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Montag, 18.12.2017

Zeitfragen | Beitrag vom 07.12.2017

Nachhaltige MobilitätMit E-Transportern gegen drohende Diesel-Fahrverbote

Von Stephanie Kowalewski

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Das Elektrofahrzeug "Work" des Herstellers Streetscooter für die Deutsche Post (dpa / picture-alliance / Jan Woitas)
Das Elektrofahrzeug "Work" des Herstellers Streetscooter wird demnächst nicht nur von der Post, sondern auch von Bäckern oder Umzugsunternehmen eingesetzt. (dpa / picture-alliance / Jan Woitas)

Schon ab dem kommenden Jahr könnten erste Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in deutschen Großstädten gelten. Damit sie dann aber noch weiter ihre Kunden bedienen können, haben sich knapp 30 Unternehmer in NRW zusammengetan und erproben den Warentransport mit Elektrofahrzeugen.

Knapp 30 Unternehmer stehen im ruppigen Wind auf der Teststrecke in Aldenhoven bei Aachen. Hier wird heute der Prototyp des ersten Elektro-Transporters Europas präsentiert. Ins Rollen gebracht hat das alles Roland Schüren.

Eigentlich ist er Inhaber der Bäckerei Schüren im nordrhein-westfälischen Hilden mit 18 Filialen in Düsseldorf und Umgebung. Aber seit Januar dreht sich bei ihm fast alles um die Selbsthilfegruppe, die er gegründet hat:

"Die E-Transporter Selbsthilfegruppe."

Also eine Gruppe von Unternehmern, die händeringend nach einem elektrisch betriebenen 3,5-Tonnen-Transporter suchen. Denn den gibt es nicht! Nirgends! Den brauchen Bäcker und andere Handwerksbetriebe aber dringend, sagt Roland Schüren, wenn sie durch drohende Fahrverbote für Dieselfahrzeuge nicht pleitegehen wollen.

"Alle diskutieren über Sperrungen für Dieselfahrzeuge. Und das war dann die Initialzündung in der ersten Januarwoche, diese Selbsthilfegruppe aufzurufen. Ja, und dann hatten wir innerhalb eines knappen Monats hundert Firmen, die mitgemacht haben."

Selbsthilfegruppe von Unternehmern

Inzwischen sind es gut 250 Unternehmen aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden und Italien – die Bandbreite reicht vom Handwerker bis zum Anbieter von Krankentransporten. Zusammen mit einem Technikunternehmen hat die Selbsthilfegruppe eine sehr ausführliche Beschreibung des gewünschten E-Transporters erstellt.

"Und das dann mit einer Angebotsanforderung an 51 verschiedene Unternehmen rausgeschickt. Hersteller sowie Umrüstungsbetriebe."
"Hersteller heißt, auch die Großen?. Also die, die auch in Verruf geraten sind mit dem Dieselskandal – auch an die haben Sie sich gewandt?"
"Genau. Bewusst an alle."
"Und wie waren dann die Reaktionen?"
"Von Einzelnen sehr freundlich. VW war eigentlich nicht zu erreichen, die wollten mit nix was zu tun haben. Das Problem bei allen großen Herstellern ist, dass sie alle was vorhaben, aber es noch Jahre dauert, bis es das tatsächlich gibt."

Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in Innenstädten drohen aber bereits ab Anfang 2018. Dann werden wegweisende Entscheidungen dazu vom Bundesverwaltungsgericht erwartet. In Düsseldorf hat eine Untersuchung der Bezirksregierung ergeben, dass hier an Diesel-Fahrverboten wohl kein Weg vorbeiführt, wenn man die Grenzwerte für das giftige Reizgas Stickstoffdioxid einhalten will.

Warten auf die großen Automobilhersteller geht also nicht, betont Bäcker Schüren. Also hat sich die Selbsthilfegruppe selbst auf den Weg gemacht und einen Autobauer gesucht, der ihnen zeitnah den gewünschten Elektro-Transporter bauen kann. Fündig sind sie quasi um die Ecke geworden, in Aachen bei dem noch sehr jungen Unternehmen StreetScooter.

Meinert: "Und da wir noch klein genug sind, um auf solche speziellen Anfragen reagieren zu können, haben wir gesagt, wir würden gerne."

Sagt Stefan Meinert von StreetScooter.

"Und ja, jetzt steht das Fahrzeug hier auf den Rädern."

Die Post als Vorreiter in Sachen E-Mobilität

Das kleine Unternehmen wurde erst 2010 als Startup im Umfeld der Universität RWTH Aachen gegründet. Die Idee damals wie heute: Elektromobilität soll schon ab  kleinen Stückzahlen wirtschaftlich attraktiv sein. Erster großer Kunde war damals die deutsche Post, die ihre Boten emissionsfrei durch die Städte fahren lassen wollte. StreetScooter baute in enger Abstimmung mit den Postboten ein entsprechendes Nutzfahrzeug.

Meinert: "Und wir haben es dann anscheinend auch ganz gut gemacht, so dass die Deutsche Post sich nicht dazu entschlossen hat, das Auto zu kaufen, sondern sie hat tatsächlich das ganze Unternehmen übernommen. Und so ist die Deutsche Post zum größten Elektrofahrzeughersteller Europas geworden."

Inzwischen fahren fast 5000 Strom-Postautos auf deutschen Straßen herum. Ab dem ersten Quartal 2018 kommen knapp 100 BV1 dazu. Einer davon wird Manuela Henk gehören. Sie war von Anfang an in der Selbsthilfegruppe dabei und betreibt ein Umzugsunternehmen in Düsseldorf. Jetzt sitzt sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Elektrofahrzeug.

"Super. Total klasse, selbst bei so viel Wind, merkt man gar nicht. Beschleunigt toll, übersichtlich. Also ist echt super. Fährt sich gut. Wir arbeiten halt auch viel lokal in den Städten, und es kann schnell passieren, gerade in Düsseldorf ist die Feinstaubbelastung extrem hoch, dass es irgendwann in Kürze heißt: Dieselfahrzeuge dürfen nicht mehr in die Innenstadt. Und dann sind wir gerüstet. Wir wollen nicht hinterherlaufen, wir wollen vorneweg. Für uns ist das heute ein ganz denkwürdiger Tag. Einfach der Weg in die Zukunft. Ich finde es total klasse."

"Und dann kommt da noch dick Fahrspaß hinzu"

Den ersten 3,5 Tonnen Elektrotransporter Europas wird es in acht Varianten mit zwei Batteriestärken und bis zu 150 Kilometer Reichweite geben. Je nach Ausstattung und Leistung wird er zwischen 38.000 und 65.000 Euro kosten – mehr als ein vergleichbarer Kastenwagen mit Verbrennungsmotor. Doch das schreckt den überzeugten Elektrofahrer Roland Schüren nicht.

"Überhaupt nicht, weil ich weiß, dass ich mit meinem Strommix nach drei Jahren den Mehrpreis rausgefahren habe."

Der Bäcker tankt ausschließlich Ökostrom, den er mit Photovoltaikanlagen zum Teil sogar selbst erzeugt. Und laut Umweltbundesamt hat das Elektrofahrzeug schon beim heutigen Strommix  - der noch zu 70 Prozent aus Kohle- und Atomkraftwerken stammt - einen Klimagas-Vorteil von 20 Prozent gegenüber einem Benziner.

"Und dann kommt da noch dick Fahrspaß hinzu. Es ist schon klasse, wie so ein leichtes Fahrzeug sich so stabil fährt und dann aber noch 1400 Kilo Zuladung verträgt. Das ist ein Traum."

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