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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.08.2015

Musik-Literatur-Experiment "Glücklich hier"Eigenwillige Renaissance von Literaturklassikern

Von Andi Hörmann

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Die Schauspielerin Nadeshda Brennicke bei der Fashion Week in Berlin. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Die Schauspielerin Nadeshda Brennicke bei der Fashion Week in Berlin. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Auf dem Album "Glücklich hier, Six Takes" spricht die Schauspielerin Nadeshda Brennicke unter anderem Texte von den Gebrüdern Grimm, Arthur Rimbaud und Edgar Allan Poe. Der Hörspielautor Michael Farin und der Musiker Zeitblom machen daraus experimentelle Stücke aus elektronischer Musik und Literatur.

Ein Teppich aus flirrenden Soundscapes, darüber ein zischender Beat und unterkühlter Sprechgesang:

Audio: Glücklich Hier "Rabe"

"Einst in dunkler Mitternachtsstunde
Ich in entschwundener Kunde
Wunderliche Bücher forschte
Bis mein Geist die Kraft verlor."

Das berühmte Erzähl-Gedicht "Der Rabe" von Edgar Alan Poe erfährt hier mehr als 150 Jahre nach Veröffentlichung eine eigenwillige Interpretation als mystischer Popsong - mäandernd zwischen Märchen und Schauerliteratur.

Audio: Glücklich Hier "Rabe"

"Starr in dieses Dunkle spähend  
Stand ich lange nicht verstehend
Träume träumend
Die kein irdischer Träumer je gewagt zuvor."

Betörend und berauschend

Die Schauspielerin Nadeshda Brennicke leiht diesen düsteren Zeilen ihre überraschende Stimme, und der Hörspielautor Michael Farin hat gemeinsam mit dem Experimental-Musiker Georg Zeitblom daraus eine Vertonung gemacht - so dunkel wie die Nacht.

Audio: Glücklich Hier "Goldmarie"

Betörend und berauschend sind diese sechs Hörstücke, die mit Texten von Schriftsteller-Legenden wie Rimbaud, Nitzsche und Poe arbeiten - und auch Märchenfiguren der Gebrüder Grimm.

Audio: Glücklich Hier "Goldmarie"

"Ich bin seine Goldmarie
Ich bin seine Pechmarie
Mit ihm mache ich es nie
Ich bin seine Goldmarie."

Die "Goldmarie" steht in einem klaren sexuellen Kontext: "Mit ihm mache ich es nie." Wie auch der "Froschkönig".

Audio: Glücklich hier "Frosch"

"Der Frosch kam herein, saß bei mir am Tischlein, aß von meinem Tellerlein, wollte mit mir im seidenen Bettchen schlafen. Da aber war ich bitterböse und warf ihn gegen die Wand, warf ihn gegen die Wand. Und der Frosch fiel herab. Da fiel kein Frosch von der Wand, es war ein Königssohn, ein Königssohn mit dunkelbraunen Augen."

"Glücklich hier" ist kein Hörspiel, sondern sechs Musik gewordene Texte, die den Moment feiern. Das Glück ist nicht da, es liegt nicht dort, sondern passiert hier und jetzt. Das gelingt, weil eben auch gute Popmusik so funktioniert. Auch hier sind die Glücksmomente eine ständige Gratwanderung zwischen Melancholie und Euphorie, wie etwa in der Vertonung von Nietzsches "Die Sonne sinkt":

Apokalyptische Popmusik

Audio: Glücklich hier "Sonne"

"Seid mir gegrüßt
Ihr plötzlichen Winde."

Ein Auszug aus Rimbauds 100 Verse langem Gedicht "Das trunkene Schiff" wird mit hektisch taumelndem Schlagzeug-Beat und treibendem Basslauf unterlegt. Das hat was von Endzeit und Disco im Schwarzlicht und Stroboskop.

Audio: Glücklich hier "Schiff"

"Ich wassertrunkenes Schiff
Im Haar der Bucht verloren."

Im Zusammenspiel mit der apokalyptischen Popmusik erfahren diese Literatur-Klassiker eine eigenwillige Renaissance. Nur an manchen Stellen dominieren die Töne zu sehr den Text und verschlingen fast die Inhalte. Das passt aber wiederum zum Albumtitel "Glücklich hier", sprich alles, was zählt, ist der Moment.

Audio: Glücklich hier "Goldmarie"

"Ich bin seine Goldmarie. So weit, so gut."

Michael Farin / Zeitblom: Glücklich hier, Six Takes
Sprecherin: Nadeshda Brennicke, Musiker: Jochen Arbeit (Gitarre), Stefan Weyerer (12 String Gitarre) und Zeitblom (Bass, Elektronik, Komposition)
Belleville Verlag, München 2015
33 Minuten, 15 Euro

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