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Studio 9 | Beitrag vom 14.06.2016

Museen ziehen ins Berliner Humboldt-ForumDrei Jahre lang packen

Von Claudia van Laak

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Ansicht des Humboldt-Forums von der Nord-West-Seite (Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum / Architekt: Franco Stella mit FS HUF PG)
Architekturentwurf des Humboldt-Forums in Berlin: Mehrere Jahre dauert es noch, bis es eröffnet wird. (Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum / Architekt: Franco Stella mit FS HUF PG)

In drei Jahren soll das Humboldt-Forum im Nachbau des Berliner Stadtschlosses eröffnet werden. Das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst stecken deshalb bereits mitten im Umzug. Doch die Zeit wird knapp.

"Die Schrauben sind doch länger, als ich dachte."  

Berlin-Dahlem, Ethnologisches Museum: Peter Jakob hockt in einer Glasvitrine, in der Masken aus der Südsee ausgestellt sind. 

"Die Schraube ist im Eimer."

Auf Knien und den Kopf eingezogen, versucht er vergeblich, Schrauben aus einem Metallständer zu entfernen, um die daran befestigte Maske zu lösen. 

"Vorsicht", warnt Restauratorin Leonie Gärtner - weißer Kittel, grüne Schutzhandschuhe. "Möglichst nicht anfassen. Die Maske selber ist aus Holz, und hat dann noch ein Kopfteil aus menschlichem Haar. Und das ist sehr empfindlich, weil die Fasern natürlich gealtert sind, spröde geworden sind, bei jeder Berührung abbrechen können, wenn man das nicht richtig tut."  

Leonie Gärtner greift zu einem Handfeger, entfernt den Sand aus der Vitrine. 

Mit spitzen Fingern greifen sie und ihr Kollege Peter Jakob die etwa 1,5 Meter hohe Maske, bugsieren sie auf einen Rollwagen.  

Bloß keine zittrigen Hände bekommen

Was für interessierte Museumsbesucher ein besonderes Objekt mit einer exotischen Aura ist - von wem mag wohl das schwarze Menschenhaar stammen  -, das ist für die Restauratoren alltägliche Arbeit. Ehrfurcht? 

"Also, Ehrfurcht ist zu viel gesagt. Dann kann man nicht arbeiten. Also, es gibt da natürlich die Nofretete. Da kriegt man schon ein bisschen zittrige Hände, die man nicht haben darf. Aber so."

Depotverwalter Peter Jakob bugsiert das Rollbrett samt Maske in eine Ecke - zum Fotoshooting. Er greift zu einem Ordner, klappt ihn auf. "Objektlisten Abrissvitrinen" steht auf dem Deckblatt.  

"Und dann muss man natürlich alles dokumentieren, wo es ist. Weil - bei uns gilt die Regel nicht: Drei Mal umgezogen ist wie einmal abgebrannt. Darf natürlich nicht sein." 

"Stopp, nach rechts!" 

Im Museum für Asiatische Kunst, gleich nebenan, hat das große Einpacken auch schon begonnen - eine heikle Mission für Roland Enge und Katrin König. Die beiden Restauratoren - weiße Kittel, entschlossener Gesichtsausdruck - sägen ein Bild aus einer Gips-Wand heraus. 

Das Gemälde in blassen Gelb- und Rottönen zeigt zwei galante, chinesische Damen - feine helle Gesichter, die schwarzen Haare nach oben gesteckt, die Hände in den weiten Ärmeln der bodenlangen Kleider verborgen.  

"Stopp! Nach unten!" 

Rumsägen an 1000 Jahre alten Kunstwerken

Mehr als 1000 Jahre alt ist dieses Wandbild, das ursprünglich aus einer Höhle im heutigen China stammt und im Zuge der sogenannten Turfan-Expedition Anfang des 20. Jahrhunderts nach Berlin gelangt ist. Für den großen Wert, die Exklusivität, die Schönheit des Bildes haben die Restauratoren gerade gar keinen Blick - die beiden müssen aufpassen, dass sie das Kunstwerk beim Sägen nicht beschädigen. 

Toralf Grabsch - Typ "Großer Mann mit großer Stimme" - kommt vorbei, wirft einen prüfenden Blick auf die Arbeit seiner Kollegen. Sein offizieller  Titel lautet "Leiter der Umzugs- und Restaurierungsplanung Humboldt-Forum". Die linke Hand hält einen Stapel Bauzeichnungen, mit der rechten winkt er in den Nachbau einer chinesischen Höhle. Die Wandmalereien im Innern stammen aus dem sechsten Jahrhundert. 

24.000 Gemälde, Skulpturen, Masken müssen umziehen

"Sie ist die weltweite einzige buddhistische Kulthöhle, die Sie in einem Museum sehen können. Es gibt kein vergleichbares Objekt auf dieser Welt. Und wir müssen das abbauen und dann in das Schloss bringen, ich hab die Baupläne hier, das gucken wir uns noch einmal an. Jetzt haben wir die Aufgabe, das Objekt hier abzubauen. Und am Schluss müssen wir die große Kuppel aus der Fassade herausbringen. Das heißt, wir müssen die Fassade öffnen, um rauszukommen, weil, es gibt hier keine Tür, durch die das Objekt passt." 

Grabsch legt die Stirn in Falten. Große Objekte wie diese Höhle oder auch die bis zu 15 Meter langen Südsee-Boote machen ihm beim Umzug die größten Sorgen. Die Museums-Mitarbeiter müssen insgesamt 24.000 Gemälde, Skulpturen, Vasen, Masken aus den Depots und Vitrinen herausholen, fotografieren und zum Teil restaurieren. Dann die Objekte einpacken und auf die Reise von Berlin-Dahlem in das nachgebaute Stadtschloss ins Zentrum der Hauptstadt schicken.

Mehr als drei Jahre haben Toralf Grabsch und seine Kollegen jetzt noch Zeit. Das Humboldtforum soll im September 2019 öffnen. "Drei Jahre", sagt Umzugsplaner Grabsch überzeugt. "Das ist zu wenig."  

"Ich gehe eigentlich davon aus, dass wir '20 soweit sind. '19, das wäre ein Wunder aus meiner Sicht." 

2020 also, nicht 2019. Nach dem BER und der Sanierung der Staatsoper also das nächste Berliner Großprojekt, das nicht im Zeitplan liegt.

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