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Buchkritik | Beitrag vom 16.02.2018

Natalie C. Anderson: "City of Thieves" Eine Diebin will einen Mord aufklären

Von Sylvia Schwab

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Buchcover "City of Thieves" von Natalie C. Anderson, im Hintergrund: Dächer eines Slums in Kenia. (dpa / Stephen Morrison / dtv Verlag)
Buchcover "City of Thieves" von Natalie C. Anderson, im Hintergrund: Dächer eines Slums in Kenia. (dpa / Stephen Morrison / dtv Verlag)

Die US-amerikanische Autorin Natalie C. Anderson hat zehn Jahren für die UN-Flüchtlingshilfe in Afrika gearbeitet - und über die Verhältnisse geschrieben, die sie vor Ort beobachtet hat. Herausgekommen ist ein vielschichtiger Jugend-Krimi.

Tina, 16 Jahre alt und Mitglied einer Straßengang in einer kenianischen Großstadt, bricht in eine gut gesicherte Villa ein, um Daten aus dem PC des weißen Hausherrn zu stehlen. Es geht um seine kriminellen Geschäfte und um Tinas Mutter, die früher für ihn gearbeitet hat und in seinem Büro ermordet wurde. Tina will endlich wissen, wer der Mörder ist - und sie will Rache. Rasant entwickelt sich die Handlung, in deren Mittelpunkt das schwarze Mädchen und der Junge Michael stehen – er, der Sohn des Geschäftsmanns.

Schnell wird klar, dass Michaels Vater in Waffen- und Goldhandel, Erpressung und Entführung verwickelt ist. Eine Spur führt in den Kongo, Tinas Heimat, aus der sie mit Mutter und Schwester geflüchtet ist. Jetzt fährt sie zusammen mit Michael dorthin zurück und erlebt eine Hölle aus Krieg, Hunger, Flucht und Verfolgung. Schnell wird klar, die Wahrheit um Michaels Vater und Tinas Mutter ist weitaus komplizierter als gedacht.

Knallige Action-Szenen und ruhige Milieuschilderungen

"City of Thieves" ist kein Thriller, aber ein sehr spannender, vielschichtiger Jugend-Krimi. Für Tina steht die Aufklärung des Mordes an ihrer Mutter an erster Stelle, für Michael die Schuld bzw. Unschuld seines Vaters. Die Straßengang ist - zwecks Erpressung - hinter den Computerdaten her und Michaels Vater ist in wirtschaftspolitische Intrigen verwickelt.

Hervorragend gelingt der Autorin der Wechsel von kurzen, kompakten Action-Szenen zu ruhigen Milieuschilderungen, von An- und Entspannung. Und der große Spannungsbogen trägt von der ersten bis zu letzten Seite. Auch die komplizierten menschlichen Beziehungen sind differenziert entworfen: die Abhängigkeiten unter den Gang-Mitgliedern, Tinas und Michaels Misstrauen, das in Verliebtheit umschlägt, Tinas tiefe Zuneigung zu ihrer Schwester und ihre Freundschaft mit dem schwulen IT-Nerd Boyboy.

Die Heldin - mutig bis zur Selbstzerstörung

Man spürt, dass Natalie Anderson Kenia und den Kongo kennt. Wie sie das Treiben auf den Straßen und Märkten schildert, die ländliche Idylle im Kongo und das brutale System der Gang, wie sie das Leben der Reichen und der Obdachlosen beschreibt, das wirkt sehr authentisch. Auch vor harten Fakten schreckt die Autorin nicht zurück, etwa dann, wenn sie von den brutalen Auseinandersetzungen zwischen Milizen und Militär im Kongo erzählt, von Krieg, Hunger, Armut und Unterdrückung.

Trotzdem liest sich "City of Thieves" unkompliziert und leicht. Tina erzählt ihre Geschichte selbst: frisch, selbstbewusst, manchmal bitter und oft ironisch. Sie ist eine Heldin, mutig bis zur Selbstzerstörung, und wirkt dabei doch verletzlich. Genau das macht diese Romanfigur so überzeugend. Am Schluss gibt es trotz aller Konflikte und Bedrohungen auch einen Hoffnungsschimmer. Wer dieses Buch aus den Händen legt, ist tief eingetaucht in die afrikanische Welt und hat viel Stoff zum Nachdenken! Was will man mehr?

Natalie C. Anderson: "City of Thieves"
Übersetzt von Beate Schäfer
dtv, München 2018
396 Seiten, 14,95 Euro
Ab 14 Jahre

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