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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.07.2007

Mit Mitte fünfzig ist nicht alles vorbei

Monika Maron: "Ach Glück", Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, 218 Seiten

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Johanna Märtin macht sich in die Ferne auf: Panorama von Mexiko City (AP)
Johanna Märtin macht sich in die Ferne auf: Panorama von Mexiko City (AP)

Lange Zeit ereignet sich wenig im Leben der vierundfünfzigjährigen Johanna Märtin, bis plötzlich Igor und zwei Tage später ein Hund auftauchen und es gründlich auf den Kopf stellen. Wäre nicht die Schieflage, in die es gerät, man könnte von Glück sprechen. Seit fast dreißig Jahren ist Johanna mit Achim verheiratet, aber in den letzten Jahren gibt es in ihrer Ehe jene vertraute Gefälligkeit, die sie ängstigt.

Doch Dank der Aufmerksamkeit, die sie von dem jungen Russen erfährt und der Treue, mit der sie der Hund Bredow verwöhnt, blüht Johanna förmlich auf. Diese Zuwendungen stehen im deutlichen Gegensatz zu Achims Abwendung. Wenn sich der Kleist-Spezialist an den heimischen Schreibtisch zurückzieht, geschieht dies, indem er seiner Frau den Rücken zukehrt. Diese Haltung erweist sich in Monika Marons neuem Roman "Ach Glück" als bedeutend.

Johanna ist nicht entgangen, dass sich Männer in Achims Alter für jüngere Frauen interessieren. Für diese sexuellen Phantasien, die sich nur noch an der Generation ihrer Töchter entzünden, empfindet sie nicht mehr als Verachtung. Daran ist Achim nicht ganz unschuldig, der ihr eine diesbezügliche Enttäuschung nicht erspart hat.

Zwar ist die Episode mit Maren vorbei, aber die Kränkung ist nicht verwunden. Johanna würde nicht so weit gehen, ihr Leben als unglücklich zu bezeichnen, aber auch zögern, von Glück zu sprechen. Angesichts dieses unentschiedenen Schwellenzustandes ist das vernichtende Urteil, ihre Ehe ist auf den Hund gekommen, durchaus wörtlich zu nehmen. Den Hund setzt Monika Maron ganz bewusst ein. Seine Aufmerksamkeit Johanna gegenüber ist unabhängig von ihrem Aussehen.

Das "Ach" im Romantitel ist alles andere als ein kitschiger Seufzer. Würde man es von Johanna hören, es hätte vielleicht eine Idee zu viel Länge und ein wenig zu viel Melancholie. Denn, um es mit Brecht zu sagen: "Etwas fehlt!". Die Leerstellen in den Lebensentwürfen von Johanna und Achim haben sich zu großen Löchern ausgeweitet, die nur von einzelnen bedeutenden Resten zusammengehalten werden. Eines Tages sitzen beide am Frühstückstisch und die Frage steht im Raum, ob sie sich damals, als das Zauberwort "Später" hieß, das Leben so vorgestellt haben, wie es jetzt ist.

Dass es mit Mitte fünfzig nicht vorbei sein muss, dies teilt sich Johanna in den Briefen mit, die sie mit Natalia Timofejewa wechselt, einer russischen Prinzessin, die fünfzig Jahre in der eigenen Haut als eine andere lebte und erst spät zu sich selber findet.

Dieses Buch, die Prognose sei gewagt, wird binnen kurzer Zeit in aller Munde sein. Monika Maron hat einen Roman geschrieben, der von Midlifecrisis und Eheproblemen erzählt, von abgebrochenen Karrieren und verlorengegangenen Träumen.

Aber eigentlich ist er eine Anleitung zum Ungehorsam. Johanna hat sehr früh ein Gespräch aufgegeben, weil andere es für verrückt hielten. Eine Verwandte im Geiste lernt sie in den Briefen kennen, deren Geheimnis hier nur insoweit verraten werden soll, dass sie von solch faszinierender Anziehung ist, dass sich Johanna auf den Weg nach Mexiko macht, um diese Wahlverwandte zu suchen.


Rezensiert von Michael Opitz

Monika Maron: Ach Glück
Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, 218 Seiten, 18,90 Euro

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