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Tonart | Beitrag vom 31.01.2018

Musikszene in ÖsterreichPopsongs gegen Rechtspopulismus

Von Paul Lohberger

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Großdemo gegen ÖVP-FPÖ Regierung in Wien (imago/Revierfoto)
Großdemo gegen ÖVP-FPÖ Regierung in Wien (imago/Revierfoto)

Die Regierungsbeteiligung der rechten FPÖ spaltet die österreichische Gesellschaft - auch die Musikwelt. Während der Volkstümler Andreas Gabalier immer schon mit den Rechtspopulisten flirtete, steht ihnen die progressive Popszene ablehnend gegenüber.

"… ob du willst oder nicht, nicht nur das Wetter ist global. Populisten sind keine Hüter des Lichts. … Retter sind im Trend und dreschen gleiche Phrasen. Nutzen tut‘s nur ihnen und der Angst in den Straßen!"

Der Song "Der Zeitgeist macht Buh" von Neuschnee wirkt hoch aktuell. Das Album zu dieser Nummer erscheint am 2. Februar 2018. Doch adressiert dieser Titel wirklich die aktuelle politische Situation in Österreich? Das war nicht wirklich so geplant, sagt das Mastermind hinter der Band, Hans Wagner.

"Es war eigentlich ein bisschen Zufall, denn am Anfang stand das beängstigende Gefühl, dass das auch ein europäisches Phänomen ist. Das Lied gab‘s ja schon vor der Wahl, und leider hat es sich noch bestätigt, diese Furcht."

Als Berliner in Wien verfolgt Wagner die allgemeinen Entwicklungen der letzten Jahre mit großem Unbehagen: Neoliberale Strömungen und globale Krisen - alles schien den Rechtpopulisten in die Hände zu spielen, so dass sie in Österreich nun in der Regierung sitzen.

"Ich seh‘s halt nicht nur als österreichisches Phänomen und bin aber sehr erschüttert darüber. Dadurch, dass man einfach nur Phrasen drischt – und letztendlich geht’s meistens um die eigene Karriere und nicht um irgendeine gesellschaftliche Vision dahinter."

"Das zu erzählen, dauert dann länger als ein dreiminütiger Song"

"Denn es war nicht immer so oder vielleicht weiß ich’s nicht mehr, aber so viel Hetze, so viel Feinde, so viel läuft verkehrt.

So viel Stimmen für Parteien, die nichts tun außer sich beschweren. So viel blinde Wut und so viel Hass – wo kommt das alles her? Wohin es führt, haben wir im Geschichtsunterricht gelernt."

So wie hier im Song "Zwei" beschäftigt sich Yasmo fast zwangsläufig wieder mehr mit Politik. Ob gemeinsam mit der Band "Klangkantine" oder als Poetry Slammerin: Yasmo versucht, die Stimmung in Österreich zu beschreiben - ebenso wie große Teile der österreichischen Hip-Hop-Szene. Entsprechende Releases werden folgen. Aber alles braucht seine Zeit.

"Natürlich kann man auf eine Person losgehen und sagen, der macht alles falsch, das ist alles schlimm. Aber es ist ja ein grundlegendes strukturelles Problem. Nur: Das zu erzählen, das dauert dann länger als ein dreiminütiger Song."

Fassungslosigkeit ist ein legitimes Gefühl

Freilich stellt sich mehr denn je die Frage, wie man Meinung oder gar Protest ausdrücken soll. Muss man noch auf die Straße gehen? Bietet nicht das Internet viel bessere Möglichkeiten?

"Es gibt auf jeden Fall mittlerweile andere Möglichkeiten politisch aktiv zu sein. Vor allem was im Netz abgeht. Aber die Frage ist auch, welches Verständnis von Politik man hat. Weil wenn man auf Facebook in seiner Bubble ist und plötzlich schockiert ist, wenn die Wahlergebnisse so ausfallen, wie sie diesmal ausgefallen sind – eben, das Predigen vor Gläubigen - das ist etwas, das in einer Blase funktioniert, aber in der echten Welt dann nicht mehr."

Auch Fassungslosigkeit ist ein legitimes Gefühl, das nach Ausdruck verlangt. Manchmal gelingt es aber doch, ein kompaktes Statement zu formulieren. Nicht in Wiener, sondern in Salzburger Mundart erklärt die Band Nelio das Zustandekommen der aktuellen Regierung mit einem Song.

"Sche longsom glaubst von’d blauen Leid

dass’d fremd wirst in deim Lond …

Der Opfi in den’st einibeißt

is bitter, braun und oid

bitter, braun und oid."

Texte müssen konkret werden

Blaue Leute und braune Äpfel sind bei Nelio recht klare Metaphern - wenn man sie denn verstehen will. Noch konkreter in seinen Texten wird David Hebenstreit alias Sir Tralala.

"Wenn man nur metaphorisch agiert, kann es leicht sein, dass die künstlerischen Inhalte instrumentalisiert werden für alles Mögliche. Man muss dann schon schauen, dass man konkret wird. Könnte sein, dass ich mir Ärger einhandle damit, aber naja, schauen wir mal."

Ein neues Album von David Hebenstreit alias Sir Tralala soll im April erscheinen und explizite Stücke wie den "Arschloch Walzer" enthalten. Sir Tralala hat sein letztes Album vor gut zehn Jahren veröffentlicht. Als Musiker ist David Hebenstreit jedoch ständig mit vielen Vertretern der Wiener Szene aktiv. Er arrangierte für den Nino aus Wien und spielt diverse Instrumente.

Zum Protest verpflichtet

Anfang Jänner engagierte sich Sir Tralala für ein Protestkonzert gegen eine Parteiveranstaltung in einem Szenelokal – ein schwieriges Unterfangen: Die Veranstaltung war selbst in der Szene umstritten, die Mitstreiter unzuverlässig und schließlich scheiterte alles an einer fehlenden polizeilichen Genehmigung.

"Man sollte sich schon im Vorfeld äußern, wenn man merkt, dass sich Umstände anbahnen, mit denen man nicht zufrieden ist. Man muss aber auch sehen, dass man nicht hysterisch wird und sich nur noch in Verschwörungstheorien bewegt."

Sir Tralala fühlt sich zum Protest verpflichtet. Die bekannten Kolleginnen und Kollegen sind ihm oft zu vorsichtig.

"Bei mir ist es so, dass ich eher wenig zu verlieren hab. Das gibt mir den Luxus, weniger ein Blatt vor den Mund zu nehmen."

Konkrete Aussagen sind schwierig angesichts komplexer Problemlagen. Lösungsansätze lassen sich oft nur über sehr abstrakte Begriffe fassen – aber alles andere wäre dann auch wieder Populismus. Hans Wagner kommt mit Neuschnee zu dieser Erkenntnis:

"Es ist nie zu spät, es ist nie zu spät, für ein bisschen mehr Solidarität."

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