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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 03.03.2017

Neu im Kino: "Es war einmal in Deutschland"Eine sympathische Bande jüdischer Hausierer

Von Jochanan Shelliem

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Moritz Bleibtreu am Filmset zu "Es war einmal in Deutschland" (picture alliance / dpa / Pawel Sosnowski)
Moritz Bleibtreu am Filmset zu "Es war einmal in Deutschland" (picture alliance / dpa / Pawel Sosnowski)

Der Film "Es war einmal in Deutschland" von Sam Garbarski erzählt mit viel Humor, wie Juden im Elend der Trümmerlandschaft und der Adenauer-Republik lebten und überlebten. Grundlage sind biografisch gefärbten Romane des Autors Michel Bergmann.

Dass die Shoah mit ihren Rauchsäulen den Blick verstellt auf die Vielfalt der jüdischen Kultur in der Weimarer Republik –mit Zeitschriften für den "jüdischen Jägersmann" und den "Kaisertreuen Untertan jüdischer Provenienz" –, setzt sich so langsam als Erkenntnis durch. Wie aber lebten Juden in der Adenauerrepublik?

In einer Szene des Films, sagt Moritz Bleibtreu als David Bergmann: "Meine Herren, wir sind Teilacher. Und teilachen ist nicht einfach nur etwas verkaufen." 

Halbwelt des jüdischen Elends

Von Schiebern und der Halbwelt des jüdischen Elends inmitten von Nazis in requirierten Wehrmachtskübelwagen und SS-Mördern in Zeitungsbretterbuden erzählt in diesem Frühling ein Spielfilm, der als ein Es-war-einmal daher kommt.

David Bergmann: "Teilachen ist eine Kunst. Es geht nicht darum, einen Fuß in die Tür zu stellen. Teilen kann jeder, was zählt, ist die Show, la Grand opéra. Am Ende müssen euch eure Kunden praktisch auf Knien anflehen, etwas kaufen zu dürfen."

"Es war einmal in Deutschland..." – mit dieser spielerischen Wendung legt der Film nach den biografisch gefärbten Romanen "Die Teilacher" und "Machloikes" von Michel Bergmann das grauenvolle Elend der deutschen Trümmerrepublik aufs Kreuz. Aus gebrochenen Lagerüberlebenden werden Teilacher, jüdische Hausierer. Zu sehen ist eine sympathische Bande von Aufschneidern und Verführern, die braunen Deutschen Weißwäsche andreht. So wird die Zeit genießbar, die man bis heute gern verdrängt.

Mit dem Witz eines Groucho Marx

David Bergmann: "Und vergesst nicht, ihr dürft nicht aussehen, als wenn ihr es nötig hättet. Die Menschen riechen es, wenn's einer nötig hat."

"Die Teilacher" hieß der erste Band, in dem der 1948 in München geborene und in Frankfurt aufgewachsene Michel Bergmann, mit dem Witz eines Groucho Marx und einem gehörigen Schuss Bauernschläue den Aufschwung eines jüdischen Textilkaufhauses in der Frankfurter Kaiserstrasse durch ein alle Schwächen der deutschen Kundschaft ausnutzendes Vertretersystem beleuchtete.

"Mein Vater hatte vor 1933 hier ein großes Wäsche-Kaufhaus mit seinen Brüdern", erzählt Michel Bergmann. Bergmanns Onkel David gab das Vorbild für den Entertainer und Schlemihl, das Oberhaupt der Teilacher, die sich im Film nach dem Selbstmord eines der Ihren treffen:

"Jeder, der im Lager war hat darüber nachgedacht: Warum habe ich überlebt."
"Bitte hört auf rumzujammern,  David hat's doch gesagt: Hitler ist tot – aber wir leben."
"Muss ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben?"

Die braunen Wurzeln des Wirtschaftswunders

Rainer Werner Fassbinder als einer der wenigen thematisierte die braunen Wurzeln des deutschen Wirtschaftswunders, wo es eine FDP gab, die sich als Sammelbecken von Rasseantisemiten verstand, und die bei Staatsschulden gern den "Judensäckel" schröpfen wollten, während Bundeskanzler Adenauer wetterte, wider die "Naziriecherei". Wer wollte sonst in dieses Kellerdunkel der jungen Republik voller Schmach und Schande sehen. Juden nicht, sie schämten sich jüdischer Zuhälter und auch Nicht-Juden nicht. Es galt sich als entnazifizierte weltoffene Demokratie Geschäftspartnern im Westen zuzuwenden.

Gern angesehen wurden die Comedian Harmonists, bildschöne Juden mit kräftigen Stimmen im Rampenlicht der swingenden Weimarer Republik, oder in Italien – Pardon Grenzübertritt – das jüdische Trio Lescano, bis heute Vorbild ganzer Generationen von Girl Groups. Thematisiert wurde jüngst die Geschichte weißrussischer Partisanen der jüdischen Waldbrüder um Tewje Bielski in dem Film "Defiance" mit Daniel Craig, der in Polen einen Aufschrei der Empörung hervor gerufen hat.

Auch durch den Nürnberger Prozess und den Auschwitzprozess veränderte sich der Blick auf die Halbwelt der frühen Nachkriegsjahre mitnichten. Bis in die 1990er sprach man im Rundfunk von Feindsendern, wenn es um Aufnahmen im Hessischen Rundfunk für den WDR, den SFB oder Radio Bremen ging. Die Zeit der Rückwärtsgewandten wird heute gern durch die idealisierten Protagonisten des Menschenrechts wie Ignatz Bubis überstrahlt, in der sich wohlsituierte Juden für das Wahre, Schöne, Gute einsetzten – zum Wohl der Republik.

Wobei politische Akteure, wie Heinz Galinski, Paul Spiegel und Ignaz Bubis sehr wohl wussten, in welchem Land sie lebten. Jüdisches Leben wurde seit den 1980ern mit Blick auf die arrivierten Vertreter der jüdischen Gemeinden als Konsenspolitik gesehen, fast ohne Konflikt.

Erst die persönliche Krise des Filmproduzenten Bergmann, der in den Trümmern des Krankenhauses in der Gagernstrasse in Frankfurt am Main aufgewachsen war, führte zu einer Romantrilogie.

"Ich kann mich sehr gut erinnern an eine Frau Sommer, die immer glaubte, die Gestapo käme und dann schreiend über den Flur lief. Das sind so ganz frühe Erinnerungen, die ich habe, und es gab Schafe auf der Wiese", sagt Michel Bergmann und ergänzt: "Wir lebten eigentlich in der Warteschleife." 

Bücher entstanden aus Trotz und Wut

Dass der in Belgien lebende Regisseur Sam Garbarski, der eine Vorliebe und ein Händchen für Tragikomödien abseits des Mainstreams hat (wie der Prekariats- und Peepshowgeschichte "Irina Palm", verfilmt mit Marianne Faithful), dass Garbarski sich dieses Stoffes annahm, ist dem Erfolg der opulenten Romane von Michel Bergmann zu verdanken. Und dass die Romane "Teilacher" und "Machloikes" überhaupt geschrieben worden sind, verdankt sich den zahlreichen Absagen, die Michel Bergmann bekam, den es nach seinem Volontariat in der unter Exilanten zu Beginn der 1960er weltberühmten "Frankfurter Rundschau" in die Filmszene nach Hollywood verschlug.

"Meine drei Romane sind, wie man im Jiddischen sagt, aus Daffke entstanden – aus Trotz und Wut", so Bergmann. "Denn alle drei Romane waren schon mal Filmexposees. Ich bin mit 'Teilacher' zum ZDF gegangen. Da war das ein Exposee von drei oder vier Seiten, habe damals mit dem zuständigen Programmchef Herr Jahnke, guter Mann … Lieber Michel Bergmann, das ist ein Nischenprogramm. Juden nach dem Krieg. Wen soll das interessieren?"

Und so wird man im April nach Ursula Krechels traurigem Rückblick auf die Diskriminierung jüdischer Remigranten von Amts wegen in ihrem preisgekrönten Roman "Landgericht", dessen Verfilmung kürzlich als Zweiteiler im Fernsehen zu sehen war, nun in einem Film nach Bergmann-Motiven viele Facetten jüdischen Humors und verschlungene Wege jüdischen Überlebens in der deutschen Trümmerrepublik unmittelbar nach dem Krieg bestaunen dürfen.

Bitteren Erkenntnisse des jüdischen Rückkehrers

Einem Szenario, das sich mit Bergmannschem Größenwahn bereits im Filmtitel auf Sergio Leones Mafiaklassiker "Once upon a time in America" bezieht – der Geschichte jüdischer Gangs im Brooklyn der 1930er mit Robert de Niro. Der Sam-Garbarski-Film nach den Romanen "Die Teilacher "und "Machloikes" von Michel Bergmann, die in den Jahren 1946/47 spielen, kommt unter dem Titel "Es war einmal in Deutschland..." daher.

Ein Freibrief für den Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu, als Entertainer und Oberschlemihl David Bermann, die bitteren Erkenntnisse des jüdischen Rückkehrers mit Humor zu überspielen, sodass man als Zuschauer lacht, wenn man eigentlich weinen will. Ob es die Konfrontation mit dem Alltagsantisemitismus deutscher Dörfler ist oder die mit dem Kioskbesitzer, in dem einer der Teilacher von Bergmann, den SS-Obersturmbannführer, wiedererkennt, der die Juden seines Dorfes in Polen verbrennen ließ, ob es um die Verhöre durch den amerikanischen Geheimdienst CIC geht, in denen David Bermann der Kollaboration mit den Nazis verdächtigt wird, während er den ganzen Krieg lang um sein Leben gelogen hat.

"Ihre Name taucht mehrfach in SS-Akten auf."
"Kunststück, ich war im KZ."
"Das ist uns bekannt. Sie waren ab Dezember 1943 Häftling im Konzentrationslager Sachsenhausen. Wie sind Sie dorthin gekommen?"
"Wie bin ich dorthin gekommen? Mit einer Limousine, mit Chauffeur."

Die deutsche Nachkriegszeit, in der es in Frankfurt am Main jüdische Schieber, Immobilienspekulanten und Bordellbesitzer gab, über die man heute nicht mehr spricht, wird in diesem Spielfilm derart humorvoll thematisiert, das dies "Es war einmal..." zum Märchen wird, ganz ohne Schreie und Selbstmorde in der Nacht. Vielleicht ist das ein Anfang.

(tmk)

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