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Religionen / Archiv | Beitrag vom 19.06.2016

Nach der Armenien-ResolutionAramäer erinnern an den Genozid

Von Matthias Bertsch

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In Berlin lebende Armenier demonstrieren am 18.04.2015 am Brandenburger Tor in Berlin-Mitte für die Anerkennung des Genozids an 1,5 Millionen Armeniern durch das Osmanische Reich im Jahr 1915. (imago / Hohlfeld)
Demonstration für die Anerkennung des Genozids an Armeniern und Aramäern im April 2015 in Berlin. (imago / Hohlfeld)

In der Armenien-Resolution hat der Bundestag erklärt: Vor 100 Jahren fand im Osmanischen Reich ein Genozid statt. Zu den Opfern zählen auch aramäisch-sprachige Christen. Im Gegensatz zu den Armeniern haben sie keinen Staat, wo sie ihrer Geschichte gedenken können.

Auf dem Luisenfriedhof in Charlottenburg ziehen rund 100 Menschen in einer Prozession zur ökumenischen Gedenkstätte für die "Opfer des Osmanischen Genozids". Neben einer Tafel, die an den Völkermord erinnert, sind alte Grabanlagen zu Erinnerungsstätten umgebaut worden: eine für die Armenier, eine für die Griechen und eine für die Aramäer. Damit werden die drei christlichen Gruppen benannt, die den Jungtürken zum Opfer fielen, sagt die Literaturwissenschaftlerin Tessa Hofmann, die seit Jahrzehnten über den Genozid forscht. Die Armenier seien zwar die bekannteste Gruppe, aber nicht die einzige.

"Bei den Griechisch-Orthodoxen, die vor dem  Ersten Weltkrieg zweieinhalb bis drei Millionen Menschen umfassten, sterben über  eineinhalb Millionen; bei den aramäisch-sprachigen Christen, mit vielleicht einer  Million Vorkriegsbevölkerung, sind über 600.000 umgekommen, wobei man sich bei den aramäisch-sprachigen Christen klarmachen muss: Es ist die kleinste Gruppe gewesen, sie war sehr zersiedelt, nicht nur auf dem Osmanischen Staatsgebiet, sondern auch im Iran."

Auch die Großeltern von Amill Gorgis gehörten zu den Opfern. Sie lebten in einem Dorf in der Südwesttürkei und konnten ihre Kinder bei Verwandten in Sicherheit bringen, bevor sie selbst umgebracht wurden.

"Sie haben uns vernichtet"

Gorgis ist mit seinen Eltern in einem Dorf in Syrien aufgewachsen und lebt seit 45 Jahren in Deutschland, wie viele der aramäisch-sprachigen Christen. Das Aramäische ist für ihn, den Ökumenebeauftragten der syrisch-orthodoxen Kirche in Berlin, immer noch die Muttersprache. In ihr werden Gottesdienste gehalten und Erinnerungen weitergegeben - auch an die Massaker, für die der 15. Juni 1915 zum Symbol geworden ist. An diesem Tag wurde der Priester von Nusaybin, einer Stadt in der Nähe zur heutigen syrischen Grenze, vor den Augen seiner Gemeinde hingerichtet, weil er sich weigerte, zum Islam zu konvertieren.

"Heute noch, wirklich, einfache Leute, bei uns, wenn man sie fragt zu ihrem Verhältnis zu den Türken, dann sagen sie: Sie haben uns vernichtet, und dann kommt der nächste Satz, sie haben unsere Klöster und Kirchen zerstört. All das war für uns symbolhaft genug, um diesen Tag als Gedenktag auszurufen."

Wie umstritten dieses Gedenken noch immer ist, haben die türkischen Reaktionen auf die Armenien-Resolution des Bundestags deutlich gemacht.

"Wenn wir Nachrichten hören, wie eine Gruppe vor der deutschen Botschaft demonstriert und sagt, nur ein toter Armenier ist ein guter Armenier, oder wenn der türkische Präsident Bluttest für die türkischstämmigen Abgeordneten verlangt, das ist ein Rassismus, kaum zu überbieten. Das macht uns Angst, und das Entsetzen ist wirklich in unseren Gesichtern zu sehen."

Cem Özdemir will sich durch solche Drohungen nicht einschüchtern lassen. Der Grünen-Parteichef und Mitinitiator der Armenien-Resolution hielt im Französischen Dom die Festrede bei der Gedenkfeier für den Völkermord an den aramäisch-sprachigen Christen.

"Wir sind wirklich eine Diasporakirche geworden"

"Übrigens, ich hab mich einem solchen Bluttest unterzogen, aber nicht, weil es der Staatspräsident eines anderen Landes gewünscht hat, sondern weil ich zufälligerweise beim Arzt war und mich untersuchen lassen musste. Es wird Sie vielleicht nicht wundern, aber auch nach mehreren Nachfragen gegenüber meinem Arzt konnte er nicht bestätigen, dass das Blut, das durch meine Adern fließt, einer bestimmten Nation gehört."

Der Applaus kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Armenien-Resolution nur ein kleiner Schritt in der Aufarbeitung des Völkermords ist. Auch in der Türkei sprechen inzwischen einzelne Wissenschaftler von Genozid, doch die große Mehrheit in Politik und Gesellschaft leugnet diesen weiterhin.

Für die Nachfahren der Opfer dagegen bleibt die Anerkennung der historischen Ereignisse als Völkermord zentral - egal, ob Armenier oder Aramäer. Eines unterscheidet sie in dieser Sache allerdings: Die Armenier haben einen eigenen Staat, in dem sie der Geschichte ihres Volkes gedenken können. Die Aramäer nicht.

"Wir sind wirklich eine Diasporakirche geworden und ein Diasporavolk. Und wir stehen vor großen Herausforderungen, einerseits das zu bewahren, was wir mitgebracht haben, auf der anderen Seite wissen wir, dass wir nur zusammenbleiben können, wenn wir versuchen, uns in den neuen kulturellen Elementen unserer neuen Heimat anzupassen."

Weitere Informationen findne Sie auf den Internetseiten der "Forschungsstelle für Aramäische Studien" und der "Fördergemeinschaft für eine Ökumenische Gedenkstätte für Genozidopfer im Osmanischen Reich".

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