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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.09.2016

Navid Kermani: "Sozusagen Paris"Der Roman kann eine Eheberatung ersetzen

Von Wolfgang Schneider

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Der Schriftsteller Navid Kermani bei einer Veranstaltung der lit.Cologne 2016 am 10.3.2016 in Köln (imago / Future Image)
Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2015 Navid Kermani (imago / Future Image)

Mit "Sozusagen Paris" knüpft Navid Kermani an seinen weitgehend autobiografischen Roman "Große Liebe" von vor zwei Jahren an. Jetzt begegnet sein Ich-Erzähler der damals auf dem Schulhof Angebeteten erneut - nach 30 Jahren.

Vor zwei Jahren hat Navid Kermani den Roman "Große Liebe" veröffentlicht - und darin eine weitgehend autobiografische jugendliche Schulhofpassion in Bezug gesetzt zur mittelalterlichen orientalischen Liebesmystik. "Sozusagen Paris" schildert nun die Wiederbegegnung mit der "Schönsten des Schulhofs", 30 Jahre später.

Nach einer Lesung aus dem Roman "Große Liebe" irgendwo in der deutschen Provinz steht Jutta plötzlich vor dem Schriftsteller – der Icherzähler darf durchaus mit Navid Kermani verwechselt werden. Nur unter Mühen und langen Proust-Zitaten (die Metamorphosen der Zeit, die Vergänglichkeit) erkennt er die einst Angeschwärmte wieder - und lernt sie im Lauf eines langen Romangesprächs neu kennen: sie und die Probleme ihrer in die Jahre gekommenen Ehe mit einem politisch engagierten und sportbesessenen Arzt.

Paris als Chiffre für erotische Abenteuer

Statt mittelalterlicher Mystik bietet "Sozusagen Paris" den französischen Roman des 19. Jahrhunderts als Referenzrahmen auf. Schließlich geht es nun nicht mehr um rauschhafte jugendliche Leidenschaft, sondern um die Krise einer linksbürgerlichen Ehe. In klassischen französischen Eheromanen ist "Paris" die Chiffre für erotische Abenteuer, die sich Ehefrauen in der Provinz erträumen mögen. Ist Jutta womöglich die Richtige für diese Rolle? Ist der weltläufige Schriftsteller für sie "sozusagen Paris"? Jedenfalls weckt die Wiederbegegnung bei ihm sogleich die überhebliche Hoffnung auf eine Affäre.

Eine schöne Pointe deshalb, da beim anschließenden Restaurantbesuch mit dem Kulturdezernenten nicht mehr der Schriftsteller, sondern Jutta im Mittelpunk steht. Und zwar weil sie - Überraschung - die Bürgermeisterin des Städtchens ist. Kürzlich erst hat Kermani ein großes Lob auf die der deutschen Kleinstadtbürgermeister angestimmt: Was die alles leisten in der Flüchtlingskrise! Und schon macht er eine aufgeschlossene Bürgermeisterin zur Romanfigur.

Intelligente und gewitzte Plauderei

Später lädt Jutta den Schriftsteller zu sich nach Hause ein; dort debattieren die beiden die ganze Nacht über Ehe- und Liebesfragen. Das überreichliche Pflücken von Lesefrüchten aus der französischen Literatur legitimiert der Erzähler damit, dass diese Werke alle im Wohnzimmerbücherregal des Ehepaars stünden. Neben anregenden literaturgeschichtlichen Reflexionen bekommt man so aber auch Wichtigtuerisches zu lesen: "So wenig wie ich glaubt Proust an künftige Paradiese ..."

Kermani nutzt Mittel des modernen Romans - vor allem die Ästhetik der Abschweifung und die Selbstbezüglichkeit, mit der sich der Text ständig reflektiert und selbst hinterfragt - auf sehr kokette Weise, um einem Minimum an Geschehen einen Roman abzugewinnen, der ihm die Lizenz gibt, jeder gedanklichen Assoziation nachzugehen. Sogar eine Kurve zu seinem Idol Neil Young findet er am Ende. Ein Beispiel für eine ganze Reihe von Schludrigkeiten ist es allerdings, dass er den Bassisten von Youngs Band "Crazy Horse" mit dem Schlagzeuger Ralph Molina verwechselt. "Sozusagen Paris" kann eine Eheberatung ersetzen; ein gewichtiger Roman ist es sicher nicht. Aber eine intelligente und gewitzte Plauderei ist ja auch schon etwas.

Navid Kermani: Sozusagen Paris
Hanser Verlag, München 2016
286 Seiten, 22,00 Euro

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