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Mittwoch, 13.12.2017

Tonart | Beitrag vom 02.09.2015

MusikethnologieVom Wert der kulturellen Vielfalt

Von Arndt Peltner

Ein Mann spielt auf einem Banjo. (imago / Hoch Zwei / Angerer)
Auch das Banjo gehört zur Folkmusik des Mittleren Westens (imago / Hoch Zwei / Angerer)

Kultureller und ethnischer Reichtum durch Einwanderer: Das spiegelt die CD-Box "Folksongs of another America". Sie konzentriert sich auf die Region des Mittleren Westens und präsentiert Feldaufnahmen, die so noch nie zu hören waren, urteilt Arndt Peltner.

OT-Aufnahme: “We’re going to have a series of old fiddle tunes, played by Mister Leizime Brusoe, at Rhinelander, Wisconsin, July 1937….”

Sidney Robertson, die hier im Juli 1937 den Fiedler Leizime Brusoe vorstellt, war eine von drei Musikethnologen, die in den späten 30er und Anfang der 40er Jahre versuchten, die reichhaltigen Musikwurzeln der Upper Midwest Region in den USA zu dokumentieren. Neben ihr reisten noch Alan Lomax und Helene Stratman-Thomas durch Wisconsin, Minnesota und die UP, die Upper Peninsula, of Michigan. 

Es sind Feldaufnahmen, die eine Region Amerikas präsentieren, wie sie so noch nie zu hören war. Zusammengefasst sind sie nun als “Folksongs of Another America” bei Dust to Digital Records erschienen. Professor James Leary von der University of Wisconin in Madison steckt hinter dieser Veröffentlichung, an der er fast zehn Jahre lang arbeitete:

Das Projekt, an dem Alan Lomax, Stratman-Thomas und Sidney Robertson mitgewirkt haben, sollte den Wert von kultureller Vielfalt und Pluralismus zu zeigen. Ich denke, sie haben auch erkannt, dass nach ein paar Generationen die Kinder und Enkel nicht mehr die Sprache ihrer Eltern sprechen. Es gibt also diesen kritischen Moment, wenn man noch in der Lage ist, dieses Material zu sammeln. 

Von Seiten der Regierung galt ein "english only"

Wer von der amerikanischen Folk Music spricht, denkt vor allem an die englischsprachigen Lieder. Doch Amerika, das zeigt vor allem die Upper Midwest Region, hat viel mehr zu bieten. James Leary weiß, dass lange Zeit die fremdsprachigen Lieder der Einwanderer nicht beachtet wurden, auch wenn sie von den drei Musiksammlern für die Library of Congress schon früh aufgezeichnet wurden. Von Seiten der Regierung wurde jedoch ein “English only” ausgegeben, die Songs verschwanden im Archiv. 75 Jahre später wollte Leary jedoch zeigen, dass Amerika ein Land der kulturellen Sprachenvielfalt ist:

Für mich sind American Indians Amerikaner. Viele der frühen Siedler in den Vereinigten Staaten, bevor das Land überhaupt eine Nation wurde, sprachen eine andere Sprache als Englisch. Deutsch, Holländisch, Schwedisch, diese Sprachen sind genauso legitim. Und auch in meiner Heimatregion hörte man viele verschiedene Sprachen. Ich denke also, es ist sehr wichtig, diese Lieder als amerikanische Lieder zu präsentieren und sie denen vorzuhalten, die glauben, jeder sprach hier sofort Englisch und, dass nur das Englische das richtige ist. 

OT- Alana Lomax: “These fiddle tunes are being recorded by Joe Cloud in Odanah, Wisconsin on October the 16th, 1938….”

Alan Lomax, Sidney Robertson und Helene Stratman-Thomas haben in mehreren Reisen in einem Zeitraum von acht Jahren mehr als 2000 Aufnahmen zusammen getragen. Leary hat auf “Folksongs of another America” 186 Lieder ausgewählt, die repräsentativ für die sprachliche und kulturelle Vielfalt der Gegend sind.

Jahrelange Arbeit von James Leary 

James Leary arbeitete jahrelang an dieser Veröffentlichung. Er bereinigte digital die alten Aufnahmen und trug viele Informationen zusammen, die in den Original Notizen der drei Ethnologen nicht vorhanden waren. Eine Ausnahmeleistung, die jedoch erst den ganzen Wert des kulturellen Reichtums des oberen Mittleren Westens für den Hörer zugänglich macht. Und obwohl man hier nur alte Aufnahmen hört, ist die eigentliche Botschaft dieser visionären Arbeit aus den 30er und 40er Jahren für James Leary klar:

Heute sorgt man sich in Amerika wegen der Einwanderung. Darüber, was die Immigranten mitbringen und ob sie überhaupt ins Land gelassen werden sollen. Und genauso ist es ja auch in Europa. Ich finde, diese Lieder zeigen, dass Neuankömmlinge in einem Land, auch wenn sie Teile ihrer Sprache, ihrer Kultur und Tradition behalten, zur gleichen Zeit offen sind und etwas im positiven Sinne beisteuern. Wenn man sich das ansieht, wie es damals war, kann das eine gute Lektion für heute und morgen sein. 

Folksongs of another America. Field Recordings from the Upper Midwest 1937–1946
Dust to Digital Records
5 CDs plus DVD Sammlung, 60 $ 

 

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