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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.12.2014

NeckarVon der Kloake zur Lebensader

Von Michael Brandt

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Auf dem Neckar in Tübingen amüsieren sich Studenten beim traditionellen Stocherkahn-Rennen. (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)
Auf dem Neckar in Tübingen amüsieren sich Studenten beim traditionellen Stocherkahn-Rennen. (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)

Lange habe sich die Schwaben nicht für den Neckar interessiert. Sie sahen die 362 Flusskilometer zwischen Villingen und Mannheim nicht als Lebensader - sondern als Kloake. Doch inzwischen hat sich das Image des Neckar deutlich verbessert.

Aber es gibt Zeichen für einen Bewusstseinswandel: Plötzlich werden Cafés mit Flussblick gebaut, in Tübingen sind Liegewiesen am Fluss sogar zum Wahlkampfthema geworden. Selbst zwischen Stuttgart und Heilbronn, wo sich Kläranlagen, Kraftwerke und Schrottplätze am Neckarufer drängen, entstehen wieder grüne Flecken. Und die Bischofsstadt Rottenburg, die sich jahrzehntelang verschämt Rottenburg a.N. nannte, will jetzt wieder Rottenburg am Neckar heißen.

Martin Scherer steht auf dem Wehr des Horber Mühlkanals. Das Wasser, das gut 100 Meter weiter oben vom Neckar abgeleitet wurde, sprudelt und gurgelt und verschwindet in dem kleinen Turbinenhaus, in dem aus Wasserkraft Strom entsteht.

- "Wir stehen jetzt hier auf einem der Horber Kraftwerke?"
- "Genau, auf dem alten E-Werk, das 1904 errichtet wurde zur Elektrifizierung hier der Kommune. Das ist bis heute noch in Betrieb, die jetzigen Turbinen sind 1994 eingebaut worden. Und man sieht auch bei dem jetzigen Wetter dass da jede Menge Wasser und auch Schwemmgut ankommt."

Seit 110 Jahren drehen sich die Turbinen des kleinen Elektrizitätswerks, den Mühlkanal, der sich durch die Horber Altstadt schlängelt, gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Der Neckar, der knapp 50 Kilometer südwestlich von Horb bei Schwenningen entspringt, ist hier seit Jahrhunderten stark genug, um den Menschen Energie zu liefern und wurde die Basis für die wirtschaftliche Entwicklung des kleinen Städtchens am Rande des Schwarzwalds:

Der Neckar - ein Zweckmittel für die Menschen

"Strom- und auch Ölmühlen hat's früher gegeben alte; weiter unten das Marmorwerk, da wurden Steine geschnitten und die Wasserkraft halt als Energielieferant genutzt. Eigentlich seit 1640 hat man den Mühlkanal gebaut und als Energielieferant genutzt. Das hat sich dann gewandelt und da wurde Strom draus. Eigentlich ein reines Zweckmittel für die Bevölkerung."

Der Neckar, ein Zweckmittel für die Menschen, eine Quelle der Wirtschaftskraft - das ist die eine Seite.

Aber in Horb und anderswo ist und war der Neckar immer auch das andere: Das Genussmittel. Eine Quelle von Freude und Vergnügen. Der schöne Fluss, der zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald entspringt, durch ein malerisches Tal fließt, dabei fast ganz Württemberg durchquert, am Ende nach 362 Flusskilometern im badischen Mannheim in den Rhein fließt.

In Horb funktioniert das mit dem Genussmittel Neckar ganz einfach. Oberhalb des Wehrs, von dem der Mühlkanal abzweigt, gibt es ein Freibad. Und hier haben die Horber schwimmen gelernt. Seit Generationen. Auch wenn das lange Zeit nicht besonders ratsam war.

"Natürlich, als Kinder, das hat uns nicht davon abgehalten, hier trotzdem den Neckar als Spielwiese, sei es hier oben im Freibad, oder weiter unten, das ist das sogenannte Geidennescht, eine Geid ist auf Schwäbisch eine Ente, das ist ein wunderschönes Schilfgebiet, wo wir als Kinder mit Begeisterung gespielt und auch gebadet haben."

Erzählt Ottmar Meyer. Er ist Horber, Leiter des Tiefbauamts und somit für den Wasserbau zuständig und für die Kläranlage, die es mittlerweile gibt.

Auch wenn Horb am Oberlauf des Neckars liegt, war das Baden im Fluss lange Jahre nicht besonders empfehlenswert.

Die Wirtschaftsader Neckar war nicht nur Energielieferant, sondern auch Kloake und Müllkippe und Meyer entsinnt sich noch lebhaft an das Treibgut im Neckar, das beim Baden in seiner Kindheit gelegentlich vorbeikam

"Weiter oben, 2 Kilometer weiter oben, haben wir die sogenannte Tierkörperbeseitigungsanstalt. Und in den frühen 60er Jahren ist das immer mal wieder vorgekommen, dass wenn die Mitarbeiter nicht ganz aufgepasst haben, dass hier mal Tierteile vorbeigekommen sind. Früher beim Schwimmen, da kam mal ein ganzer Saukopf vorbei. Das ist heute natürlich total undenkbar."

Der Neckar als Wirtschaftsader: Schweinekopf, Kraftwerke, vernachlässigte Flussufer. Bestenfalls aus der Ferne wurde der Fluss in den 70er und 80er Jahren als schön wahrgenommen, wenn auch nicht als blaues, eher als bräunlich-grünes Band. Je näher man dem Ufer kommt, desto sichtbarer werden auch die Zeichen der wirtschaftlichen Nutzung. In der Sprache des Tiefbauamtsleiters heißt das: technische Verbauung.

"Da waren hier teilweise Spundwände, es waren auch Betonwände und auch sehr harte, mit Natursteinen aufgesetzte, wie man's auf der gegenüberliegenden Seite einen kleinen Rest, den wir extra zur Verdeutlichung haben stehen lassen, alles verbaut, so dass der Zugang zum Neckar gar nicht möglich war."

In Horb hat sich das mittlerweile geändert. Möglicherweise, weil die Horber mit ihrem Flussfreibad schon immer wussten, dass der Neckar auch Genussqualitäten hat. Sicher, weil sich Horb vor einigen Jahren für die Landesgartenschau beworben hat und die war so etwas wie die Initialzündung für die Wiederentdeckung des Neckarufers:

"Ja, wir waren hier tätig im Zusammenhang mit dem Grünprojekt erstens mal und dann mit der Renaturierung des Gewässers und auch dem Hochwasserschutz. Hier hat man das sehr technisch ausgebaute Gewässer wieder eigentlich zurückgebaut, um hier wieder eine naturnahe erlebbare Gewässerwelt eigentlich erleben zu können. Und hat hier enorme Anstrengungen gemacht, um hier diesen Norduferweg, wie er im Volksmund heißt, wieder anlegen zu können und hier wieder den Zugang zum Neckar zu ermöglichen."

Der Mühlkanal? - Endlich ein Schmuckstück

Der Norduferweg wurde gebaut, die sogenannte Inselspitze zwischen Mühlkanal und Neckar wurde neu gestaltet. Weg mit einem alten Parkplatz und einer Industriebrache, stattdessen ein freundlicher kleiner Park mit Bänken. Aus einem tristen Spielplatz mit Klettergerüsten, von denen der Lack abblätterte, wurde mit Bürgerbeteiligung ein Abenteuerspielplatz. Und aus einem vernachlässigten Grasstreifen auf der anderen Neckarseite der Austragungsort für die Horber Ritterspiele.

Und der Mühlkanal, der vor ein paar Jahren noch alles andere als ein Schmuckstück der Altstadt war, wurde zur attraktiven Wohnlage, mit zahlreichen neugestalteten Terrassen und Balkons direkt zum Wasser.

"Wenn jetzt nicht gerade wie heute ein starkes Regenereignis war am Oberlauf, dann ist das durchaus ruhig, und es hat ja auch eine hohe Wohnqualität für die 'Anwohner hier inzwischen.'"

Von Horb fließt der Neckar durch ein enges Tal bis nach Rottenburg. Und hier ist vom ursprünglichen Flusslauf nicht mehr viel zu sehen. Es gibt drei große Kraftwerke, für die der Fluss aufgestaut wird. Im Stadtzentrum gleicht der Fluss eher einem langen See. Neben dem Neckar gibt es zwar Wege, aber sie liegen fast zwei Meter oberhalb des Flusses, so dass das Wasser faktisch unerreichbar ist.

Aber dennoch. Auch in Rottenburg entdecken die Menschen ihren Neckar wieder. Gleich 4 Projekte hat man sich hier vorgenommen, wo das Neckarufer verschönert werden soll. Ein erster neuer Zugang zum Wasser ist schon gestaltet und die Menschen nutzen ihn. Baubürgermeister Thomas Weigel:

"Für viele Menschen sind die Pflichtaufgaben jetzt bearbeitet und man hätte es auch gern ein bisschen schön in der Stadt. Und das setzt so eine Entwicklung frei, dass man sich an den Neckar erinnert, und dass auch die Zugänge, das Neckar-Erleben, dass das zum Thema in der Gesellschaft der Stadt wird."

Eine neue Fußgängerbrücke heißt Josef-Eberle-Brücke. Der Namensgeber ist ein Rottenburger, der in den Nachkriegsjahren die Stuttgarter Zeitung in der Landeshauptstadt gegründet hat und jahrelang ihr Verleger war. Zuvor allerdings schrieb Eberle unter dem Pseudonym Sebastian Blau Mundartgedichte. Über das Land, die Leute und den Neckar:

"Der Neckar - Tanz und Musik gehört zur Kirbe, und der Hochzeitsstrauß zur Braut. Und zur Fasnacht gehören mürbe Küchle wie der Speck ins Kraut. Und zur zu Taufe gehört das Kind und zum Geigeln gehört der Trumpf - und der Neckar gehört ins Ländle, als sein Herzstück und Triumph."

Als Josef Eberle alias Sebastian Blau 1986 starb, nannte sich seine Heimatstadt, wie Baubürgermeister Weigel berichtet, noch etwas verschämt Rottenburg a.N. Das hat sich inzwischen geändert.

"Das hat ganz lange gedauert, bis sich Rottenburg zum Neckar bekannt hat. Indem man dann gesagt hat, wir sind die Stadt am Neckar. Wir habe ein neues Logo kreiert, und mit dem Logo ist verbunden: Rottenburg, Stadt am Neckar. Nicht mehr ‚A Punkt N Punkt'."

Drei Wasserkraftwerke flussabwärts liegt Tübingen. Die Universitätsstadt trägt den Neckar nicht im Namen, aber die Stadt schmückt sich mit ihm. Die Neckarfront mit dem Hölderlinturm ist die Schokoladenseite der Stadt, dort arbeitet dieser Mann

"Ha ich bin ein neigeschmeckter Tübinger, also ich bin leider kein gebürtiger Tübinger. Aber ich bin in Neckarsulm geboren, also von daher habe ich also immer wieder was mit dem Neckar zu tun. Und deshalb bin ich jetzt nach 10 Jahren auch wieder zurück nach Tübingen gekommen, weil Tübingen für mich einfach das schönste Städtle ist, das es auf der ganzen Welt gibt."

Das Stocherkahnfahren - eine Touristenattraktion

Der kräftige Kerl mit der lauten Stimme nennt sich Olli Kahn. Olli, weil er so heißt, Kahn, weil er Stocherkahnfahrten auf dem Neckar anbietet. Sein Kahn liegt ein paar Meter vom Hölderlinturm entfernt, dem Wahrzeichen der Tübinger Neckarfront. Und allein die Tatsache, dass es seinen Kahn gibt, ist für ihn ein Beweis dafür, dass sich auch die Tübinger auf ihren Neckar besinnen:

"Also seit 1988 ist es jetzt also auch möglich, dass viele Vereine oder so was oder gerade so wie wir jetzt als Privatbesitzer auch Stocherkähne haben. Und seit 1988 ist es auch so, dass einfach in Tübingen Stocherkahnfahrten auch für Normalsterbliche angeboten werden können. Früher waren es wirklich nur die Studentenverbindungen. Früher hat es 55 Kähne gegeben. heute gibt's 150."

Das Stochern gehört seit dem 19. Jahrhundert zum Alltag in Tübingen. Zuerst waren es die Stundenverbindungen, die bei schönem Wetter ihre Freizeit auf dem Fluss verbrachten und einmal im Jahr ein publikumswirksames Stocherkahnrennen veranstalten.

Aber Dank Olli Kahn und einiger anderer ist das Stocherkahnfahren und damit der Neckar selbst zur Touristenattraktion geworden. Das wurde möglich, weil sich die Wasserqualität verbessert hat. Mit der hat Olli Kahn seine eigenen Erfahrungen gemacht – zwei Mal ist er bei seiner Arbeit als Stocherkahnkapitän ins Wasser gefallen.

"Also, man muss dazu sagen, es hat sich auch von der Neckarqualität wahnsinnig viel getan. Wenn man früher da in den Neckar geflogen isch, da hat man gesagt, ha, da hat man so gestunken, da hat man früher die Diafilme einfach ins Wasser rein geschmissen, da sind sie nach 5 Minuten also entwickelt wieder rausgekommen. Mittlerweile hat sich von der Neckarqualität unheimlich viel getan. Ich würde es zwar nicht gleich trinken, aber man kann unbedenklich drin schwimmen."

Der Mann, der in den vergangenen Jahren vielleicht am häufigsten im Neckar gebadet hat, heißt Bernhard Hurm. Er ist mittlerweile Intendant des Theaters Lindenhof in Melchingen auf der Schwäbischen Alb. Und er hat sich intensiv mit dem Mann beschäftigt, der 30 Jahre lang nur wenige Meter von der Stocherkahnanlegestelle entfernt gelebt hat. Der große romantische Dichter Friedrich Hölderlin, geboren in Lauffen am Neckar, aufgewachsen in Nürtingen am Neckar, gestorben in Tübingen - am Neckar. Von ihm stammt ein großes Gedicht über den Neckar, das so beginnt:

"Der Neckar. In Deinen Tälern wachte mein Herz mir auf zum Leben. Deine Wellen umspielten mich. Und all der holden Hügel, die Dich Wanderer kennen, ist keiner fremd mir. Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft mir oft der Knechtschaft Schmerzen. Und aus dem Tal, wie Leben aus dem Freudebecher, glänzte die bläuliche Silberwelle."

In dem Theaterstück Hölderlin. Tübingen. Turm. hat Bernhard Hurm erstmals im Jahr 1986 den Hölderlin gespielt:

"Für Hölderlin ist es ja wirklich sein Lebensfluss eigentlich so, wie soll man sagen, das blaue Band seines Lebens. Nicht der rote Faden, sondern das blaue Band. Ist immer am Neckar entlanggegangen zwischen Tübingen und Nürtingen, geboren in Lauffen am Neckar, auch immer Neckar, Neckar, Neckar."

Das Finale spielte auf einem Neckarfloß vor dem Hölderlinturm und am Ende musste der Hauptdarsteller ins Wasser. Das Stück war so erfolgreich, dass 1993 ein zweites Hölderlinstück auf die Bühne, beziehungsweise auf den Neckar kam. Getrunken hat Hurm das Wasser nicht, aber das abendliche Bad habe ihm nicht geschadet.

"Beim zweiten Hölderlin bin ich ja immer diesem Kahn mit den Afrikanern hinterhergeschwommen, die Melonen geladen hatten. Und da habe ich gemerkt, es gibt zuerst Steine, und dann Dreck. Muss schon ein bisschen auch durch Schlamm durch und dann kommen dann Steine. Und dann bin ich dann da so den Kanal runtergeschwommen bis zur Alleenbrücke immer geschwommen."

In Sachen Wasserqualität ein Problemfall

Auch in Tübingen gibt es neben dem Neckar noch einen Kanal. Und zwischen Fluss und Kanal liegt die Neckarinsel, die als solche mit einer Allee, einem Wäldchen und Wiesen wunderschön ist. Aber das Neckarufer besteht aus groben Steinen lädt auch hier keineswegs dazu ein, die Füße im Wasser baumeln zu lassen.

Inzwischen wird über das Thema auch in der Politik gesprochen. Im zurückliegenden Oberbürgermeister-Wahlkampf, wetteiferte Herausforderin Beatrice Soltys mit Amtsinhaber Boris Palmer über Ideen, wie man den Fluss wieder näher an die Stadt und die Menschen heranbringen kann.

"Die Neckarinsel, die Strecke entlang des Neckars bis hinunter zur alten Weberei und hinauf zum Kraftwerk. Hier können wir sehr viel tun und ich möchte dies mit einer Landesgartenschau krönen, eine erfolgreiche Bewerbung auf de Weg bringen."

Das wichtigste Bauwerk auf der Neckarinsel ist übrigens ein Denkmal, zu Ehren der Komponisten Friedrich Silcher, von ihm stammt das Lied „Am Neckar".

Die Sache mit dem Baden. Ob von Vögeln oder von Menschen.

Auch wenn inzwischen hinter den Neckarwehren keine Schaumberge mehr schwimmen wie in den 70er Jahren, auch wenn überall Kläranlagen stehen und nirgends mehr ungeklärtes Abwasser hineinfließt, bleibt der Neckar, was die Wasserqualität angeht, ein Problemfall.

Das merkt man in Tübingen, aber erst recht merkt man es flussabwärts ab Plochingen, wo aus dem stillen, fast bescheidenen Flüsschen eine Bundeswasserstraße wird. Und noch deutlicher wird es in Stuttgart Mühlhausen, wo die größte Kläranlage des Landes am Neckar liegt:

"Das ist das Abwasser von rund 850 000 Einwohnerwerten, die hier an der Kläranlage angeschlossen sind, bestehend aus natürlichen Personen und den Einleitungen hier der Industriebetriebe in Stuttgart."

Sagt Thomas Hauck von der Hauptkläranlage Stuttgart. Auf der einen Seite kommt die braune Brühe durch die Kanalisation in die Anlage, wird in drei Stufen gereinigt, auf der anderen Seite kommt sie klar wieder raus und fließt in den Neckar. Sauber anzusehen ja, aber Badewasser ist es dann doch nicht:

"Dieser grünliche Schimmer, den wir gerade haben, das ist ein bisschen eine optische Täuschung, wo wir unterliegen. Das Wasser ist hier schon klar von der Ablaufqualität und Badegewässerqualität haben wir hier noch nicht, weil einfach das Wasser noch zu viel Verkeimung in Form von E-Kolis enthält."

Die Zahl der Koli- sprich: Darmbakterien im Wasser gilt als Maßstab für die Qualität des Wassers. Technisch wäre es zwar möglich, erklärt Haug, den Ablauf der Kläranlage zu desinfizieren, um dann tatsächlich Badewasserqualität zu haben, aber bringen würde es nichts, denn der Neckar sei hier insgesamt zu dreckig.

Der Grund dafür sind erstens hunderte von Kläranlagen ohne Wasserdesinfektion flussaufwärts. Zweitens ist es die Landwirtschaft im fruchtbaren Neckartal, die Nährstoffe in den Fluss schwemmt, von denen die Kolibakterien wachsen und spießen. Drittens ist es die Tatsache, dass der Neckar spätestens ab Plochingen nicht mehr wirklich ein Fließgewässer ist, sondern im Grunde eine Aneinanderreihung von Stauseen, wie Burkhard Schneider von der baden-württembergischen Landesanstalt für Umwelt es ausdrückt:

"Durch die Staustufen wird die Fließgeschwindigkeit im Neckar natürlich enorm herabgesetzt. Dies führt letztendlich eigentlich erst dazu, dass die Wasserpflanzen so gut gedeihen können und nicht durch die Fließgeschwindigkeit abgerissen oder zerstört werden. Und von daher ist er sicher in diesem Bereich ab Plochingen vom Charakter her eher eine Aneinanderreihung von einzelnen Seen."

Die Baden-Württemberger rücken ihrem Neckar wieder näher

Mehr als irgendwo anders ist der Neckar hier Lebensader für die Wirtschaft: 27 Staustufen und Schleusen gibt es zwischen Plochingen und Mannheim, 7 Kraftwerke, unter anderem das Atomkraftwerk in Neckarwestheim, beziehen ihr Kühlwasser aus dem Fluss, von Plochingen bis Stuttgart Mühlhausen und von Heilbronn bis Bad Friedrichshall reihen sich am Ufer die Industriebtriebe wie an einer Perlenkette. Und das Ufer selbst besteht aus Spundwänden oder groben Steinen oder ist betoniert.

(Schneider) "Das geht heute sicher anders. Man muss teilweise natürlich auch sehen, Vieles ist auch direkt nach dem zweiten Weltkrieg oder zwischen den Kriegen gemacht worden, wo man mit möglichst einfachen Maßnahmen so einen Schutz herbeiführen wollte."

Aber auch hier gibt es einen Umdenkungsprozess, sagt Schneider weiter. Zwar wird der Neckar dort wo er Bundeswasserstraße ist, voraussichtlich nie wieder ein natürliches oder auch nur naturnahes Gewässer sein, aber an einigen Stellen um den Neckar herum dann eben doch.

Es gibt eine Landesinitiative namens "Unser Neckar" und mit ihrer Unterstützung wurden in den vergangenen Jahren zum Beispiel in Ludwigsburg die sogenannten Zugwiesen, eine ursprüngliche Auenlandschaft renaturiert. Auch die vier Projekte in Rottenburg werden mit Mitteln aus der Initiative unterstützt. Oder in Lauffen am Neckar wurde der Mündungsbereich eines Nebenflusses, der Zaber, für die Menschen zugänglich gemacht.

(Schneider) "Zum einen ist es natürlich so, wenn man den Neckar noch in den 70er Jahren gesehen hat, teilweise noch mit größeren Schaumbergen von Waschmitteln auf dem Fluss, sehr häufig Fischsterben, das war kein Gewässer, wo es die Leute hingezogen hat. Heutzutage ist der Neckar biologisch wieder intakt, er ist noch nicht in einem optimalen Zustand von der Gewässerqualität, aber er ist intakt..."

.. und die Menschen merken es.

Ob es das insgesamt gewachsene Interesse an einer sauberen Umwelt ist, oder eine Art Rückbesinnung auf den Fluss, der Menschen und die Kultur zwischen Schwenningen und Mannheim in vielfältiger Weise geprägt hat – klar ist, dass die Baden-Württemberger ihrem Neckar wieder näher rücken. In Horb, Rottenburg, Tübingen oder in Lauffen – ist es wieder schick, seinen Cappuccino am Flussufer zu trinken, und – vorausgesetzt die Jahreszeit stimmt –

die Füße im Wasser baumeln zu lassen. Vor allem im Unterlauf ab Plochingen ist es ein hartes Stück Arbeit, die Bundeswasserstraße Neckar wenigstens ein bisschen naturnäher zu gestalten. Aber weiter oben in Horb, Rottenburg oder Tübingen dauert es vielleicht gar nicht mehr so lang, bis das Baden nicht nur ungefährlich, sondern offiziell erlaubt ist.

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