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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.08.2015

MusikarchäologieSchwirrplättchen, Knochenflöten und Keramiktrommeln

Von Thomas Gith

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Nachgebaute Knochenflöten, aufgenommen am 02.07.2015 in der Werkstatt von Instrumentenbauer Ralf Gehler in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) (picture-alliance / dpa / Jens Büttner)
Nachgebaute Knochenflöten, aufgenommen in der Werkstatt von Instrumentenbauer Ralf Gehler in Schwerin (picture-alliance / dpa / Jens Büttner)

Den Anfängen menschlicher Musikkultur auf der Spur: Forscher haben herausgefunden, dass unsere Urahnen musizierten, lange bevor sie sesshaft wurden. Das älteste Instrument der Menschheit, die Knochenflöte, klingt dabei erstaunlich intensiv.

Adje Both:"Also die Musikarchäologie befasst sich im Grunde genommen mit den allerfrühsten Erzeugnissen, klanglichen Erzeugnissen der Menschheit."

Susanne Münzel:"Die ersten Knochenflöten habe ich entdeckt aus dem Geißenklösterle. Und zwar bin ich Archäozoologe, ich werte also die Tierknochen dieser Höhlen aus. Und Fragmente dieser ersten Flöte waren unter meinen Tierknochen dabei. Und wir können die auf 40.000 – 35.000 Jahre vor heute datieren."

Olga Sutkowska: "Als Musiker kann ich vermuten, dass die Menschen haben genauso musiziert wie heute. Und haben einfach alles ausprobiert, was möglich ist, auf diesen Instrumenten. Und noch mehr."

Es ist die Zeit rund 36.000 Jahre vor heute. Der moderne Mensch sucht Unterschlupf in Höhlen, geht jagen, stellt Werkzeuge aus Feuerstein her. Die letzte Kaltzeit dominiert das Klima. Es sind harte Bedingungen, unter denen die Menschen existierten. Dennoch finden sie bereits Zeit für Kunst. Archäologische Funde belegen das, erzählt Adje Both vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin:

"Das sind eben diese Venusfiguren. Aber es gibt auch aus Mammutelfenbein geschnitzte Figürchen. Von zum Beispiel einem Mammut gibt es ein Figürchen, oder von Vögeln. Und von daher entwickelt sich tatsächlich in diesem Zeitraum spürbar eine Ästhetik. Die kann aber natürlich viele Jahrtausende vorher auch bereits existiert haben. Nur haben wir darüber keine Erkenntnisse."

Musikinstrumente als früheste Kunstobjekte

Unter den frühsten Kunstobjekte, die für das Gebiet des heutigen Europas belegt sind, sind auch die ersten bekannten Musikinstrumente der Welt. Die Archäozoologin Susanne Münzel von der Universität Tübingen hat die erste Knochenflöte ausgegraben - im Geißenklösterle, einer Höhle, die im Achtal im heutigen Baden-Württemberg liegt. Die Flöte ist der älteste, unumstrittene Beleg für die menschliche Musikkultur. Das rund 12,6 Zentimeter lange Instrument wurde aus der Speiche eines Singschwans gefertigt – lag allerdings nicht im Ganzen, sondern zerbrochen im Erdreich, erinnert sich die Forscherin:

"Ich habe die Fragmente in der Hand gehabt und habe sofort gesehen, dass da Löcher reingeschabt wurden. Also die sind geschabt und nicht gebohrt. Und habe die Stücke dann zusammengesetzt. Und so Scherzes weise habe ich dann drauf geschrieben auf den Zettel: Flöte, Fragezeichen. Und zu dem Zeitpunkt wusste ich aber noch nicht, dass es wirklich ein so wichtiger Fund ist, weil das wirklich die ältesten Flötenfunde überhaupt sind weltweit."

Bereits 1990 entdeckte Susanne Münzel die Knochenflöte im Geißenklösterle. Zwei weitere Funde an der gleichen Stelle folgten etwas später: Eine ebenfalls aus einem Röhrenknochen gefertigte Flöte und ein Objekt aus Mammutelfenbein. Die internationale Forschergemeinschaft ist sich mittlerweile einig: Es sind die ersten bekannten Musikinstrumente der Menschheit. In den vergangenen Jahren machten Archäologen dann weitere Funde in benachbarten Regionen.

Susanne Münzel: "Die Flöten aus dem Achtal sind keine Einzelerscheinungen. Sondern wir haben im Nachbartal, im Lonetal, auch Hinweise auf Flöten. Die sind zwar nicht so vollständig wie im Achtal, aber die sind ganz eindeutig. Das heißt, das ist eine kulturelle Erscheinung des Aurignacien, des anatomisch frühen modernen Menschen, und ist weit verbreitet gewesen offensichtlich."

Schon unsere Urahnen musizierten, lange bevor sie sesshaft wurden. Und lange bevor sie die Schrift entwickelten und sich in Text und Bild erklärten. Wie sie spielten, welche Instrumente sie nutzten, zu welchen Anlässen sie musizierten, ob es in ihrer Gemeinschaft schon so etwas wie Komponisten, Musiker und Instrumentenbauer gab, das alles wissen die Musikarchäologen nicht. Aber: Sie können die Vergangenheit zum Klingen bringen. Susanne Münzel hat dazu eine befreundete Musikerin eingeladen, auf der nachgebauten Knochenflöte zu spielen.

Die Flötistin Friederike Potengowski führt das Instrument vor – von dessen Klang sie fasziniert ist:

"Also ich habe hier die Schwanenflöte, aus dem Geißenklösterle, die ist sehr klein, hat drei Löcher und so leichte Ritzverzierungen zwischen den Löchern."

Durch wochenlanges Üben hat Friederike Potengowski gelernt, dem Knochen Töne zu entlocken. Sie setzt das Instrument an die Lippen, konzentriert sich – und beginnt zu spielen.

Erstaunlich intensiver Klang

So könnte sich die Musik aus der Steinzeit angehört haben. Das älteste Instrument der Menschheit, die Knochenflöte, klingt erstaunlich intensiv - trotz ihres kleinen Volumens.

Friederike Potengowski: "Ich empfinde das auch so. Ich muss aber dazu sagen, wir wissen nicht wirklich, ob die so angespielt wurden, wie ich sie jetzt anspiele. Es ist möglich, dass die mit Rohrblättern gespielt wurden, mit Doppelrohrblätter wie bei Oboen, oder auch einfache Rohrblätter wie bei der Klarinette. Woher der sehr durchdringende Klang kommt, vielleicht weil Knochen ist ein sehr hartes Material, vielleicht ist es das?"

Wissenschaftler und Musiker können sich dem Klang der Steinzeit nur nähern – und sie tun es mit großer Leidenschaft. Allein die Frage, ob die Knochenflöten mit oder ohne Rohrblatt gespielt wurden, ist seit Jahren heiß umstritten. Und das ist bedeutsam: Denn ein aufgesetztes Rohrblatt verändert den Instrumentenklang enorm.

Adje Both: "Wir haben eine ganze Reihe von Knochenflötenfunden aus der Steinzeit. Allerdings ist bei den meisten Objekten das obere und das untere Ende fragmentiert, also nicht erhalten. Und das ist ein Problem. Weil wir eben nur ganz wenige Funde haben, wo das Endstück, das Mundstück, auch erhalten ist."

Unter anderem die erhaltene und schräge Anspielfläche einer Knochenflöte befeuert dabei die Diskussion: Das Instrument lässt sich zwar mit dem Mund anspielen, doch das ist schwierig. Mit einem Rohrblatt hingegen ist es wesentlich leichter. Allerdings: Rohrblätter aus der damaligen Zeit sind bislang nicht gefunden worden. Ob die frühen Musiker mit oder ohne Rohrblatt gespielt haben, ist daher wissenschaftlich bisher nicht eindeutig beantwortet. Genauso wenig wie die Frage, ob auch die Neandertaler musizierten - zeitgleich oder sogar noch vor den Menschen. Susanne Münzel.

Susanne Münzel: "Die ältesten Musikinstrumente, die ältesten Kunstobjekte und die ältesten Schmuckstücke, also personal Ornaments nennen wir das immer, die werden gefunden im Zusammenhang mit den archäologischen Schichten des ältesten modernen Menschen. Beim Neandertaler haben wir diese Nachweise nicht. Ich denke, dass die auch irgendeine Art von Musik gemacht haben, aber vielleicht auf Holz oder Rohr oder irgendwas, ist gut möglich, aber wir haben keine Funde."

Knochenbruchstücke als vage Hinweise

Einen vagen Einzelhinweis gibt es jedoch – einen sehr umstrittenen. Forscher entdeckten ihn 1991 in einer slowenischen Höhle nahe einer Neandertaler Feuerstelle. Es sind die Bruchstücke eines rund 12 Zentimeter langen Höhlenbärenknochens. Er weist unterschiedlich große Löcher auf.

Adje Both: "Der Fund ist ungefähr datiert 50.000 vor Christus, 45.000 vor Christus. Also einige tausend Jahre bevor der anatomisch moderne Mensch Europa besiedelt hat."

Doch die vier Löcher könnten auch durch Tierzähne entstanden sein – durch entsprechende Bisse auf den Knochen etwa. Zudem handelt es sich um einen Einzelfund. Andere vergleichbare Objekte, die eine Interpretation als Flöte stützen würden, gibt es nicht. Doch sollte es sich tatsächlich um eine Flöte handeln, dann wäre die Bedeutung groß, meint der Archäologe Adje Both vom Deutschen Archäologischen Institut:

"Also was hier auf jeden Fall gesagt werden muss, dass wenn das tatsächlich der Fall ist, dann haben wir eigentlich so etwas wie eine Entwicklung in der Musikgeschichte, in der Instrumentengeschichte, die quasi umgekehrt wäre. Dann wäre das älteste Objekt, was dann auch noch nicht mal menschlich ist, sondern von Neandertalern hergestellt wurde, das elaborierteste Objekt, was erst 30 oder 35.000 Jahre später wieder dann von anderen Instrumenten irgendwo eingeholt worden wäre. Weil alle Knochenflöten des Paläolithikums, der Steinzeit, die von Menschen hergestellt sind, haben nicht unterschiedlich große Grifflöcher."

Das Tonspektrum dieser Flöte aus dem heutigen Slowenien wäre damit ein ganz anderes als das der Knochenflöten aus dem Geißenklösterle. Um die Anfänge des Musizierens zu rekonstruieren, stehen den Archäologen bisher nur wenige Funde zur Verfügung. Das gilt umso mehr, je weiter sie in der Zeit zurückschreiten. Denn vermutlich haben unsere Vorfahren schon viel früher Musik gemacht. Mit dem naheliegendsten Instrument: der menschlichen Stimme. Tom Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig forscht seit Jahren zur Musikentstehung. Er vermutet, dass schon die Vorfahren der Menschen vor vielen Millionen Jahren gesungen haben.

Die rhythmischen Schreie von Schimpansen, die Pant Hoots, sind für ihn ein Anhaltspunkt für diese These. Sie lösen bei Artgenossen starke Gefühle aus – und waren offenbar schon bei den Vorfahren von Menschen und heutigen Affen verbreitet.

Tom Fritz: "Also ich denke, dass es sehr wahrscheinlich bei einem gemeinsamen Vorfahren etwas gab, was nun also schon so ein Ausdruck dieser akustischen Vokalisation, dieser Modalität war, was emotional ansteckend funktioniert hat auf die Gruppenmitglieder. Und was sich beim Menschen dann eben letztlich auch zur Musik entwickelt hat. Also sowohl bei diesen Pant Hoots der Schimpansen als auch bei der Musik des Menschen ist ja zum Beispiel eine strukturelle Gemeinsamkeit in dieser repetitiven Struktur."            

Die Vorfahren des Menschen musizierten

Das wiederkehrende, rhythmische Schreien – oder Singen - transportiert starke Emotionen und Signale: Es kann Freude oder Furcht ausdrücken, die eigene soziale Stellung in der Gruppe markieren und vor Gefahren warnen. Tom Fritz vermutet daher, dass das gemeinsame Singen die Gruppe gestärkt hat, dass die Vorfahren der Menschen schon früh gesungen haben und dass dies wesentlich war für die Entwicklung der Menschheit.

Tom Fritz:"Natürlich hat der Mensch auch noch mal andere akustische Ausdrucksformen, die ganz ähnlich funktionieren, zum Beispiel das Lachen. Es ist aber so, dass die Musik, anders als das Lachen, noch mal sehr viel mehr Menschen erreichen kann und noch mal auf sehr viel mehr Menschen emotional ansteckend wirken kann. Und ich vermute daher, dass die Entwicklung von Musik eben für die Entwicklung der menschlichen Zivilisation grundlegend wichtig war."

Fest steht: Die Fähigkeit zu singen und damit zu musizieren, hatten schon die Vorfahren der modernen Menschen. Einige Forscher gehen sogar davon aus, dass sich die erste menschliche Sprache aus Gesängen bildete. Etwa aus rhythmisch nachgeahmten Naturlauten, mit denen die Mitglieder innerhalb der Gemeinschaft kommunizierten. Später könnte diese Art Gesang in eine einfache Sprache gemündet sein. Doch die Theorien sind umstritten. Auch die Zeiträume, in denen sich Gesang und Sprache bildeten, sind unklar. Die Anfänge der Musik bleiben rätselhaft. Denn interessanterweise tauchen auch die nächsten steinzeitlichen Instrumente erst viele tausend Jahre nach den Knochenflöten auf: Es sind Schwirrplättchen. Handtellerlange und nach vorne spitz zulaufende Plättchen aus Geweih.

In seinem Büro in Berlin schwingt Adje Both solch ein nachgebautes Schwirrplättchen. An einer Kordel wirbelt er es durch die Luft. Sein natürlicher, windähnlicher Klang wirkt auf Dauer beruhigend. Auch der Musikarchäologe erlebt das so:

"Also wenn ich im Park stehe und das nicht seitlich schwirre sondern über meinen Kopf, ich quasi im Zentrum stehe, und dieses Plättchen um mich herum schwirrt, nach einer kurzen Zeit kommt man in eine Art meditativen Zustand rein, das ist ganz interessant."

Die beiden ersten Schwirrplättchen-Funde datieren aus einer sehr frühen Zeit.

Adje Both: "Also die frühesten Funde sind so um 19.000 vor Christus. Das sind auch Funde aus Höhlen. Das eine aus der Höhle la Roche, aus Frankreich, französische Pyrenäen, hat solche geometrischen Verzierungen. Dieses andere Instrument hat so ein Tierkopf und die sind kleiner und größer und sie produzieren alle solche ähnlichen Klänge. Auch hier wiederum wissen wir nicht, sind es tatsächlich Schwirrgeräte zur Musikproduktion, hat man damit irgendetwas anderes gemacht. Aber viele Forscher interpretieren tatsächlich diese Objekte als Schwirrplättchen."

Schwirrplättchen auch in jüngeren Kulturen bekannt

Funde, die zeigen könnten, wie weit die Schwirrplättchen damals verbreitet waren, sind rar. Die Archäologen wissen daher viel weniger über sie als über die Knochenflöten. Allerdings sind Schwirrplättchen auch aus jüngeren Kulturen bekannt. Hölzerne Schwirrplättchen wurden in Skandinavien noch vor wenigen Generationen benutzt - als Kinderspielzeug. Und es gibt weitere Beispiele. Adje Both

"Also wir haben viele ethnografische Belege zum Beispiel von Kulturen Papua-Neuguineas oder Australien, wo das sehr sakrale Objekte sind, mit denen die Stimmen der Ahnen produziert werden in verschiedenen Zeremonien. Die äußerst restriktiv auch behandelt werden, nur Männer dürfen diese Instrumente sehen, Frauen dürfen sie nicht sehen oder hören. Also es gibt Kulturen, wo diese Instrumente im rituellen Kontext stehen."

Dass die steinzeitlichen Schwirrplättchen tief in Höhlen gefunden wurden, könnte für einen rituellen Gebrauch während der Steinzeit sprechen. Parallelen von aktuellen Kulturen zu vergangenen zu ziehen, ist eine Methode der Musikarchäologie. Denn Wandmalereien oder schriftliche Hinweise, die zeigen könnten, wie und in welchem Kontext die Instrumente genutzt wurden, gibt es nicht. Und so sind nach wie vor viele Fragen offen. Denn obwohl Knochenflöten rund 35.000 Jahre und Schwirrplättchen etwa 19.000 Jahre vor Christus auftauchten, könnten sie an weiteren Orten zu einem anderen Zeitpunkt oder sogar in einer umgekehrten Reihenfolge entstanden sein.

Adje Both: "Natürlich können die auch alle schon parallel vorher existiert haben, aber wir haben eigentlich keine Funde. Und es sind immer einige tausend Jahre dazwischen. Und wir haben dann die ersten Perkussionsinstrumente, die erhalten sind, wo wir sagen können, spätestens ab diesem Zeitpunkt muss man getrommelt haben. Vielleicht hat man es schon tausende Jahre vorher. Aber erst da tatsächlich können wir es belegen."

Ein rund 20.000 Jahre altes Mammutknochenensemble ist dabei das früheste Beispiel. Gefunden wurden die bearbeiteten und verzierten Mammutknochen im Gebiet der heutigen Ukraine, an dem Fundort Mesyn. Jäger und Sammler, die damals Mammutherden hinterherzogen, hatten dort Winterhütten aus Knochen, Steinen und Erde errichtet. In einer dieser Hütten fanden Archäologen ein Schulterblatt und zwei Unterkiefer. Die Mammutknochen sind mit roten Zickzack- und Schlangenmustern verziert. Außerdem sind sie an mehreren Stellen stark abgenutzt. Forscher deuten das als Schlagspuren. Möglicherweise wurden die Knochen also als eine Art Trommelensemble benutzt. Ein weiterer Fund aus der Hütte stützt diese These.

Adje Both: "Und es ist dabei auch ein ungefähr 30 Zentimeter großer Schlägel gefunden worden, mit dem möglicherweise diese Knochen gespielt wurden. Und weitere Funde gibt es aus dem Mesolithikum, das ist dann 10.000 – 8.000 vor Christus, und das sind weitere Funde von Schlägen, die möglicherweise Trommelschlägel gewesen sind. Und die relativ ähnlich der Schamanentrommelschlägel aus Nordskandinavien sind."

Das indigene Volk der Samen in Nordskandinavien etwa betrieb noch bis ins 18. Jahrhundert hinein Schamanismus. Um Kontakt zur Geisterwelt aufzunehmen, nutzte ein Schamane der Gemeinschaft eine heilige Trommel, die er mit kleinen Knochen spielte. Auch jede Familie besaß eine eigene Trommel, um mit ihr die Zukunft vorherzusagen. Die aus Holz und Fell gefertigten Instrumente wurden dabei mit einem Knochenschlegel gespielt – ähnlich den steinzeitlichen Trommelschlägeln. Gut möglich also, das auch die Steinzeitmusiker Schlägel genutzt haben, um zu trommeln. Stichhaltigere Hinweise auf europäische Perkussionsinstrumente gibt es allerdings erst aus der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, erzählt Adje Both, der derzeit eine internationale Wanderausstellung zur Musikarchäologie konzipiert. In den Regalen seins Berliner Büros liegen dutzende nachgebaute Repliken von archäologischen Instrumenten. Darunter auch der Nachbau einer Keramiktrommel, die aus der Zeit um etwa 3.600 vor Christus stammt. Der Archäologe nimmt das Instrument in die Hände:

"Das ist eine Keramiktrommel, ungefähr 25 Zentimeter hoch. Und zwar auf der Grundlage eines neolithischen Fundes aus Zentraleuropa, Gebiet heutiges Sachsen-Anhalt. Mit Fell bespannt und diese Keramikobjekte sind als Trommeln interpretiert. Unter anderem deshalb, weil sie haben am oberen Rand solche kleinen Knöpfe, über die sich wunderbar das Fell anbringen lässt."

Trommeln wie große Sanduhren

Die Trommeln erinnern an große Sanduhren: Mit zwei trichterförmigen Enden, die keinen Boden haben und einem zur Mitte hin schlank zulaufendem Körper. Trommelfelle ließen sich nicht nachweisen – natürlich wären sie im Laufe der Jahrtausende längst verrottet. Gefunden wurden solche Objekte auch im heutigen Niedersachen und in Tschechien.

Adje Both: "Falls es tatsächlich Trommeln sind, dann haben wir hier eine Trommeltradition, die um 3.600 vor Christus einsetzt, in Zentraleuropa, verschiedene Kulturen, unter anderem die bekannte Trichterbecherkultur, die haben diese Instrumente hergestellt. Es gibt sowohl Grabfunde als auch Siedlungsfunde von diesen Objekten. Und es gibt hunderte davon. Also wenn es wirklich Trommeln sind, dann haben diese Kulturen hier tatsächlich eine sehr hochentwickelte Trommelkultur gehabt."

In der frühen Jungsteinzeit begannen die Menschen in Mitteleuropa zu töpfern. Sie verarbeiteten Ton, brannten ihn in Öfen. Diese Technik wirkte sich unmittelbar auf die Instrumente aus: Die Keramiktrommeln entstanden genauso wie Rasseln und Gefäßflöten aus gebranntem Ton. In der nachfolgenden Bronzezeit tauchten dann Blasinstrumente aus Metall auf: Hörner und Trompeten. Die Musik- und Instrumentenentwicklung war damit abhängig vom technischen Stand einer Gesellschaft, sagt Adje Both:

"Diese neuen Technologien in der Herstellung von Musikinstrumenten haben auch die Möglichkeiten bestimmt, Musikinstrumente weiterzuentwickeln. So gesehen können wir von einer Entwicklung sprechen und können auch eine gewisse Entwicklung der Instrumente nachzeichnen, die einhergeht mit kulturellen Entwicklungen, aber auch der Erfindung von bestimmten Technologien mit Materialien umzugehen. Metall zu schmelzen, Keramik zu brennen, und in der Jungsteinzeit oder in der Mittelsteinzeit zum Beispiel aus den verschiedensten Knochenobjekten Instrumente herzustellen. Und da sehen wir eine Entwicklung."

Musik war also ein Teil des alltäglichen Lebens, unmittelbar verbunden mit den Lebens- und Produktionsweisen der damaligen Menschen. Je näher die Archäologen der Gegenwart kommen, desto komplexere Instrumente lassen sich nachweisen: Panflöten und Trompeten tauchen auf, genauso wie Harfen, Leiern und der Aulos: Ein Blasinstrument aus zwei zylindrischen Melodierohren, die aus Knochen, Schilfrohr oder Holz, später auch aus Metall gefertigt wurden.

Auf den Spielrohren sitzen Rohrblätter

"Das war jetzt eine Spielpfeife (lacht). Jetzt kommt gleich die Zweite."

Musikwissenschaftlerin Olga Sutkowska von der Universität der Künste in Berlin hält die beiden langen Rohre des Aulos in den Händen. Auf den Spielrohren sitzen kleine Mundstücke, die sogenannte Rohrblätter:

"Eine Instrument, eine Spielpfeife ist ein bisschen höher als die andere. Aber die beiden spielt man gleichzeitig."

Der Aulos, auf dessen Nachbau Olga Sutkowska spielt, stammt aus der hellenistischen Zeit Ägyptens. Also aus der Epoche von 332 bis 30 vor Christus, in der das heutige Ägypten unter griechischer Herrschaft stand. Die ältesten Nachweise des Aulos datieren aus einer früheren Zeit.

Olga Sutkowska: "Also die ältesten Darstellungen von dem Instrument stammen von den Kykladen und das ist die Kultur, die ins dritte Jahrtausend vor Christus datiert ist. Aber der älteste archäologische Fund des Instruments kommt tatsächlich aus Mesopotamien, aus Ur, und die Datierung ist 2500 vor Christus."

Ab dieser Zeit haben es die Musikarchäologen leichter mit ihren Interpretationen. Denn nun tauchen zunehmend bildliche Darstellung auf: Wandmalereien und Vasenbilder zeigen nicht nur, welche Instrumente gespielt wurden – sondern auch, wer sie spielte und zu welchem Anlass sie erklangen. Über den Aulos wissen die Forscher daher viel mehr als etwa über die Knochenflöte, erläutert Jana Kubatzki, die an der Berliner Humboldt-Universität über bildliche Darstellungen in der Musikarchäologie promoviert hat:

"Ja, also der Aulos ist eines der berühmtesten und wichtigsten Instrumente aus der griechischen Antike, den man auf sämtlichen Abbildungen hat. Schon aus dem 3. Jahrtausend vor Christus bekannt, aber im griechischen Raum seit dem 8. Jahrhundert. Er wurde nicht nur im Kult verwendet, sondern in sämtlichen Bereichen der Musikausübung. Er wurde verwendet im Militär, deswegen kann man schon sagen, dass der Aulos das lauteste Instrument der griechischen Antike war und er war auch so etwas wie der Liebling unter allen."

Aus dem 6. Jahrhundert vor Christus stammen außerdem die ersten Noten. Rund 60 Notenfragmente der griechischen Antike sind bekannt, die meisten davon auf Papyrus geschrieben, einige in Stein gemeißelt. Sie ermöglichen es den Musikarchäologen erstmals, vergangene Musikstücke zu rekonstruieren – anders als das für steinzeitliche Musik möglich ist. Auf welchem Grundton die Notation basiert, ist jedoch genauso unbekannt wie das Tempo der Stücke.

Susanne Rühling vom Forschungsinstitut für Archäologie des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz:

"Wir haben ganz kurze Stücke, die bestehen aus ein bis zwei Takten. Wir haben auch ein paar komplett überlieferte Stücke. Davon ist ein Teil eben wieder aufführbar. Aber da haben wir eben oftmals das Problem, wer hat es damals aufgeführt, war der Solo oder war das im Ensemble arrangiert. Das wissen wir nicht. Das heißt, wenn wir so etwas aufführen, weiß man vielleicht, wie der Takt korrekt gespielt wurde. Aber wie man das arrangiert und interpretiert, das obliegt dem jeweiligen Künstler kann man sagen."

Susanne Rühling hat gelernt, auf der Hydraulis zu spielen: Einer etwa kühlschrankgroßen, römischen Wasserorgel, die erstmals für das dritte Jahrhundert vor Christus belegt ist. Wie auch der Aulos ist die Hydraulis auf antiken Bildern häufig abgebildet.

Susanne Rühling: "Viele dieser Abbildungen aus der damaligen Zeit zeigen die Orgel im Zusammenhang mit Gladiatorenkämpfen, also mit Spielen und zusammen mit Hornbläsern sehr oft. Und interessant ist, dass man auf diesen Abbildungen eigentlich meistens eine Frau an der Orgel sieht. Während alles andere Männer sind, die Gladiatoren, der Schiedsrichter und die Hornbläser, alles Männer."

Drei Hydraulis-Originalfunde existieren

Die Hydraulis, auf der Susanne Rühling spielt, ist ein Nachbau. Drei antike Originalfunde gibt es: Aus Griechenland, der Schweiz und dem heutigen Ungarn. Das Römisch Germanische Zentralmuseum in Mainz hat sein Instrument anhand des ungarischen Fundes rekonstruiert - zusammen mit der Potsdamer Orgelbaufirma Schuke. Allerdings sorgt hier ein elektrischer und kein Wasserantrieb für den Luftdruck.

Susanne Rühling: "Von der Hydraulis ist sehr viel erhalten geblieben, sogar einige Holzteile, sogar die Hölzer konnten identifiziert werden. Die verschiedenen Metalle wurden einer Analyse unterzogen, sodass man auch weiß, welche Legierungen für welches Bauteil verwendet wurden. Die Orgel ist gefertigt hauptsächlich aus Rot- und Gelbguss, das heißt Bronze und Messing. Und es gibt einen Pfeifenstock aus Blei und die Hölzer sind zum Beispiel Eiche."

Die Archäologin und Musikerin Susanne Rühling ist eine Virtuosin auf der Hydraulis. Dank der erhaltenen Notenfragmente ist ihr Spiel dem ursprünglichen wohl etwas näher als die Melodien, die man heute anderen archäologischen Instrumenten entlockt – den Steinzeitflöten etwa. Doch eine Musikerin hat ja immer Freiräume zu interpretieren:

"Ich maße mir gar nicht an, spielen zu können wie ein Römer oder Grieche, denn ich bin ganz anders geprägt, auch von Musiken, auch von Frequenzen. Daher bleibt es überhaupt nicht aus, dass man einen Teil seiner eigenen musikalischen Empfindung immer in jede Form der Rekonstruktion hineinpackt."

Das Spiel auf nachgebauten archäologischen Instrumenten kann sich der ursprünglichen Musik nur annähern. Es vermittelt und aber immerhin eine Idee der vergangenen Klänge und ihrer Funktion. Woran es keinen Zweifel gibt, ist, dass Instrumente und Musik stark von den Lebens- und Produktionsweisen der Menschen beeinflusst worden sind. Ihre Entwicklungslinien reichen teilweise bis in die Gegenwart: Denn Flöten, Trommeln und Orgeln spielen wir noch immer. Unsere heutige Instrumentenkultur reicht also bis in die Altsteinzeit zurück - auch wenn das Musikspiel und die Instrumente über die Jahrtausende komplexer geworden sind.

Mehr zum Thema:

Neandertaler - Früheres Ende als gedacht
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 21.8.2014)

Paläodiät - Rezepte für moderne Neandertaler
(Deutschlandradio Kultur, Mahlzeit, 14.6.2014)

Sachbuch - Neandertaler im Gen-Labor
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 26.3.2014)

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