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Montag, 20.11.2017

Thema / Archiv | Beitrag vom 18.06.2010

Mouhanad Khorchide: Der Islam ist keine Gesetzesreligion

Professor für islamische Religionspädagogik lobt Lehrerausbildung

Mouhanad Khorchide im Gespräch mit Jürgen König

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Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Münster. (WWU - privat)
Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Münster. (WWU - privat)

Mouhanad Khorchide betont den spirituellen Charakter des Islam: "Die Religionen sind da, um die Menschlichkeit in uns hervorzuheben", sagt der Professor für islamische Religionspädagogik. Weil viele Muslime aber den Islam wie ein juristisches Schema auffassten, sähen sie sich "teilweise im Widerspruch zum Rechtsstaat".

Jürgen König: Ein zentraler Gedanke der Islamkonferenz war, die Empfehlung, den islamischen Religionsunterricht zukünftig nicht mehr ausschließlich den Moscheevereinen zu überlassen, sondern islamischen Religionsunterricht auch an den Schulen anzubieten, in deutscher Sprache, auf betont europäische, also säkulare und demokratieverträgliche Weise. Aber die Lehrer, die man dafür braucht, die gibt es in großer Zahl noch nicht. Islamische Religionspädagogik kann man in Deutschland erst an wenigen Hochschulen studieren. Und also ist erklärtes Ziel der Politik, die Ausbildung von islamischen Religionslehrern und Imamen zur Aufgabe des deutschen Bildungssystems zu machen.

In einem Studio des Westdeutschen Rundfunks in Münster begrüße ich Mouhanad Khorchide, er ist neuer Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien der Universität Münster. Herr Khorchide, guten Morgen!

Mouhanad Khorchide: Guten Morgen!

König: Sie wurden geboren als Sohn palästinensischer Flüchtlinge in Beirut, wuchsen in Saudi-Arabien auf, haben in Österreich Islamwissenschaft und Soziologie studiert, haben auch einen theologischen Abschluss an einem sunnitischen Institut in Beirut gemacht. Sie haben also verschiedene Lesarten des Islam selber miterlebt. Was für eine Vorstellung, was für eine Überzeugung vom Islam haben Sie dabei für sich selber gefunden?

Khorchide: Sehr zentral, dass der Islam keine Gesetzesreligion ist, also, das ist ein zentraler Punkt für mich, weil viele Muslime fassen den Islam so auf, als eine Gesetzesreligion. Es geht nur um Erlaubtes und Verbotenes, es geht nur um Gesetze, die man einfach befolgen soll, sich daran halten soll und es geht am Ende nur darum, ja nicht in die Hölle zu gehen, sondern ins Paradies. Ich glaube, der Islam ist viel mehr als nur Gesetze. Es geht erstens um Spiritualität, um eine Beziehung zu Gott aufzubauen, die auf Liebe, auf Warmherzigkeit basiert, und diese Liebe und Warmherzigkeit muss sich dann widerspiegeln im Handeln des Einzelnen seinen Mitmenschen gegenüber. Auf der anderen Seite geht es auch um Ethik, ethisches Verhalten. Das sind die zentralen Punkte für mich, im Islam genauso wie in jeder anderen Religion, diese spirituelle Dimension, diese ethische Dimension jenseits von Gesetzen.

König: Einen muslimischen Humanisten haben Sie sich mal genannt, da kommt ja nun noch eine Traditionslinie mit ins Spiel, die des europäischen Humanismus. Wie fügt sich der zu dem, was Sie eben sagten?

Khorchide: Mir ist sehr wichtig der Gedanke, dass Religionen für die Menschen da sind und nicht umgekehrt, und deshalb ist der Mensch im Zentrum der Überlegungen von Religion. Es geht darum, dass ... also, für mich auch als gläubiger Mensch geht es um den Glauben, dass Gott durch seine Barmherzigkeit Botschaften den Menschen geschickt hat, damit es ihnen besser geht. Also, es geht darum, dass der Mensch sich wohlfühlt, sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. Es geht gar nicht darum, Grenzen zu ziehen und zu sagen, wir und die anderen, die Muslime und die anderen, oder die Christen und die anderen.

Es geht gar nicht darum, dass ... also, um die Frage, wer besser ist, wer schlechter, sondern es geht um den Menschen. Und die Religionen sind da, um die Menschlichkeit in uns hervorzuheben. Je menschlicher ein Mensch ist, desto religiöser ist er, und dafür gibt es unterschiedliche Weltanschauungen und unterschiedliche Wege, die teilweise auch vielleicht nicht viel mit Religion zu tun haben können. Aber die sind alle berechtigt und die sind alle Wege zum Menschsein.

König: Bevor wir gleich auf die islamische Religionspädagogik kommen, noch ein Wort zu Ihrer Stelle: Sie sind jetzt Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien der Uni Münster. Man erinnert sich: Seit 2004 hatte Sven Kalisch dort islamische Religionslehrer ausgebildet, er verlor dann das Vertrauen der muslimischen Verbände, weil er öffentlich Zweifel geäußert hatte an der Existenz des Propheten Mohammad. Sven Kalisch ist immer noch Professor in Münster, aber eben nicht mehr in diesem Fach. Dieses Fach übernehmen Sie jetzt, Islamische Religionspädagogik. Wie sehen Sie Ihre neue Stelle? Hat dieser Anfang etwas, wie soll ich sagen, etwas Heikles, von Problematischem Belastetes?

Khorchide: Ich verstehe, dass da viel Unbehagen vielleicht seitens der muslimischen Community anfangs da war, weil man nicht gewusst hat: Was kommt jetzt auf uns zu? Aber zu meiner Überraschung, gerade was Studierende betrifft, und um sie geht es hauptsächlich: Die haben mich mit offenen Armen empfangen, die waren sehr froh auch, alle sind gekommen. Sie kommen alle regelmäßig zu den Lehrveranstaltungen, wir haben 35 Studierende der islamischen Religionspädagogik. Und ich habe mich sehr intensiv dafür eingesetzt, auch durch sehr viele Gespräche, auch mit den muslimischen Verbänden, dass da schnell Vertrauen wieder hergestellt wird und inzwischen ist Vertrauen wieder hergestellt worden und der Betrieb läuft wunderbar in Münster.

König: Der akademische Senat der Uni hat Sie schon am 28. April bestätigt, die muslimischen Verbände müssen noch zustimmen. Sie gehen aber davon aus, dass sie zustimmen werden?

Khorchide: Ja, die muslimischen Verbände haben klar gesagt in verschiedenen Gesprächen, auch in Gesprächen mit dem Rektorat, mit dem Ministerium, dass sie nichts gegen meine Person haben. Sie haben nur abgewartet, bis man diese Konstellation mit dem Beirat zu Ende bringt, und mittlerweile, glaube ich, ist es nunmehr die Frage von ein paar Tagen und die Sache ist schon gelaufen.

König: Ihnen geht der Ruf eines Vermittlers voraus. Vermitteln müssen Sie jetzt zwischen den staatlichen Institutionen auf der einen Seite und den muslimischen Verbänden, die ja ein Interesse daran haben, dass der Islamunterricht im Einklang mit ihrer Religion steht. Ich finde, Sie haben das Dilemma in einem Buch der Drucklegung Ihrer Dissertation sehr schön beschrieben, ich zitiere daraus: "Das Bild des Islams, das islamische Religionslehrerinnen und Religionslehrer den Schülerinnen und Schülern vermitteln, trägt entscheidend dazu bei, ob junge Muslime den Islam mit rechtsstaatlichen Prinzipien und mit ihrem Alltag in Einklang bringen können, oder ob sie sich vor die Wahl gestellt sehen, entweder Muslim oder Europäer zu sein." Wie wollen Sie in dieser Frage zwischen den genannten Polen vermitteln?

Khorchide: Wie anfangs gesagt, für mich ist sehr zentral, wenn jetzt die Religionslehrkräfte den Islam nicht als Gesetzesreligion vermitteln, sondern diese spirituelle Dimension, die der Islam selbst betont und sehr zentral ist im Islam, jedoch in der islamischen Ideengeschichte etwas untergetaucht ist und die gesetzten ... also, diese Vorstellungen von einer Gesetzesreligion steht immer wieder im Vordergrund.

Man hat das Gefühl, der Islam ist ein juristisches Schema, das möglichst alle Lebensbereiche erfassen soll und den Menschen genau vorschreiben soll, wann er wo was zu tun hat – was nicht der Fall ist. Also, wenn man den Koran liest, wird man zwei Drittel des Korans spirituelle Aspekte sehen und 90 Prozent des anderen Drittels geht es um Geschichten von anderen Propheten, geht es um Gottesdienst. Es geht gar nicht um Gesetze und juristische Aspekte.

Und wenn man den Islam so versteht, also, diese Offenheit, dass es um Spiritualität, um Ethik geht, dann, glaube ich, ist der Islam auch sehr willkommen und wird als große Bereicherung auch für die europäische Kultur angesehen. Wenn man allerdings jetzt jungen Menschen erzählt, es gibt gewisse Gesetze, Gesetze, die die Staatsordnung betreffen, islamische, die teilweise vielleicht im Widerspruch zum Rechtsstaat, und sie vor die Wahl stellt jetzt, wenn ihr Muslime sein wollt, dann müsst ihr an diese Gesetze, die im Islam sind, euch halten und die anderen ablehnen, dann stellt man die Menschen klar vor die Frage entweder oder. Und deshalb geht es darum, wie man den Islam versteht. Sehr zentral, wie gesagt, Islam in seinen spirituellen und ethischen Dimensionen zu verstehen, ...

König: Aber klar getrennt vom Staat?

Khorchide: Klar getrennt vom Staat, klar.

König: Sie haben in Wien Soziologie studiert, darin auch promoviert, haben in einer Studie die Einstellung der islamischen Religionslehrer in Österreich untersucht und die Studie wartet mit, wie ich finde, sehr erschreckenden Zahlen auf: Mehr als 20 Prozent der islamischen Religionslehrer sieht die Demokratie im Widerspruch zum Islam und lehnt sie daher ab. Fast 15 Prozent meinen, der Islam lasse sich nicht mit der österreichischen Verfassung vereinbaren und diese sei daher auch abzulehnen. Wie schätzen Sie die Situation, was das Thema betrifft, in Deutschland ein?

Khorchide: Wenn man die Situation in Österreich sich anschaut: Sie ist völlig anders als in Deutschland. Dort hat man 1982 den islamischen Religionsunterricht schnell eingeführt, bevor man sich überhaupt Gedanken darüber gemacht hat, wer soll eigentlich jetzt unterrichten, wie sollen diese Lehrer ausgebildet ... Die erste Institution für die Ausbildung von Religionslehrkräften in Österreich wurde erst 1998 errichtet. Sie können sich dann vorstellen, wie dazwischen, zwischen 1982 und bis die ersten Absolventen dieser Institution fertig waren, wie der unterrichtet hat. Also, öfter war es so, dass Muslimsein die einzige Qualifikation dieser Lehrkräfte war. Öfter waren es einfache Arbeiter, Taxifahrer, was immer, also Menschen, die die Kompetenzen nicht haben, weder die theologischen noch die pädagogischen.

Ich finde sehr gut, wie der deutsche Staat jetzt macht, dass man sich zuerst Gedanken darüber macht: Wie bilden wir die Religionslehrer aus? Es gibt momentan, wie Sie anfangs angesprochen haben, die Lehrerausbildung an drei Standorten Deutschlands. Das ist noch zu wenig natürlich, das gehört ausgebaut, daran arbeitet man jetzt auch, steht auch in den Empfehlungen des Wissenschaftsrats. Und da, finde ich, das sind sinnvolle Strukturen, die hier geschaffen werden seitens des deutschen Staates. Dazu kommt, dass der deutsche Staat viel enger mit den Muslimen, sprich jetzt Islamkonferenz zum Beispiel, redet, vielleicht auch streitet, das ist auch gesund so.

König: Das ist ja normal, ja.

Khorchide: Eben, eben, das ist gesund so, das gehört auch dazu.

König: Vielen Dank! Chancen und Probleme der Ausbildung islamischer Religionslehrer in Deutschland, ein Gespräch mit Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien der Universität Münster.

Khorchide: Vielen Dank!

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