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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.02.2016

"Nathan" in BonnBunte Burkas auf der Insel der Aufklärung

Von Dorothea Marcus

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Der Theaterregisseur Volker Lösch (dpa / picture alliance / Volker Hartmann)
Der Theaterregisseur Volker Lösch (dpa / picture alliance / Volker Hartmann)

"Nathan der Weise" ist die Universalkeule des Theaters zum Thema Toleranz. Regisseur Volker Lösch nutzt Lessings Stück, um in die Grauzonen und Schmerzgrenzen der politischen Korrektheit vorzudringen – ein wichtiger, komplexer Abend in Bonn.

Kaum ein Stück wurde nach dem 11. September in Deutschland häufiger gespielt als Lessings "Nathan", es ist die westliche Bühnen-Universalkeule für alle Fragen von Aufklärung und Religionstoleranz. Regisseur Volker Lösch thematisiert genau das: die Schwierigkeiten eines Textes, der seit Jahrhunderten als Bollwerk der westlichen Aufklärung behandelt wird und von dem sogar Navid Kermani mal sagte: auf deutschen Bühnen werde die "Toleranz verwestlicht", sprich: eine rein eurozentristische Form der Aufklärung propagiert.

Mitten aus dem Publikum steht der Lehrer (Glenn Goltz) auf und spricht unser aller Ängste vor Terror aus. Wo soll das noch enden, wenn man Kinder hat und sich nicht mehr auf die Straße traut, oder nach Bonn-Tannenbusch, jener "Islamistenhochburg", in der zehn Prozent der von Deutschland ausgereisten IS-Kämpfer rekrutiert wurden? Auf der Bühne wartet auf ihn bereits eine Schulklasse von zwölf jungen muslimischen Bonner Jugendlichen, sechs Frauen, sechs Männer: wache, "hybride" Einwandererkinder der 2. und 3. Generation aus Syrien, Iran, der Türkei. Der Lehrer will sie mit sogenannten westlichen Werten und Huntingtons These vom Kampf der Kulturen, einer Schweigeminute zu Paris und der Lektüre von Reclam-Heften von "Nathan dem Weisen" auf den rechten Weg bringen. Aber haben sie ihn verlassen?

Dem Generalverdacht eines zunehmenden "bürgerlichen Rassismus" begegnen die zwölf mit verständlicher Wut, skandieren im Chor aus ihrer Lebensrealität, wollen auch Terror-Toten von Beirut gedenken, den Anschlägen auf Flüchtlingsheimen – und schmeißen schließlich wütend die Reclam-Hefte zurück. Mit einer Explosion bricht dann die Klasse entzwei, der Putz bröckelt, ein Schockmoment. In die Gegenwart der hysterischen Meinungsschlachten wird ein großes, gelbes Reclam-Heft gefahren, auf dem Lessings Hauptfiguren ein Stillleben bilden, bewacht von einem Soldaten: die Insel der Aufklärung, nur noch mit Waffen zu verteidigen. Ein ironisches Bild des angstvollen, pseudotoleranten Westens. Ironisch deklamiert wird auf gelbem Grund nun die Handlung von "Nathan der Weise" abgespult, immer wieder unterbrechen aktuelle Kommentare der Schüler die Szenen.

IS-Primaten mit Rauschebärten

Bei der letzten Lösch-Arbeit Ende November in Dresden – die Bonner Inszenierung soll eine Fortschreibung sein – wurde noch ein extrem schwarz-weißes Bild des Pegida-Pöbels gezeichnet, vor dessen Parolen das linksliberale Bürgertum sich noch entspannt-angewidert zurücklehnen konnte. Diesmal setzt Lösch den Bürgerchor ein, um in Grauzonen und Schmerzgrenzen der politischen Korrektheit vorzudringen und das Lebensgefühl von liberalen Muslimen auf den Punkt zu bringen.

Spannend wird es etwa, wenn es um Juden geht. Als der Lehrer ein Israel-T-Shirt entblößt, berichten jene, die eben noch so sympathisch herüberkamen, freimütig vom eigenen Antisemitismus – so komplex ist eben die heutige Lage. Auch vor radikal-islamistischen Glaubenssätzen wird kein Halt gemacht, sie werden einem abwesenden Schüler in den Mund gelegt. Zugleich wird spielfreudig mit Klischees hantiert. Da zucken die jungen Bonner zu coolstem Arab-Pop in der Disco, erzählen Islam- und Judenwitze, verwandeln sich in IS-Primaten mit Rauschebärten und schneiden Plastikköpfe ab. Aber, und das ist viel beeindruckender, sprechen ganz unironisch von echten Maximen ihres muslimischen Glaubens. Das Almosen. Der Engelsglaube. Der Kampf darum, ein besserer Mensch zu werden. Oder sie legen sich nieder zum echten Gebet.

Zunehmend rassistisch argumentiert dagegen der Lehrer und inszeniert schließlich Lessings Ringparabel um: der Sultan, der bei Lessing ein gütig ergriffener Herrscher ist, will hier nur an das Geld des Juden Nathan. Schließlich sind islamische Herrscher nun mal korrupt. Da protestiert der muslimische Bürgerchor, um sich sogleich mit bunten Burkas zu behängen und das Abendland zu islamisieren. Am Ende liest der Lehrer dann eine reale Umfrage von Bonner Theaterbesuchern vor: Gehört der Islam zu Bonn? Erschreckend, ängstlich, rassistisch – aber auch zuweilen zutiefst nachvollziehbar sind die Antworten. Es ist eben alles nicht so einfach.

Volker Lösch ist ein wichtiger, komplexer Abend gelungen, der vielen Seiten Gehör verschafft und auf den Punkt die Stimmung der Gegenwart einfängt. Er könnte zu Kommunikation und besserem Verständnis beitragen.

Informationen des Theaters Bonn zu "Nathan"

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