Seit 13:00 Uhr Nachrichten
 

Sonntag, 19.11.2017

Lesart | Beitrag vom 01.09.2017

Museum Ludwig: "Die humane Kamera" Der fotoscheue Heinrich Böll

Von Andi Hörmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Heinrich Böll, um 1959. © Museum Ludwig, Köln. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln (© Museum Ludwig, Köln. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)
Heinrich Böll, um 1959 (© Museum Ludwig, Köln. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)

Mit dem Erfolg des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll kamen Pressefotografen und Paparazzi. Zum 100. Geburtstag des Autors zeigt das Museum Ludwig offizielle Porträts und private Fotos. Er selbst sah eine Parallele zwischen Schreiben und Fotografie.

Tauben flattern, Reisende mit Rollkoffern hetzen zum Kölner Hauptbahnhof, spätsommerliche Schwüle. Der Heinrich-Böll-Platz vor dem Museum Ludwig. Im Foyer hallen die Schritte auf dem kühlen Steinboden.  Zweites Stockwerk, Aufzug, Pressekonferenz zur Ausstellung "Die humane Kamera - Heinrich Böll und die Fotografie". Der Literaturnobelpreisträger und die Kamera, ein pikantes Verhältnis: 

Miriam Halwani, Kuratorin für Fotografie am Museum Ludwig: "Ein sehr differenziertes, aufgefächertes ... Die Fotografie in vielen Formen war ihm dienlich oder er hat über sie nachgedacht. Ich würde sagen, wenn überhaupt, rückte Heinrich Böll der Fotografie auf die Pelle, indem er einen kritische Stimme war - und ein früher Warner vor Missbrauch der Fotografie zur Überwachung und zur Denunziation und zur Entwürdigung vielleicht auch." 

Sohn René Böll wirkte an Ausstellung mit

Miriam Halwani hat diese Ausstellung konzipiert - in Zusammenarbeit mit dem Sohn von Heinrich Böll, René Böll:

"Meine Name ist René Böll. Ich bin Maler und verwalte den Nachlass von Heinrich Böll." 

Heinrich Böll im Jahr 1953 (© VG Bild-Kunst, Bonn 2017)Heinrich Böll im Jahr 1953 (© VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Der Titel der Ausstellung "Die humane Kamera" wirft die Frage auf: Wie menschlich geht der Fotograf mit seinem Handwerkszeug um? Die Familie Böll ist diesbezüglich ein gebranntes Kind: Mit dem Erfolg kamen auch die provozierenden Paparazzi, die penetranten Passanten - und die pietätlosen Pressevertreter. 

René Böll: "Wir sind ja auch in der Presse sehr diffamiert worden - die ganze Familie, nicht nur mein Vater. Ich habe eben auch mich geweigert, der Bild-Zeitung ein Interview zu geben. Das mache ich bis heute nicht. Da gibt es Grenzen. Springer-Presse ist für uns tabu - bis heute."

Unnahbar bis unkenntlich

Nur gut 50 Exponate aus Bildern, Büchern und Texten sind in einem etwa 100 Quadratmeter kleinen Nebenraum im zweiten Stock zu sehen. Böll als Motiv, wie man ihn kennt: Tiefe Tränensäcke unter den Augen, eine filterlose Kippe in der Hand, die Kamera meist ignorierend.

Miriam Halwani: "Er ist kein Selbstinszenierer, da kennen wir andere, die sich durchaus gerne vor die Kamera stellen. Heinrich Böll war da eher kamerascheu und sah nicht so richtig den Sinn darin, dass sein Gesicht jetzt immer in Verbindung mit dem Schreiben gebracht wird. Aber das waren die Forderungen des Verlags und der Presse, und dem ist er dann zum Teil nachgegangen." 

Der Fotograf Heinz Held hat Böll zu Lebzeiten in zwei Fotobänden verewigt. Kontaktabzüge zeigen die Bildauswahl: unscharf, unbrauchbar - oder auch mal, vielleicht sogar am liebsten, unnahbar bis unkenntlich.

Miriam Halwani: "Das zeigt Heinrich Böll am Schreibtisch sitzend in Langenbroich vorm Fenster. Und das ist so gestaltet, dass Böll selbst zur schwarzen Silhouette wird. Man erkennt seinen Schreibtisch sehr gut, das Tintenfass, die Brille. Also das sind ja die Attribute dann eines Schriftstellers. Man kann ihn insofern auch identifizieren. Aber die Kamera und Heinz Held rücken ihm nicht auf die Pelle und er bleibt so im Schatten. Das ist so ein diskretes Bild und Heinz Held ist da so 'human' mit seiner Kamera, dass mir das besonders gut gefällt." 

Die Ethik des Fotografierens

1964 publiziert Heinrich Böll im Katalog zur "Weltausstellung der Fotografie" den Text "Die humane Kamera": Es sind Gedanken über die Ethik des Fotografierens, mit Reizwörtern wie: denunzieren, entlarven, ertappen. Böll stellt dabei die künstlerische Inszenierung über den aufdringlichen Schnappschuss: Die fotografische Wirklichkeit, die literarischen Wahrheit - das eine wie das andere erfordert für ihn eine humanistische, menschliche Herangehensweise in der Komposition.

Heinrich Böll am Schreibtisch, 1971 (© Museum Ludwig, Köln / Heinz Held)Heinrich Böll am Schreibtisch, 1971 (© Museum Ludwig, Köln / Heinz Held)

Miriam Halwani: "Es wirkt alles vielleicht dokumentarisch und wirklichkeitstreu - ist es aber beides nicht. Es ist gemachte Wirklichkeit: Sowohl das Schreiben als auch die Fotografie."

Zehn Jahre nach diesem fototheoretischen Text von Heinrich Böll erscheint 1974 sein berühmter Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Aus der Kino-Adaption von Volker Schlöndorff hängt ein großes Filmstill in der Ausstellung. Museumsdirektor Yilmaz Dziewior ist ganz angetan davon:

"Da finde ich schon sehr anrührend, wie der Blickkontakt mit dem Fotografen ist und wie auch die Aggression, die Fotografie für die Fotografierte bedeuten kann, wie die sichtbar wird, ohne überdramatisiert zu werden." 

Einfühlsame Zusammenarbeit

Schräg gegenüber der Kameraarbeit von Volker Schlöndorff sind dokumentarische Fotografien von René Böll ausgestellt. Beeindruckend, wie der Sohn von der einfühlsamen Zusammenarbeit mit seinem Vater erzählt:

"Wir waren zusammen in Bonn, mein Vater machte Recherchen für seinen letzten Roman 'Frauen vor Flußlandschaft'. Und da hat er mich gebeten, dafür Fotos zu machen. Er hatte vorher auf dem Stadtplan genau die Orte angekreuzt, die er gerne sehen und fotografiert haben wollte. Das waren hochherrschaftliche Villen. Er wollte sehen: Wie sind die Hinterausgänge, wie sind die Zugänge, die Einfahrten, wie liegen die zum Rhein, wie sind die Terrassen zum Rhein?" 

Autor: "Und da war es auch okay, dass er mal mit auf dem Bild ist?"

René Böll: "Das hat er nicht gewusst. Das habe ich von hinten gemacht. Ja, sicher. Heute bedauere ich, dass ich nicht Fotos von ihm auch von vorne gemacht habe." 

Autor: "Aber Sie haben sich zurückgehalten."

René Böll: "Ich wusste, das ist ihm unangenehm. Und dann habe ich das auch nicht gemacht." 

"Die humane Kamera - Heinrich Böll und die Fotografie" - die Ausstellung ist noch bis 7. Januar 2018 im Museum Ludwig in Köln zu sehen. Begleitend erscheint das erste Heft einer neuen Publikationsreihe zur Sammlung Fotografie "Die humane Kamera. Heinrich Böll und die Fotografie" mit 11 Abbildungen, Heinrich Bölls Text "Die humane und Kamera" und einem Beitrag von Dr. Miriam Halwani. Preis 8 Euro.

 

 

Lesart

Wundermittel oder Krebsgefahr?Der Kampf um Glyphosat & Co.
Ein Traktor fährt bei Göttingen (Niedersachsen) Ende März über ein Feld und bringt mittels einer gezogenen Anhängespritze zur Saatbettbereinigung Glykosphat aus (undatierte Aufnahme). Glyphosat kommt in der Regel als Nacherntebehandlung bzw. vor der Aussaat zum Einsatz. Das Pestizid dient zur Unkrautbekämpfung in der Landwirtschaft. (ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und der vollständigen Nennung der Quelle) - Foto: Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa (Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa)

Ist Glyphosat ein ungefährliches Wundermittel zur Bekämpfung von Unkraut? Oder schädigt es die DNA und zerstört die Vielfalt unserer Natur? Wir diskutieren mit dem Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden und dem Dokumentarfilmer Alexander Schiebel über die leidenschaftlich geführte Debatte. Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur