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Lesart | Beitrag vom 12.08.2017

Mohamed El Bachiri, David Van Reybrouck: "Mein Dschihad der Liebe""Ohne dich ist es eine Irrfahrt"

Von Karin Bensch

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Mohamed El Bachiri, David Van Reybrouck: "Mein Dschihad der Liebe" (Fischer Taschenbücher / imago / Reporters)
Mohamed El Bachiri, David Van Reybrouck: "Mein Dschihad der Liebe" (Fischer Taschenbücher / imago / Reporters)

Bei den Terroranschlägen in Brüssel 2016 verlor Mohamed El Bachiri seine Frau. Nun hat er ein Buch darüber veröffentlicht, mit kurzen poetischen Texten. Ausbuchstabierte Gefühlsabdrücke eines Menschen, der die Liebe seines Lebens verloren hat.

Ich hatte frei.
Sie nahm die Metro.
Eine ihrer Freundinnen kam zu mir.
Sie sagte, es habe einen Anschlag gegeben.
Ich hatte sofort eine schlimme Vorahnung.
Ich sah, dass sie nach 9:10 Uhr nicht mehr online gewesen war.
Da wusste ich genug.
Ich ging zu meinen Eltern.
In eine Decke gehüllt, brach ich zusammen.
Ansonsten habe ich eine Art Gedächtnisverlust.
Ich befinde mich in einer anderen Dimension.
Nur so kann ich leben.

So beschreibt Mohamed El Bachiri den 22. März 2016. Den Tag der Terroranschläge in Brüssel. Den Tag, an dem seine Frau in der U-Bahn getötet wurde. Sie saß in dem Waggon, in dem ein Selbstmordattentäter eine Bombe zündete.

Mehr als ein Jahr später hat Mohamed El Bachiri ein Buch darüber veröffentlicht. Mit kurzen Texten in poetischer Form. Gedichte, die wirken wie aufgeschriebene Selbstgespräche. Ausbuchstabierte Gefühlsabdrücke eines Menschen, der die Liebe seines Lebens verloren hat.

Ein neues Leben finden

In einem Brüsseler Café erzählt Mohamed, dass er sein Leben vor dem Anschlag gekappt hat. Es besteht nicht mehr. Er geht nicht mehr zur Arbeit, er hat nie wieder eine U-Bahn betreten. Und dennoch weiß der 36-Jährige, dass er weitermachen muss. Ein neues Leben finden muss. Für sich selbst. Und für seine drei Kinder. Eltern und Freunde helfen ihm, sagt er. Aber verantwortlich ist er nun allein für die Kleinen. Mein dreijähriger Sohn versteht es nicht, sagt Mohamed. Mama ist nicht mehr da. Der Kleine fragt immer noch sehr oft nach seiner Mutter.

Der Achtjährige dagegen steckt voller Wut, erzählt der junge Vater. Und mein ältester Sohn, er ist zehn, sei sehr in sich gekehrt. Ich rede viel mit ihnen über ihre Mutter, weil ich glaube, dass das wichtig ist, sagt Mohamed.

Schreiben gegen den Schmerz

Reden ist wichtig, und schreiben befreit. Ich habe geschrieben und geschrieben, erinnert sich Mohamed El Bachiri. Vor allem nachts habe er viele Worte festgehalten. Sie seien Ausdruck von Schmerz und Traurigkeit. 

Es ist mitten in der Nacht.
Ich gehe die Treppe hinab.
Alles dreht sich.
Wo bin ich?
Der Kleine ist aufgewacht.
Er weint.
Er hat Hunger.
Wir haben drei Söhne.
Unsere Kinder.
"Meine Kinder", muss ich jetzt sagen.
Der Name meiner Frau steht noch immer neben der Klingel.
Natürlich. Das hier ist ihr Zuhause.
Auch wenn sie nicht mehr hier lebt.
Auch wenn sie nicht mehr lebt.

Loubna war jung, als sie starb. Gerade einmal 34 Jahre. Und sie war schön. Im Internet sind noch immer Fotos zu finden. Selfies von Loubna und Mohamed. Sie lachen, wirken sehr glücklich.

"Ozean der Trauer"

Ihr Leichnam wurde von Belgien zurück nach Marokko gebracht, in das Dorf, aus dem ihre Familie stammt. Dort wurde Loubna begraben. Neben ihrem Vater. Mohamed bleibt nur die Erinnerung an seine frühere Frau.

Ich bin der einzige übriggebliebene Kapitän
auf einem Schiff mit drei Matrosen,
auf einem Ozean der Trauer.
Der Wind bläst heftig, spricht deinen lieblichen Namen,
führt uns ins Unbekannte.
Ohne dich ist es eine Irrfahrt, das Leben hat jeden Reiz verloren.
Was haben wir getan, womit haben wir das verdient?
Kinder, wonach ruft ihr?
Vergeltung?

"Lieber Vater, wenn wir Vergeltung wollen, tun wir es denen gleich, die Mama ermordet haben. Lasst uns beten für Mama und die Menschheit. So können wir sie am besten ehren."

Unrecht beantwortet man nicht mit Unrecht

Mohamed El Bachiri ist Moslem. Wie lebt er damit, dass Khalid El Bakraoui, der Terrorist, der sich in dem U-Bahn-Waggon an der Station Maelbeek in die Luft sprengte, ein Muslim war? Ein Belgier mit marokkanischen Wurzeln genau wie er selbst? In seinem Buch schreibt Mohamed darüber lediglich einen Satz darüber: Der Typ interessiert mich nicht.

Im Gespräch allerdings gesteht Mohamed ein, dass es für ihn die Tat noch schwerer macht, dass der Terrorist ein Belgier mit marokkanischer Herkunft ist. Aber ein Krimineller ist eben ein Krimineller, egal welcher Herkunft, sagt er. Und Terrorismus müsse man bekämpfen. Allerdings nicht mit Gegenterror, sondern mit Offenheit und Toleranz.

Was empfindet er gegenüber diesem Terroristen? Hass? Nein, sagt Mohamed. Ich empfinde eher Wut, vor allem aber Traurigkeit und Melancholie über die Terroranschläge und all das Schlechte, das in der Welt geschieht.

Hass hilft nicht. Und Unrecht beantwortet man nicht mit neuem Unrecht. Mohamed El Bachiri will keine Rache, er findet, Liebe müsse die Antwort sein. Täter und Opfer seien doch alle Menschen. Es geht ihm um die Kinder. Um seine eigenen und die vielen anderen jungen Menschen, die sich abgehängt fühlen, für die Gewalt eine Antwort ist.

In Frieden mit anderen zusammenleben

Wie schafft es Mohamed El Bachiri, so friedfertig zu sein? So milde über die Täter zu urteilen, die ihm das Wichtigste auf der Welt genommen haben? Es sind die Werte, die ich lebe, das Mitgefühl, das ich für andere Menschen empfinde. Und die Liebe für das Leben selbst, erzählt Mohamed.

Deshalb nennt Mohamed El Bachiri sein Buch "Mein Dschihad der Liebe". Ein provozierender Titel. Denn Dschihad wird von vielen als "heiliger Krieg" verstanden. Aber Dschihad bedeutet auch Bemühung und Anstrengung. Eine Anstrengung, die jeder Muslim auf sich nehmen muss, um seine Leidenschaften zu bezwingen.

Ich lehne die Idee ab, dass Dschihad immer etwas mit Gewalt zu tun hat, erklärt Mohamed. Meine Anstrengung, ja mein Versuch ist es, in Frieden mit anderen zusammen zu leben, erzählt er.

Seit dem 22. März 2016 ist Mohamed El Bachiri ein Dschihadist. Allerdings ein Dschihadist der Liebe. Denn Hass hilft nicht.

Mohamed El Bachiri und David Van Reybrouck: "Mein Dschihad der Liebe"
Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert
Fischer Taschenbücher
96 Seiten, 8 Euro

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