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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.08.2015

Nazideutschland und GriechenlandDie verdrängte Besatzung

Chryssoula Kambas im Gespräch mit Ernst Rommeney

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Der neue griechische Premier Tsipras legt während einer Zeremonie in Kessariani Blumen an einem Denkmal nieder, das an erschossene Widerstandskämpfer während der Besatzung Griechenlands durch die Nationalsozialisten erinnert. (AFP Photo / Intime News / Chalkiopoulos Nikos)
Deutsch-griechische Asymmetrie im Gedenken: der griechische Premier Tsipras an einem Denkmal für erschossene Widerstandskämpfer (AFP Photo / Intime News / Chalkiopoulos Nikos)

Deutschland verdränge bis heute, was es Griechenland im Zweiten Weltkrieg angetan hat: Okkupation, Massaker, Ausbeutung. Das ist die These zweier Professorinnen, die ein Ende des "gewollten Vergessens" fordern.

Es gebe kein gemeinsames deutsch-griechisches Gedächtnis. Eher asymmetrisch werde an die deutsche Okkupation im Zweiten Weltkrieg erinnert, stellen Chryssoula Kambas und Marilisa Mitsou als Herausgeberinnen eines Sammelbandes über die Erinnerungskultur beider Länder fest.

In Deutschland habe sich ein "gewolltes Vergessen" und Verdrängen bis heute zu einer "ausgewachsenen Ignoranz" verfestigt. In Griechenland bleibe das Geschehen von einst unvergessen und verbittere das "Mauern" der Deutschen.

Weshalb die beiden Literaturprofessorinnen aus Osnabrück und München beispielhaft hervorheben, dass Bundespräsident Joachim Gauck bei seinem Besuch im März 2014 eine doppelte Scham ausdrückte, dass zum einen Landsleute zu Mördern wurden und dass zum anderen das demokratische Deutschland die griechischen Opfer aus seiner Erinnerung verbannt habe, das brutale Unrecht nicht anerkannte.

Für hunderttausend Hungertote verantwortlich

Der deutschen Besatzungsmacht wird vorgeworfen, das Land zwischen 1941 und 1944 wirtschaftlich ausgebeutet zu haben, bereits im ersten Winter für 100.000 Hungertote verantwortlich gewesen zu sein, ferner im Kampf gegen Partisanen Massaker an der Zivilbevölkerung verübt und schließlich das jüdische Leben zerstört zu haben. Es überlebten nur 80 Prozent der griechisch-jüdischen Bevölkerung.

Die Besatzungszeit in Griechenland wird als brutalste außerhalb der slawischen Länder angesehen, wie Chryssoula Kambas betont. Vor 1941 sei das Land wirtschaftlich relativ stabil gewesen, wenn auch nie sehr reich. Bitter arm wurde es erst ab 1950, nach Weltkrieg und Bürgerkrieg, aber vor allem infolge der deutschen Besatzung.

Der Bürgerkrieg allerdings spaltete jahrzehntelang griechische Politik in unversöhnliche Lager, besonders im Streit um die jeweilige Rolle während des nationalen Widerstands. Den Linken wurde sinnloser Terror als fünfte Kolonne des Weltkommunismus, den Rechten Kollaboration als Sympathisanten der Monarchie vorgeworfen.

Das Thema in Forschung und Lehre aufgreifen

Die deutsche Schuld an den Folgen beider Kriege dagegen geriet in den Schatten dieses innergriechischen Konfliktes. Der Historiker Hagen Fleischer, einer der 25 Autoren, beschreibt dies als politisch bewusstes Manöver und bescheinigt den konservativen Athener Regierungen der Nachkriegszeit eine "fast schon servile Appeasement-Politik" gegenüber einem übermächtigen NATO-Partner.

Und wie alle ihre Vorgängerinnen wies die schwarz-rote Bundesregierung erst jüngst jegliche Forderungen auf finanziellen Schadensersatz zurück. Weil diese Position auf breite Resonanz in der deutschen Bevölkerung - in Zeiten des Streits um die EU-Hilfsprogramme für Griechenland - stößt, wünschen sich die beiden Herausgeberinnen, dass sich die Kenntnisse über die deutsche Okkupation verbesserten. Zuallererst, so Chryssoula Kambas, müsste die Bundesrepublik das Thema in Forschung und Lehre aufgreifen und sodann ein Ende des "gewollten Vergessens" mit dem künftigen politischen Dialog im Zeichen der Aussöhnung zusammenwirken.

Der Sammelband entstand aus einem Symposium über das "deutsch-griechische Gedächtnis in Medien und Literatur", das im Juli 2012 an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität veranstaltet wurde, und folgt einem ersten Band von Chryssoula Kambas und Marilisa Mitsou mit dem Titel "Hellas verstehen" (2010).

Chryssoula Kambas, Marilisa Mitsou (Hrsg.): Die Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg
Griechische und deutsche Erinnerungskultur
Böhlau Verlag Wien Köln Weimar 2015
509 Seiten, 59,90 Euro

Mehr zum Thema:

Reparationen an Griechenland - "Moralisch ist noch Luft nach oben"(Deutschlandradio Kultur, Interview, 07.04.2015)

Forderungen aus Griechenland - Berlin will von Reparationen nichts wissen
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 11.03.2015)

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