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Freitag, 24.11.2017

Thema / Archiv | Beitrag vom 18.12.2012

Nach der Apokalypse kommt die Erlösung

Warum manche Religionen den Weltuntergang brauchen

Thomas Grüter im Gespräch mit Ulrike Timm

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Holzschnitt von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1498 mit der Darstellung der apokalyptischen Reiter. (picture alliance / dpa)
Holzschnitt von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1498 mit der Darstellung der apokalyptischen Reiter. (picture alliance / dpa)

Religionen wie das Christentum oder der Islam teilen die Vorstellung eines Jüngsten Gerichts, das Gerechtigkeit unter allen Menschen herstellen soll. Dabei ginge es aber nicht um einen Weltuntergang, sondern dass danach die jetzige Welt in eine gerechtere überführt wird, sagt der Sachbuchautor Thomas Grüter.

Ulrike Timm: Diese Woche beginnen wir immer mit dem Ende, und zwar dem größtmöglichen Schluss, dem Weltuntergang. "Apokalypse Now - Die Lust am Weltuntergang", so heißt unsere Reihe im "Radiofeuilleton", und sie speist sich natürlich aus der Prophezeiung, am kommenden Freitag ginge die Welt unter. Das soll der Maya-Kalender aussagen – komplette Falschmeldung, die aber mit Lust seit Jahren Wellen schlägt, im Maya-Kalender beginnt lediglich eine neue Dekade, das erklärte uns gestern ein Fachmann.

Aber die Furcht vor dem Untergang, die ist umfassend: Fast alle Religionen kennen so ein Weltenende, eine Apokalypse, und was das erzählt über den Glauben wie über die Menschen, die ihm angehören, das beleuchten wir jetzt mit dem Sachbuchautor Thomas Grüter, der mit "Faszination Apokalypse" ein dickes Buch zum Thema vorgelegt hat. Schönen guten Tag!

Thomas Grüter: Ja, guten Tag, Frau Timm!

Timm: Herr Grüter, macht es eigentlich einen großen Unterschied, ob man nun in der Bibel vom Jüngsten Gericht liest oder sich im Islam vor dem Jüngsten Tag fürchtet, oder tut sich das nichts?

Grüter: Ja, da sind die beiden Religionen relativ ähnlich. Da geht es jeweils darum, dass es einen Tag, an dem die jetzt bekannte Welt endet, und dann wird gerichtet. Das heißt, dann kommt der gerechte Gott und teilt die Menschen auf, eben in die Guten, die in den Himmel kommen und in die Bösen, die in die Hölle kommen.

Timm: Sie haben das beleuchtet von verschiedensten Seiten. Wozu braucht der Glaube die Hölle oder doch das Weltenende?

Grüter: Ja, die meisten Menschen stehen auf dem Standpunkt, dass die jetzige Welt sehr kompliziert ist und nicht unbedingt gerecht, und sehnen sich eigentlich danach, dass irgendwann mal ein Richter kommt, der Gerechtigkeit in die Welt bringt. Und das ist eben im Christentum das Jüngste Gericht, im Islam ist das eben genauso bekannt, und in anderen Religionen gibt es Ähnliches, dass man also sagen kann, irgendwann wird diese komplizierte Welt, so ungerecht, wie sie ist, aufgehoben, und es herrscht Gerechtigkeit.

Timm: Ist das die einzige Quelle dieser Anschauung, denn es ist ja noch, hoffen wir mal, ein gutes Stück weit entfernt, dass man so weit vorausplant, die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen?

Grüter: Ja, das ist grundsätzlich im Christentum schon so, denn das Christentum wie auch der Islam gehen ja davon aus, dass irgendwann die Toten erweckt werden. Und wenn die Toten erweckt werden, werden eben alle Menschen gerichtet, so weit weg wie das auch immer sein mag, aber irgendwann, so sagen diese beiden Religionen, trifft es jeden.

Timm: Und dann braucht man die oberste Justiz, um selber gut dazustehen?

Grüter: Ja, dann braucht man nicht unbedingt die oberste Justiz, um gut dazustehen, sondern man muss halt vorher ein einigermaßen anständiges Leben gelebt haben, um dann noch in den Himmel kommen zu können.

Timm: Apokalypse heißt ja wörtlich übersetzt nichts anderes als Offenbarung – das klingt viel ziviler. Seit wann verbindet man mit Apokalypse denn das absolute Grauen oder das Ende?

Grüter: Ja, da stellt sich natürlich die Frage, was wurde da offenbart. Die Apokalypse bezieht sich dann auf die Offenbarung des Johannes in der Bibel, und eben diesem Johannes, dessen Identität gar nicht mal so genau bekannt ist, wurde halt offenbart, wie das Weltende aussieht. Und deswegen hat sich der Begriff Apokalypse, also eigentlich Offenbarung, irgendwann mal zum Synonym entwickelt für Weltende. Denn Johannes schildert das Ganze sehr farbig, und es treten alle möglichen grausigen Katastrophen auf und fürchterliche Prüfungen, und die vier apokalyptischen Reiter werden freigelassen, die also Krieg bringen und Hunger bringen und Tod bringen. Und daraus hat sich dann der Begriff entwickelt, eine Apokalypse – eigentlich nur die Offenbarung – ist die Darstellung des Weltendes.

Timm: Das steht ja auch für Katastrophen, haben ja irgendwie alle Leute übernommen, die wahrscheinlich diese Offenbarung des Johannes nie gelesen haben: Das gibt es im Film, gibt es im Glauben, gibt es bei einer Naturkatastrophe, von Apokalypse spricht man ja ganz generell, wenn man das absolute Grauen für sich zu sehen meint.

Grüter: Ja, wenn man von apokalyptischen Katastrophen spricht, dann ist eben diese Offenbarung gemeint, also speziell jetzt die Offenbarung des Johannes, weil sie eben sehr farbig alle möglichen Katastrophen schildert.

Timm: Wie ist denn das, Herr Grüter, wäre eine Religion ohne die Vorstellung vom Ende einfach unvollständig?

Grüter: Nein, es hat viele Religionen gegeben, es gibt auch noch viele Religionen heutzutage, die keine so farbige Vorstellung haben von einem Weltende mit dann einem gerechten Richter und einem Himmel und einer Hölle. Beispielsweise ist es so, dass im Hinduismus die Welt zyklisch abläuft. Das heißt, es gibt gute Zeiten, es gibt schlechte Zeiten, und diese Zeiten folgen in einem ganz großen kosmischen Rhythmus aufeinander, und wiederholen sich ständig. Und wenn Sie mal vielleicht die antiken Religionen betrachten – also im antiken Rom oder im antiken Griechenland –, da gab es auch kein spezielles Ende, da gab es verschiedene Gottheiten, die jeweils für einen bestimmten Bereich des Lebens zuständig waren, aber man hatte keine Vorstellung davon, ob das enden sollte oder wann das enden sollte.

Timm: Sind solche Religionen angstfreier?

Grüter: Das ist schwer zu beantworten, denn wenn man das mal sieht, ist die Apokalypse des Johannes zwar voller Katastrophen, aber danach kommt die Erlösung, das heißt, danach richtet Gott die Menschen eben, es kommt das himmlische Jerusalem auf die Erde herab, und es kommt eine Zeit eben, in der alle Gerechten friedlich und gut leben können. Also im Grunde ist es nicht nur die Katastrophe, es ist auch das Versprechen hinterher einer gerechten Zeit. Und das wird meistens vergessen, meistens sehen die Menschen heutzutage nur noch die Katastrophenvorhersage, sie sehen aber nicht, dass eigentlich gemeint war, dass die jetzige Welt, eben weil sie ungerecht und unvollständig ist, endet und in eine neue Welt überführt wird, in der es allen eben ihrem Wert entsprechend gut oder schlecht geht.

Timm: Aber wenn der Hinduismus solche neuen Welten in einer organischen Abfolge erreicht, ohne solche Katastrophen, dann könnte man doch denken, dass er angstfreier wäre?

Grüter: Ja, das ist schwer zu sagen, auch beim Hinduismus gehen die Welten eigentlich nicht ohne Katastrophen ineinander über, sondern die eine Welt endet jeweils katastrophal, und zwischen diesen Welten gibt es auch durchaus eine Hölle, in der jeder zumindest zeitweilig eine gerechte Strafe bekommt.

Timm: Also ohne Apokalypse kommt man irgendwie doch nicht aus. Wir sprechen im "Radiofeuilleton" mit Thomas Grüter, dem Autor des Buches "Faszination Apokalypse". Die Lust am Weltuntergang beschäftigt uns in dieser Woche hier im "Radiofeuilleton". Herr Grüter, die Annahme, die Maya erwarteten das Weltende für Freitag, ist eine Falschmeldung, aber Teile der Esoterikszene sind ja ganz real in heller Aufregung, und in Südfrankreich warten Pilger auf einer Startbahn für Außerirdische auf Rettung. Was passiert denn in dieser speziellen Szene, wenn der Weltuntergang schlicht ausfällt?

Grüter: Ja, das ist ganz verschieden. Die meisten Esoteriker haben sich inzwischen darauf zurückgezogen, dass am 21.12 nicht die Welt zugrunde geht, sondern eine spirituelle Erneuerung stattfindet. Das erspart ihnen natürlich die Blamage, wenn alle Menschen am 22.12. aufwachen und feststellen, ja, die Welt ist noch genau so, wie sie vorher war. Andererseits, diese spirituelle Erneuerung, die muss danach natürlich erklärt werden, darüber kann man neue Bücher schreiben, oder die Menschen müssen angeleitet werden, um sie überhaupt wahrzunehmen, und da kann man natürlich dann auch lukrative Seminare veranstalten.

Timm: Das ist interessant: Die Erwartung des Weltuntergangs ist ein gutes Marketing, und der Ausfall des Weltuntergangs ist dann auch ein guter Marketingtrick.

Grüter: Ja, die Esoteriker, die sehr bekannt sind, sind auch die Esoteriker natürlich, die über ein gutes Marketing verfügen, deswegen sind sie ja so bekannt.

Timm: Dann rechnen wir mit Neuveröffentlichungen für den 22.12. Sie haben sich nun mit der Apokalypse ein dickes Buch hindurch beschäftigt. Gibt es denn auch Prophezeiungen, die Sie für wirklich gefährlich halten?

Grüter: Ja, es gibt Prophezeiungen, die insofern gefährlich sind, als dass Menschen daran glauben oder versuchen, diese Prophezeiungen selber umzusetzen. Dazu gehört beispielsweise die Prophezeiung des Engländers John Nelson Darby, der damals gesagt hat, dass das Weltende irgendwann auftreten könnte, wenn die Juden wieder im Besitz des heiligen Landes sind. Das war im 19. Jahrhundert, da war das in keiner Weise absehbar, jetzt ist es aber passiert, und in Amerika gibt es viele evangelikale Gruppen, die die Bibel wörtlich nehmen und die Zeitabfolge, die John Nelson Darby damals vorgesehen hat, auch tatsächlich für realistisch halten.

Sie glauben, dass jetzt, wo die Juden eben wieder in Jerusalem herrschen, tatsächlich die Zeit gekommen ist, wo man jederzeit damit rechnen müsste, dass Jesus wieder auf der Erde auftaucht und gleichzeitig der Antichrist kommt, und dann der letzte Kampf zwischen Gut und Böse stattfindet, wobei natürlich dann alle anständigen Christen aufgerufen sind, auf der Seite des Guten zu kämpfen. Und diesen Kampf stellen sie sich als richtig militärischen Kampf vor.

Timm: Und dann wird es politisch gefährlich?

Grüter: Dann, in dem Moment, wird es politisch gefährlich.

Timm: Es gibt ja die sogenannten Endzeitsekten, also zum Beispiel Aum, die in den 1990ern Giftgas in die Tokioter U-Bahn leiteten, um den Weltuntergang vorzubereiten – 13 Tote, 6000 Verletzte, und der unerschütterliche Glaube der Aums besagt, sie würden die Apokalypse als Einzige überstehen – ist das typisch für solche Endzeitsekten?

Grüter: Ja, da gibt es zwei Sachen: Zum einen ist die Aum-Sekte im japanischen Kulturkreis angesiedelt und ist deswegen nicht unbedingt typisch, denn die Aum-Sekte ist davon ausgegangen, dass durch diesen Anschlag in der Tokioter U-Bahn die Machtgruppen der Welt aufeinander losgehen würden, und nur ihre eigene Sekte, die eben Bescheid wusste, wo das Ganze herkam, und die sich entsprechend auch eingebunkert hatte, die Sache überleben würde.

Da ging es also jetzt richtiggehend um ein Machtszenario, während die Sekten, die eigentlich aus unserem Kulturkreis kommen, eher davon ausgehen, dass sie von außen erlöst werden. Das heißt, es kommen Außerirdische oder es kommt Gott, der auf den Plan tritt und sie erlöst, oder es wartet irgendwo ein Raumschiff, in das ihr spirituelles Selbst übernommen wird – ja, und da kommt dann eben das Problem jetzt der Massenselbstmorde. Das spirituelle Selbst, so sagten einige dieser Sekten, wird durch den Massenselbstmord freigesetzt und wird dann aufgefangen von einem außerirdischen Raumschiff.

Timm: Herr Grüter, wenn man ein ganzes dickes Buch über die spirituellen Bedeutungen von Apokalypsen schreibt, bekommt man dann ein anderes Verständnis von Furcht, oder wird man einfach abgeklärter?

Grüter: Ja, ich denke, man wird abgeklärter, die Vorstellungen sind doch auf der einen Seite eben sehr verschieden und auf der anderen Seite so von der jeweiligen Kultur geprägt, dass man sagen muss, es besagt eigentlich mehr über die Menschen als über das Weltende.

Timm: Danke an den Sachbuchautor Thomas Grüter, wir sprachen über die Faszination und die Bedeutung der Apokalypse in Religion und Spiritualität. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Programmhinweis:
Apokalypse Now - Der Maya-Kalender und die Lust am Untergang
Reihe im Radiofeuilleton

Passend zum erwarteten Weltuntergang senden wir am 21.12.12 ein Konzert zum Ende der Zeit, ab 22.30 Uhr.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Archäologe: Maya-Kalender endet nicht mit Weltuntergang
Apokalypse Now

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