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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.02.2010

Musikalischer Vorreiter der Handywelt

Vor 30 Jahren kam der erste Walkman auf den deutschen Markt

Frank Schätzlein im Gespräch mit Klaus Pokatzky

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Mobilität und Bewegung - Der Walkman ermöglichte neue Wahrnehmungsformen. (Stock.XCHNG)
Mobilität und Bewegung - Der Walkman ermöglichte neue Wahrnehmungsformen. (Stock.XCHNG)

Als vor 30 Jahren der erste Walkman auf den deutschen Markt kam, war die Skepsis groß und sogenannte Experten überschlugen sich mit Warnungen vor möglichen Schäden. Für den Medienforscher Frank Schätzing hat der Walkman hingegen geholfen, den Alltag hinsichtlich einer mobilen Mediennutzung zu verändern.

Klaus Pokatzky: Der Rest zwischenmenschlicher Kommunikation wird absterben – das hat der "Spiegel" damals geschrieben. Und der "Stern" hat ihn ein "Spielzeug für die Einsamkeit" genannt. Das kleine Musikabspielgerät namens Walkman, das vor 30 Jahren in die deutschen Elektroläden kam. Das Gerät, das angeblich Verdummung und Autismus gefördert hat.

Bevor wir mit dem Medienforscher Frank Schätzlein sprechen, gibt uns Ralph Goedde einen Überblick über die Geschichte des Walkman.

Das war Ralph Goedde zur Entwicklungsgeschichte des Walkman. Und nun begrüße ich im Studio in Hamburg den Medienforscher Frank Schätzlein von der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg: Guten Tag, Herr Schätzlein!

Frank Schätzlein: Guten Tag, Herr Pokatzky!

Pokatzky: Herr Schätzlein, Sie haben eine Arbeit geschrieben über den Walkman als Wahrnehmungsmaschine. Der Walkman wurde vor drei Jahrzehnten bei uns ja sehr bedrohlich wahrgenommen auch. In der Schweizer Zeitung "Der Bund" hat Daniel Di Falco vor Kurzem beschrieben, was er als Jugendlicher mit dem Gerät erlebt hat. Ich zitiere das vielleicht mal: "Es machte mich bei den Erwachsenen zum Monster. Ihre stummen Gesichter im Bus waren ein einziger Vorwurf. Das Abendland ging unter. Wegen des Walkmans." Soweit also Daniel Di Falco. Herr Schätzlein, das Abendland ist ja Gott sei Dank nicht untergegangen, sonst könnten wir uns jetzt auch hier nicht unterhalten. Warum gab es damals diese Abendland-Untergangsstimmung?

Schätzlein: Ich denke, dass es im Wesentlichen vier Punkte sind, die da eine Rolle gespielt haben. Das Erste ist eine allgemein kritische Haltung im deutschsprachigen Raum gegenüber Medien, insbesondere Medientechnologie, neuen medientechnischen Entwicklungen. Das begegnet uns an anderer Stelle schon bei der Einführung des Radios oder bei Einführung des Computers, insbesondere bei den Computerspielen immer wieder. Das Zweite ist, bezogen insbesondere auf die Musik und das Musikhören, eine normative Vorstellung von der Rezeptionssituation, die mit dem Musikhören verbunden sein sollte.

Pokatzky: Das heißt also, ich muss, wenn ich Beethovens Siebte mit den Berliner Philharmonikern hören möchte, dann habe ich, ja, idealerweise mich in die Berliner Philharmonie zu begeben, in Frack oder Smoking zu schmeißen, und ich darf nicht einfach durch den Wald laufen und über Kopfhörer und Walkman die Musik in einem schönen herbstlichen Wetter genießen?

Schätzlein: Ja, es muss nicht die Philharmonie sein, aber es sollte die konzentrierte Situation zumindest vor dem Abspielgerät zu Hause sein. Und die gesamte Sinfonie soll natürlich mit allen Sätzen vollständig gehört werden unter den Bedingungen so einer Konzentration und Kontemplation. Also das, denke ich, ist der zweite Punkt, der eine Rolle gespielt hat.

Das Dritte ist sicher ein ganz einfacher Generationsunterschied. Es gibt auf der einen Seite die Walkmannutzer, die in der Regel, als der Walkman eingeführt wurde zumindest, Kinder und Jugendliche waren, und auf der anderen Seite diejenigen, die über den Walkman schreiben, und das waren damals ja Publizisten, Kulturjournalisten, Pädagogen, Musikwissenschaftler, die sich dazu geäußert haben. Und da kommt ein Generationsunterschied auch zum Tragen.

Und der vierte Punkt ist, dass es damals schon Diskurse oder noch Diskurse gab über so etwas wie Tonträgersucht oder die Sucht nach Diskomusik, die Sucht nach Musikkonsum.

Pokatzky: Ich spreche mit dem Hamburger Medienforscher Frank Schätzlein zum Walkman und seinen Folgen. Im Februar 1980, also vor 30 Jahren, kam das kleine Gerät auf den deutschen Markt. Herr Schätzlein, ist der Walkman denn vielleicht auch eine Art Vorläufer des Handys oder sagen wir mal zumindest der Bereitschaft, sich in der Öffentlichkeit ja in einer ganz anderen Weise, in einer ganz anderen Kommunikationsform zu präsentieren, als das früher üblich war, wo wir telefoniert haben und das ja doch eher als einen intimen Vorgang begriffen haben?

Schätzlein: Ich sehe den Walkman an zwei Stellen in Verbindung mit dem Handy: Das eine ist die Verkleinerung der Technologie und des Umgangs mit immer kleineren technologischen Gadgets, wenn man so will, kleineren technologischen Geräten, die den Alltag und insbesondere die Kommunikation und Mediennutzung verändern. Auf der anderen Seite ist es auch ein Hinübergehen der Walkman-Funktion in das Handy.

Pokatzky: Können wir sagen, der Walkman hat unsere Kultur verändert?

Schätzlein: Sicher die Kultur des Musikhörens, insbesondere bei den Jugendlichen, aber er hat natürlich auch großen Einfluss gehabt auf die mobile Mediennutzung, die wir jetzt dann durch den Aspekt der Kommunikation, wo wir vorher beim Walkman nur die Rezeption hatten, noch mal in erweiterter Form haben. Insofern gibt es sicher einen Einfluss.

Pokatzky: Begann mit dem Walkman dann vielleicht wirklich so ein neues Medienzeitalter?

Schätzlein: Ja, bezogen auf die Mobilität denke ich schon, also auf die Verkleinerung auch der Technologie bezogen. Insgesamt ist es dann doch aber eigentlich auch wieder nur ein Gerät zur Wiedergabe von Medieninhalten von Musik.

Pokatzky: Um den Walkman herum haben sich dann ja im Laufe der Jahre und Jahrzehnte ja fast ganze Wissenschaftszweige herum entwickelt, und in dem Zusammenhang wurde etwas erforscht, das man den Walkmaneffekt nennt. Können Sie uns in drei Sätzen sagen, was ist Walkman-Effekt?

Schätzlein: Der Walkmaneffekt ist eigentlich etwas, womit man die Wahrnehmungsphänome, die bei der Walkmannutzung auftreten, beschreiben möchte. Und da sind zwei Punkte ganz wichtig: Mobilität und Bewegung. Also die mobile Nutzung, das ist völlig klar, dass das ein wesentliches Merkmal ist, aber eben auch die Bewegung, dass ich nicht nur an irgendeinem Ort stehe und Musik höre und nicht zu Hause vor dem Radio sitze oder vor der Hifi-Anlage, sondern mich bewegend mit der Musik durch den Alltag bewegen kann.

Pokatzky: Ist das gut oder schlecht, wenn ich das gleich fragen darf?

Schätzlein: Im Sinne dieser Metaphern, die dem Walkman von der Forschung zugeschrieben werden, ist das ein positiver Effekt, weil sich dadurch ganz neue Wahrnehmungen einstellen können, dadurch, dass sich visuelle und akustische Ebenen voneinander entfernen. Denn das, was ich im Konzertsaal sehe, ist das Orchester, was, wenn ich den Walkman mobil nutze und mich bewegend nutze, das kann ja etwas völlig anderes sein – ob das nun die Landschaft vor dem Zugfenster ist oder die Stadt um mich herum oder das, was ich sehe, wenn ich auf dem Fahrrad unterwegs bin oder mich in irgendwelchen anderen Räumen aufhalte, die von der Musik und der Musikwiedergabe völlig abgekoppelt sind.

Pokatzky: Wie hören Sie denn heute Musik oder wie hören Sie meinetwegen auch Radio?

Schätzlein: In ganz unterschiedlichen Situationen – zu Hause, aber genauso eben auch mit dem iPod oder mit dem mobilen Radio. Es hängt ganz davon ab, um welche Sendung es sich handelt, was ich auch mit der Sendung vorhabe. Ob ich das zur Untermalung gegen die Langeweile höre oder ob ich es höre, weil ich dem Informationen entnehmen will, etwas lernen will, etwas auch analysieren will, was zum Beispiel dramaturgisch in Hörspielen passiert. Dann ist die Situation, in der ich höre, und das Medium, mit dem ich höre, natürlich ein anderes, als wenn ich das brauche, um mich auf langen Zugfahrten abzulenken, zu unterhalten.

Aber die Situation, wenn ich eine Sendung oder ein Stück analysiere, die Situation, in der ich mich dann befinde, ist doch dann eher die am Tisch mit Schreibunterlagen, sodass ich mir Notizen machen kann zu dem, was ich da an zum Beispiel dramaturgischer Gestaltung vorfinde, und ist nicht die Situation, wo ich in der U-Bahn oder im Zug sitze und den Walkman in der Tasche habe oder den iPod.

Pokatzky: Danke an den Medienforscher Frank Schätzlein. Wir haben 30 Jahre Walkman gewürdigt. Danke nach Hamburg!

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