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Dienstag, 21.11.2017

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 23.06.2017

Muslimische DistanzierungsritualeGuter Moslem, böser Moslem

Von Fabian Köhler

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Männer beten auf einer Kundgebung gegen Islamophobie und Rassismus in Berlin. (imago / Christian Ditsch)
Kundgebung gegen Islamophobie und Rassismus in Berlin. (imago / Christian Ditsch)

Ein Zeichen gegen den Terror wollten Muslime setzen, sich vom Extremismus distanzieren. Doch im Streit um das richtige Signal offenbaren die Verbände der muslimischen Community vor allem eins: ihre chronische Selbstbeschäftigung, meint Islamwissenschaftler Fabian Köhler.

Haben Sie auch diesen erbärmlichen Auftritt von Muslimen miterlebt? Nein, ich meine nicht den Friedensmarsch in Köln, der mit rund 2000 Teilnehmern weit unter den Erwartungen der Veranstalter blieb. Und mir ist auch die Ankündigung von Ditib und anderen Islamverbänden egal, nicht an der Kundgebung gegen Terror teilzunehmen. Mit Terrorismus haben die meisten Muslime ohnehin so viel zu tun wie Ossis mit Nordkorea. Wenn Menschen dennoch gegen Terror auf die Straße gehen: Was kann daran falsch sein?

Nein, richtig lächerlich wurde es erst nach der Demo. Muslimische Befürworter und muslimische Kritiker der Veranstaltung versammelten sich, um sich diesmal tatsächlich massenhaft zu distanzieren: Nicht vom Terror oder vom gesellschaftlichen Generalverdacht, sondern voneinander. Seit nunmehr einer Woche ringen islamische Interessenvertreter und Muslime des öffentlichen Lebens um die anscheinend wirklich wichtige Positionierung: Stecken die, die mitdemonstrierten, im Arsch der Mehrheitsgesellschaft? Oder die, die es nicht taten, mit einem Fuß im IS-Ausbildungslager?

Die ewige Suche nach gefühlten Ungerechtigkeiten

Das ist freilich kein neues Phänomen. Das Muslimbashing innerhalb der organisierten islamischen Community hat schon lange ein Ausmaß angenommen, auf das jeder AfD-Stammtisch nur neidisch sein kann. Mit der Toleranzbereitschaft einer sächsischen Bürgerwehr sucht eine nicht unerhebliche Menge aus muslimischen Nörglern, Missgünstlern und Intriganten jedes Auftreten von Muslimen in der Öffentlichkeit nach gefühlten Ungerechtigkeiten ab: Steht der Mazyek schon wieder neben der Merkel? Darf die Kaddor schon wieder zu Lanz? Wieso wird immer Ditib kritisiert und nicht mal der Islamrat? Sind die Ahmadiyyas überhaupt Muslime? Wieso dürfen die sich liberal nennen und wir nicht? Was hat der Koordinationsrat eigentlich jemals koordiniert?

Statt Dauergängelung und Verdächtigungen gemeinsam zurückzuweisen, wird jedes Stöckchen, das Islamgegner werfen, aufgenommen, um den ungeliebten muslimischen Gegenspieler darüber stolpern zu lassen: Nein, bei uns gibt es so etwas nicht. Aber habt ihr schon einmal bei den Konservativen nachgeschaut? Guter Moslem, böser Moslem.

Anstatt zum Wohle der fünf Millionen Muslime in Deutschland Gemeinsamkeiten auszuloten, mutiert der inhaltlich richtige Hinweis, dass niemand alle Muslime repräsentiere, zum Totschlagargument gegen jede Initiative, die man eigentlich mittragen könnte, stammte sie nicht vom Konkurrenzverband.

Endlich mal distanzieren: vom ständigen Machtkampf

Dabei gibt es sie, die Gemeinsamkeiten: Imamausbildung innerhalb Deutschlands, islamischer Religionsunterricht, Anerkennung als Religionsgemeinschaft, Extremismusprävention, Kampf gegen Islamophobie… Abseits öffentlicher Distanzierungsrituale ergänzen sich die Akteure oft besser als ihnen lieb ist: Man kann vieles an der Arbeit der großen Verbände kritisieren, aber auch sie setzen Zeichen gegen den Terror. Jeden Tag. Mit ihrer Jugend- und Sozialarbeit in Hunderten Moscheen.

Und wie groß erst wäre wohl die islamfeindliche Schieflage öffentlicher Debatten, würden muslimische Einzelpersonen nicht der Dauerkritik aus den eigenen Reihen trotzen, um der Perspektive der fünf Millionen Muslime in Deutschland Gehör zu verschaffen?

Um derentwillen sollten sich die islamischen Akteure in Deutschland wirklich einmal distanzieren. Und zwar vom ständigen Machtkampf untereinander.

Fabian Köhler (Camay Sungu)Fabian Köhler (Camay Sungu)Fabian Köhler hat in Jena und Damaskus Politik- und Islamwissenschaft studiert. Als freier Journalist schreibt er für viele Magazine und Tageszeitungen über Flüchtlinge und Islam(ophobie) und reist durch den Nahen Osten oder das, was davon noch übrig ist.


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