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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.10.2015

Mitmach-TheaterSchnitzeljagd mit Publikum

Von Matthias Dell

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Theater Hebbel am Ufer (HAU) Berlin (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
Theater Hebbel am Ufer (HAU) Berlin (dpa/picture alliance/Paul Zinken)

Katzen zählen, um die Handlung voranzubringen: Im Stück "Toxik" des Medientheater-Kollektivs MachinaEx sind die Zuschauer gefordert, aktiv am Geschehen teilzunehmen. So wird das Theater zu einer großen Spielhalle, das Stück wirkt wie die analoge Fassung eines Computerspiels.

Im Theater von MachinaEx wird man als Spieler begrüßt und am Ende als solcher verabschiedet: "Vielen Dank, dass ihr das neue Stück gespielt gehabt." In "Toxik", der neuesten Produktion, die zur Spielzeiteröffnung am Berliner HAU Premiere hatte, bewegt man sich durch ein Filmset von verschiedenen, liebevoll hergerichteten Orten: einem Krankenbett, einem Teehaus, einem Bad, einer exotisch-piefigen Bar, einer abgebrannte Gartenlaube und einem Kommissariat.

Die Lichtregie zeigt an, wo die Handlung gerade spielt und vier Performer spielen die Geschichte vor: Es gibt eine fiese Person eines nicht näher beschriebenen Amtes, eine kollaborierende Frau, einen krustig-aufgebrauchten Kommissar und die vergiftete Frau M., die aus dem Krankenbett steigt, um Kriminalfälle aufzuklären.

Da geht es munter durcheinander, Spielhallenräuber, Teehausmörder, von einer Neuen Zelle ist die Rede, die an eine politische Terrorgruppe denken lässt.

Detektivspielen auf der Theaterbühne

Das Spiel der Performer (Jan Jaroszek, Katharina Schenk, David Simon, Lea Willkowsky), der gesprochene Dramentext, wenn man so will, ist dabei immer eine Mischung aus Informationsvermittlung und Handlungsaufforderung. So muss das Publikum etwa die Katzen in der Gartenlaube zählen, um die Sicherheitsfrage für einen toten Mobilfunkanschluss zu beantworten, oder drei Kassetten nach einem gewissen System abspielen, um die darauf verteilte Nachricht verstehen zu können.  Auch "Toxik" appelliert an die Freude beim kindlichen Detektivspiel, auf die Begeisterung für Schnitzeljagd und Indizienaufmerksamkeit.

Was durchaus funktioniert: Ein guter Teil unserer kleinen Publikumsspielergruppe stürzt sich umgehend und alarmiert ins Rätsellösen. Der spannendste Moment ist in "Toxik" dabei die Bombenentschärfung via Mastermind [http://bit.ly/1hrWomZ], weil da ein Countdown Zeit limitiert, die Regeln klar waren (Bringt die vier farblich richtigen Stecker in die richtige Reihenfolge!) und die aufleuchtenden Lämpchen Hilfe auf eine vermittelte Weise leisteten.

Bei den anderen Prüfungen ergab sich diese Intensität nur selten, schien die Entscheidung, ob man diesem oder jenem Beweis folgt, nicht sonderlich folgenschwer. Lustigerweise ist das Beteiligen am Rätsellösen aber das beste Mittel für Spieler, die den Aufbau als zu überschaubar wahrnehmen: Je schneller man löst, desto rascher ist das Stück vorbei.

Gelöst wurde in unserer Gruppe nicht so richtig, am Ende konnte sich jedenfalls kaum jemand einen Reim auf die Geschichte der zwei Morde machen. Mag sein, dass die Gruppe an einer Stelle falsch abgebogen ist – dass das Bild am Ende nicht größer wird, die Figuren wie "Frau M.", der "Spielhallenräuber A." oder der "Teehausbesitzer Y." einem nicht näher kommen, ist aber eine Schwäche des Abends.

Ungereimtheiten lösen sich nicht auf

Dazu gehört, dass der Fall als solcher keine Relevanz über das Spiel hinaus entwickelt. Das Geraune von der politischen Gruppierung oder dem Mord an "Auswärtigen" assoziierte nur auf dem Programmzettel Verbindungen zu der rechtsterroristischen Zelle vom NSU.

Dabei ist die Grundidee der Analogisierung des Computerspiels, für die diesmal eigens mit dem Spiele-Designer Martin Ganteföhr zusammengearbeitet wurde, interessant. Wenn man Theater digital denkt, landet man vermutlich in solchen begehbaren, interaktiven Live-Umgebungen.

Die Umsetzung bei MachinaEx scheint allerdings, von der Begeisterung für detailreiche Sets und derangierte Kostüme abgesehen, etwas unterkomplex. Im Computerspiel stirbt man, wenn man durch Trial and Error einen Error begeht. Das geht im Theater nicht, weshalb das Rätsellösen aber nicht konsequenzlos sein muss beziehungsweise das Publikum bestraft oder gar frustriert wird (weil es die Geschichte nicht verstanden hat).

Die Anweisungen, die die Performer geben, die Spiel-Momente auf ihren Dialogzeilen einfrieren ("Wo suche ich weiter... Wo suche ich weiter?"), mag performativ etwas haben (Menschen im Loop), dramaturgisch ist das etwas einfältig – eine nicht besonders raffinierte Version von "heiß" und "kalt" beim Topfschlagen. Bei der Schnitzeljagd auf dem Kindergeburtstag gibt es am Ende Süßigkeiten, bei "Toxik" blieb nur eine vage, ungereimte Geschichte.

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