku im spannenden Spielfilm-Format, wird nun eine junge Frau aus dem bayerischen Oberland vorgestellt: Uschi.

Sie ist keine elitäre Tochter aus einer Bauernfamilie, sondern eine gestandene junge Frau, die bereits vieles probiert und erlebt hat - als Kellnerin, Gärtnerin, Sennerin. Sie ist viel gereist, war in Neuseeland, Thailand, in den USA, dreimal in Südamerika. "Still" will also keine Geschichte von einer "armen Bäuerin" auftischen und Mitleidsboni pflegen, sondern über ein Jahrzehnt eine sympathisch-burschikose Frau begleiten, die am Beginn Ende 20 ist und ihr Dasein selbst zu bestimmen pflegt.

"Alm ist wie eine Sucht", ist zu vernehmen, "einmal gemacht, immer wieder". Also nimmt sie eine Auszeit vom elterlichen Hof bei Fischbachau, um für ein Sommerhalbjahr alleine auf der Alm als Sennerin zu arbeiten, bei und mit "ihren" Tieren, den Kühen und zwei störrischen "Goaßn", Ziegen.

"Wenn man immer Ablenkung braucht, kommt man mit sich nicht zurecht", lautet ihr Credo. Sie melkt, buttert, macht Käse, ist zufrieden mit und in dieser Abgeschiedenheit. "Ich bin Stille-süchtig".
Zurück auf dem Hof im Herbst erwarten sie die Fragen nach der dortigen Zukunft.

Die Eltern haben den Wunsch nach der Individualität ihrer Tochter akzeptiert, doch nun stehen die internen Probleme an. Der Vater Stefan ist 60 und kann noch voll arbeiten wie Mutter Rosi, aber die scheint ein wenig auf das selbstbestimmte Leben ihrer Tochter eifersüchtig zu sein und sie gibt in den Gesprächen mit dem Regisseur zu erkennen, dass auch sie sich in Sachen Selbstverwirklichung "Eigenes" vorstellen kann.

Planungen für das Weiter

Doch im nächsten Winter sieht alles schon ganz anders aus: Uschi ist schwanger, den Vater des Kindes hat sie weggeschickt und der nächste Almsommer ist in weite Ferne gerückt. Jakob wird geboren. Drei Generationen unter einem Dach. Die Planungen für das Weiter, den Erhalt, die Veränderungen bestimmen fortan das Machen und Zusammensein dieser "wachsenden" Familie. Im Zentrum steht immer die eigenwillige Uschi, die mehrfach die Dreharbeiten platzen zu lassen droht.

Der Film ist in Schwarz-Weiß gedreht - nicht aus ästhetischer Nostalgie-Verklärung, sondern um besser an der Realität zu bleiben, auf das Wesentliche konzentriert zu bleiben. Matti Bauer, 1955 in Dießen am Ammersee geboren, studierte Völkerkunde und Portugiesische Philologie in München.
Für die Sendereihe "Unter unserem Himmel" des Bayerischen Fernsehens hat er zusammen mit dem Kameramann Klaus Lauterbacher in Filmen wie "Die Sennerin" und "Die Schneeschöpfer" Menschen der alpenländischen Region mit Humor und Gefühl porträtiert. Für seinen Film "Domspatzen" erhielt er 2009 den "Bayerischen Fernsehpreis".

"Still", der beeindruckende Schwarz-Weiß-Film, hat viel Farbe im Herzen. Er kommt ohne Musik und nur mit dem "Soundtrack" von Kuhglocken aus. Er beobachtet und beschreibt merklich unangestrengt, ist mit nur wenigen Off-Erklärungen versehen.

Er besitzt eine angenehm meditative Ruhe, ist ein mit einfühlsamen (bisweilen untertitelten) Bildern und Motiven ausgestattetes Plädoyer für die Akzeptanz von "anderem Leben "und lässt die durchaus packende Ruhe und Langsamkeit der Bergwelt als "charmanten" Gegensatz zur Dauerberieselung der Großstadt empfinden. Nicht als Ideologie, sondern als pure Seh- und Denkfreude. "Still" ist ein besonderer Film.

 

Still
Deutschland 2003 - 2013, Regie: Matti Bauer, Darsteller: Uschi, Jakob, Tom, Stefan, Rosi, Länge: 83 Minuten
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