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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 31.01.2017

Mitarbeitertraining bei GoogleDie verordnete Entschleunigung

Von Nina Hellenkemper

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Ein junger Geschäftsmann sitzt in Meditationshaltung auf seinem Arbeitstisch hinter seinem Laptop (imago stock&people)
Entspannter Mitarbeiter: Große Unternehmen wie Google oder Twitter setzen auf Meditation. (imago stock&people)

Gestresste, überarbeitete Mitarbeiter sind nicht produktiv. Googles Antwort darauf ist nicht etwa eine reduzierte Arbeitszeit, sondern kollektives Achtsamkeitstraining: Schweigen beim Mittagessen, Meditation am Morgen.

Chade Meng Tan:
"Drei Jahre war ich schon bei Google, als mir auf einem Spaziergang klar wurde, was ich für den Rest meines Lebens tun wollte: Die Konditionen für den Weltfrieden schaffen. Aber wie? Viele Monate habe ich darüber nachgedacht.  Bis ich die Lösung fand: ich musste inneren Frieden, Mitgefühl und Freude zusammenbringen mit Profit und Erfolg."

Chade Meng Tan arbeitet am Weltfrieden. Der Ingenieur aus Singapur mit einem IQ von 157 war an der Entwicklung der ersten Suchmaschine bei Google beteiligt,  inzwischen hat er sich auf die Programmierung des menschlichen Geistes verlegt.
 
"Und wie macht man das?  Indem man die Menschen emotionale Intelligenz lehrt. Der Begriff ‚Achtsamkeit‘ klang am Anfang für die meisten noch fremd, aber jeder hatte schon von ‚emotionaler Intelligenz‘ gehört, und wusste, dass man sie braucht, um Karriere und für die Firma Profite zu machen: und  mit dem Lehren von emotionaler Intelligenz würden sich gleichzeitig auch Frieden, Freude und Mitgefühl verbreiten."

"Suche in dir selbst" - lautet das Motto bei Google

"Search Inside Yourself" heisst das siebenwöchige Training, das Chade Meng Tan zusammen mit Experten entwickelte und das  inzwischen zwischen zwölf- bis zwanzigtausend Menschen bei Google und anderen Softwarefirmen durchlaufen haben. Die Buchausgabe des Kurses stürmte die Bestsellerlisten der New York Times und wurde in 22 Sprachen übersetzt. Der Dalai Lama hat das  Buch gelesen und für gut befunden.

Die Meditation ist reif für die Konzernwelt.

 Kathrin O'Sullivan ist  Head of Cross-functional Leadership Development bei Google.

"Um in der Tech-Industrie erfolgreich zu sein - Innovation ist Nummer Eins -  muss man was neues erschaffen, was kein anderer erschaffen hat. Wir sind drauf getrimmt, gut zu sein, unsere  Kollegen zu überholen, wir wollen die Besten sein, Erwartungen erfüllen können und übererfüllen können. Und das hindert uns daran, gut zusammenzuarbeiten.

Wir sind vernetzt, dauernd blinkt etwas, piept etwas, kommt eine Email rein. Dann guckt man sich an, wie die Statistiken sind: Antidepressiva, Alkohol, Einkaufssucht, Spielsucht, Computersucht - so manifestiert sich das dann und man sieht ja, wohin es führt…" 

Wer meditiert, ist produktiver - kalkulieren die Unternehmen

Wer regelmäßig meditiert, ist glücklicher und produktiver und weniger krank. Auch Twitter, Linkedin  oder Beiersdorf haben meditative Praktiken während der Arbeitszeit zum Programm in ihren  Unternehmen gemacht. Die Investition rechnet sich.

"Wir haben in jedem Gebäude einen Meditationsraum. Wir haben dann auch  jeden Tag eine Anleitung, also, wo ein anderer Googler kommt und seinen Kollegen eine Meditationsanleitung gibt. Wir machen es auch über Videokonferenz, wir haben Videoclips, die die Leute sich abspielen können, mit Atemübungen. Bei uns gibt es die ‚mindful lunches‘, das machen auch alles die Mitarbeiter, die reservieren in der Cafeteria einen Tisch, das sind dann 45 Minuten Essen ohne zu sprechen und sich wirklich auf jeden Bissen bewusst zu konzentrieren und das Essen zu schmecken. Das ist eine Bewegung, die von der Basis kommt. Das ist nichts, was Google von der Führungsetage rausposaunt."

Wird Achtsamkeit so nicht von genau den Firmen vereinnahmt, die stark am Entstehen des Problems  beteiligt  sind, daran, dass ein starkes Bedürfnis nach Stille, nach einer digitalen Entgiftung entstanden ist? Auf die Überforderung durch immer mehr Arbeit und Technik reagiert man nicht etwa mit der naheliegenden Reduzierung des Arbeitsumfangs. 

Sind Gestresste selber Schuld?

Wer Probleme mit  dem stetig wachsenden Arbeitspensum hat, ist  am Ende vielleicht selbst schuld, weil er noch nicht die richtigen Techniken zu deren Bewältigung gelernt hat. Reicht es,  das Arbeitsklima zu verbessern?

Chade Meng Tan
"Was sich sichtbar verändert hat, ist die Miteinanderkultur bei Google.
Einer der obersten Bosse hatte die Idee, jedes Teammeeting mit einer zweiminütigen Meditation zu starten. Das veränderte alles. Am Anfang lachte man, er bat sein Team das Experiment zu wagen und nach einem Monat fragte er nach. Und derjenige, der am lautesten gelacht hatte, sagte, ja natürlich machen wir weiter, diese zwei Minuten am Anfang verändern die Qualität des ganzen Meetings."

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