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Die Reportage | Beitrag vom 12.03.2017

Mit der Bundeswehr im NordirakDer Soldat Steffen Schwarz

Von Tino Dallmann

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Ausbilder, Dolmetscherin und Peschmerga bei der Abschlussprüfung (Deutschlandradio / T. Dallmann)
Ausbilder, Dolmetscherin und Peschmerga bei der Abschlussprüfung (Deutschlandradio / T. Dallmann)

Von Niedersachsen in den Nordirak. Major Steffen Schwarz bildet kurdische Peschmerga-Offiziere in der Nähe von Mossul aus. Was macht es mit einem Menschen, wenn plötzlich Freunde, Familie und Heimat fehlen? Tino Dallmann über den Alltag eines Berufssoldaten.

Mitten in der kargen Wüstenlandschaft: eine Reihe Häuser aus grauem Beton. Auf einem von ihnen ist eine Plakette angebracht - "Ghost House" steht darauf. Im so genannten "Geisterhaus" werden eigentlich Häuserkampfe trainiert, heute findet hier eine Abschlussprüfung statt. Gemeinsam mit anderen Ausbildern steht Major Steffen Schwarz* vor einem halben Dutzend kurdischer Peschmerga-Offiziere. In der Übung sollen sie drei Dörfer gegen den "Islamischen Staat" verteidigen.

(Deutschlandradio / T. Dallmann)Das Geisterhaus am Rand von Erbil (Deutschlandradio / T. Dallmann)

Äußerlich ist der Major kaum von den kurdischen Kämpfern kaum zu unterscheiden. Der athletische Mann Ende dreißig trägt eine sandfarbene Tarnuniform. Neben der deutschen Flagge an seinem Ärmel hat er sich die der Peschmerga angesteckt. Eine goldene Sonne auf rot-weiß-grünen Grund. Er gibt sich in der Lage-Besprechung als kurdischer Offizier aus, damit die Abschlussübung so nah an der Realität ist wie möglich. Fragen hat er trotzdem, zum Beispiel wo der Bataillonsführer ist, wenn es zum Angriff kommen sollte. Als einer der kurdischen Offiziere erklärt, wo sich der Kommandeur des Bataillons im Falle eines Angriffs befindet, muss Steffen Schwarz lachen. Wenn der Kommandeur selber in die Kämpfe verwickelt ist, dann läuft etwas schief, sagt der Major. Man könne schließlich nur eine Sache tun. Kämpfen oder 500 Soldaten anführen.

Stolz, die Peschmerga-Flagge zu tragen  

Nach einer halben Stunde ist Übung vorbei. Steffen Schwarz zieht sich die Peschmerga-Flagge von der Uniform und bedankt sich. Er sei sehr stolz, eine Stunde lang ein Peschmerga gewesen zu sein. Schnell sind sich die kurdischen Offiziere einig: der Ausbilder soll die Fahne behalten. Als Andenken.

Rund 70 Kilometer vor Mossul, am Rande von Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, treffen Welten aufeinander: Die kurdischen Peschmerga sind erfahrene Kämpfer. Die deutschen Soldaten dagegen sind Experten in Sachen Taktik und Planung. Seit sechs Wochen ist Steffen Schwarz im Nordirak. Er weiß, der Einsatz ist ein tiefer Einschnitt. Freunde, Familie und die Heimat fehlen. Den gewohnten Alltag ersetzen Kameradschaft, Pflichten und ein streng geregelter Tagesablauf.

Linienflüge nach Erbil

Drei Monate vorher sind die Rollen vertauscht. Mit geradem Rücken und durchgedrückten Beinen steht Steffen Schwarz vor einem Simulator in Leipzig. Wie alle Soldaten muss auch er regelmäßig an der Waffe üben.

"Die Konzentration beim Schießen lässt keinen Raum für die Frage, wird das mal echt oder nicht. In den Pausen – wenn es nicht um Fußball oder Familie geht - denkt man auch nach, wie komme ich im Einsatz mit der Ausrüstung klar. Dann machen sie den Link."

Steffen Schwarz sitzt kerzengerade in seinem Stuhl. Seine Worte wählt er wohlüberlegt. Der Major strahlt Selbstbeherrschung aus – und Pflichtbewusstsein. Auch wenn er von seinem letzten Einsatz spricht. 2009 war er in Afghanistan.

Im Nordirak wird es ruhiger zugehen. In Erbil ist vom Krieg gegen den IS fast nichts zu spüren. Mit seinen Hotels, Ministerien und Hochhäusern liegt die kurdische Millionenstadt wie eine Oase in einem Land voller Terror und Gewalt.  Wer in die Stadt will, kann mit der Lufthansa oder Turkish Airways einen Linienflug in den Nord-Irak buchen. Gefahren kann Steffen Schwarz aber nicht ausschließen. Wenn er an seinen Einsatz denkt, hilft sich der Major deshalb mit Statistiken.

"Verglichen mit dem letzten Jahr gab es im Raum Erbil einen Anschlag auf Sicherheitskräfte allgemein. Also zeitlich 1:365. Wenn man bedenkt, dass sich tausende Sicherheitskräfte und Polizisten in diesem Raum aufhalten, dann etwa 1:5000. Aber was heißt das? Wie nah man dran war, wird man nie erfahren."

Langeweile duldet der Major nicht

Wenige Monate später bei der Abschlussübung in Erbil. Die Stimmung ist angespannt, dabei geben die Kompanien eigentlich nur ihre Standorte durch. Ein junger kurdischer Offizier sitzt an einer Schulbank im Geisterhaus von Erbil. Er hält das Funkgerät in der Hand. Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn, während er Koordinate um Koordinate auf einem Zettel vor sich notiert. Steffen Schwarz beobachtet ihn vom anderen Ende des Raumes aus. Auf einer weißen Tafel neben ihm ist das  Szenario der letzten Übung skizziert, das er sich ausgedacht hat.

Kurdische Offiziere während der Abschlussprüfung (Deutschlandradio / T. Dallmann)Kurdische Offiziere während der Abschlussprüfung (Deutschlandradio / T. Dallmann)
Während in einem Raum der Funker schwitzt, herrscht nebenan bei den kurdischen Offizieren Langeweile. Langsam packen sie ihre Sachen zusammen. Sie wissen, dass in ein paar Stunden ein langes Wochenende beginnt. Als sie auch die Karte zusammenrollen wollen, auf der die Positionen aller Kompanien der Übung markiert sind, schreitet Steffen Schwarz ein. Um den Druck zu erhöhen, lässt der Major den IS mit 100 Mann anrücken. Selbstmordattentäter reißen Lücken in die Verteidigung. Die Peschmerga-Offziere müssen sich nun entscheiden, ob sie sich zurückziehen oder Verstärkung anfordern. Auch in der Kommandozentrale herrscht nun Hektik. Dann fällen die Peschmerga ihre Entscheidung. Sie ziehen sich zurück. Noch in der Kommando-Zentrale wertet Steffen Schwarz die Übung aus. Er rät den Peschmerga, dass sie auch die Verstärkung hätten anfordern können.

Bankangestellte und Autohändler als Offiziere  

Viele Peschmerga kennt er inzwischen persönlich. Die Offiziere, die er ausbildet, sind meist Bankangestellte oder Besitzer eines Autohauses.

"Die Geschichten, die wir hier hören, sind die üblichen. Mein Auto ist kaputt, ich hatte Ärger mit meiner Frau oder mit den Kindern. Auch hier gibt es Pubertät. Das ist genau das, was sie zuhause auch haben. Zunächst wirkt alles sehr befremdlich, die andere Sprache, die andere Kultur, aber die Sorgen des Alltags sind direkt vergleichbar."

In wenigen Minuten wird Steffen Schwarz den Peschmerga Urkunden zum Abschluss der Übung verleihen. Vorher beißt er noch einmal in ein mit Nutella beschmiertes Naan-Brot. Ein Stück Heimat bei 32 Grad in der Sonne – mitten im Oktober.

Kuschelwochen vor der Abreise

Die letzten Wochen vor dem Einsatz, erzählt der Major, gehören nur der Familie. "Kuschelwochen" nennen Soldaten das. Für Steffen Schwarz gibt es dann keine neuen Beete oder Baumaßnahmen im Garten mehr, auch Freunde werden hinten angestellt. Stattdessen ist Zeit für lange Spaziergänge, Besuche auf dem Spielplatz oder Ausflüge in den Zoo. Ganz zum Schluss hilft ein Ritual den Trennungsschmerz zu überlisten.

"Ich gehe immer, wenn die Kinder eingeschlafen sind. Um nicht in Erklärungsnot zu kommen. Um mir auch die Tränen zu ersparen. Da zerbricht der stärkste Mann, wenn die eigene Tochter, ein sechsjähriger, blonder Engel anfängt zu weinen."

In Erbil werden im Pausenraum Tische und Stühle für eine Feierstunde beiseitegeschoben. Ursprünglich war eine große Zeremonie geplant. Da der Angriff der Peschmerga auf Mossul unmittelbar bevorsteht, hält Steffen Schwarz eine kurze Ansprache auf Englisch.

In dem schmucklosen Raum erinnern nur ein paar Schulbänke an den Unterricht, der hier die letzten zehn Wochen stattgefunden hat. Etwa ein Dutzend Peschmerga steht mit stolz geschwellter Brust in einer Reihe. Einer nach dem anderen bekommen sie eine Urkunde, die ihnen hilft eine Arbeit zu finden,  wenn sie wieder Zivilisten sind.

Die Stimmung ist heiter. Die Soldaten machen Fotos, lächeln gemeinsam in die Kamera. Nach dem Wochenende müssen die kurdischen Offiziere an die Front.

Nutella und Fußballzeitschrift in der Feldpost

Nach der Feier ist Steffen Schwarz auf dem Weg zurück ins Camp der Bundeswehr. Der Blick aus dem Fenster des gepanzerten Wagens zeigt eine Landschaft im Umbruch. Neben großen Einkaufszentren, Kinos und Werbeplakaten sind ärmliche Häuser zu sehen. An der Straße stehen Händler, die Melonen und anderes Obst aus kleinen Lastwagen verkaufen. Dahinter liegen immer wieder Skelette von Gebäuden in der Landschaft wie gestrandete Wale. Sie wurden aufgegeben, als der "Islamische Staat" unmittelbar vor Erbil stand. Wann und ob sie fertig gebaut werden, scheint unsicher. Nach einer halben Stunde kommt das Auto im Camp an. Es ist der tägliche Arbeitsweg von Steffen Schwarz.

Stadtansicht von Erbil, Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan Irak, aufgenommen am 23.09.2016 in Erbil im Irak. (dpa / Michael Kappeler)Stadtansicht von Erbil, Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan Irak, aufgenommen am 23.09.2016 in Erbil im Irak (dpa / Michael Kappeler)

Den Rest des Tages bleibt dem Major Zeit für sich. Normalerweise würde er sich mit seinen Ausbildern besprechen oder die nächsten Übungen planen. Da die nächsten Peschmerga erst in ein oder zwei Wochen dran sind, kann Steffen Schwarz die Wohlfühl-Straße entlang spazieren. So nennen die Soldaten einen Gang zwischen weiß-grauen Containern des Camps, der auf dem ersten Blick alles andere als einladend wirkt.

"Mit der Feldpost zur linken, ganz wichtig für alle Päckchen, die von zuhause gesendet werden. Das sind immer tolle Momente. Ein Nutella zu öffnen oder in der Kicker-Zeitung zu blättern. Alles was man, wenn man es in der Hand hält, merkt, vermisst zu haben."

Rückzugsort Kapelle

Der Offizier betritt einen Raum, der fast wie ein Wohnzimmer aussieht. Bastmatten verdecken das kalte Weiß der Containerwände. Eine Couch, an der Wand ein Holzkreuz. In der kleinen Kapelle ist Steffen Schwarz so gut wie jeden Tag. In dieser schwierigen Situation, sagt er, gibt ihm der Glauben Halt:

"Die Familie ist nicht hier, meine Freunde sind nicht hier. Mein Haus ist nicht hier. Aber mein Glauben ist hier. Der trägt mich, der würde mich überall tragen. Und das ist konzentriert, weil alles andere fehlt."

Für Steffen Schwarz wird es ein kurzes Wochenende. Am Montag dann die Nachricht, dass der Angriff auf Mossul begonnen hat.

Drei Monate später. Steffen Schwarz ist seit eineinhalb Wochen aus dem Irak zurück. Statt in einem engen Wohncontainer sitzt er im Wohnzimmer seines Einfamilienhaus bei Leipzig. Es ist ein heller Wintertag. Sonne scheint durch die Fenster. Der strenge Tagesablauf im Bundeswehr-Camp ist dem üblichen Chaos eines Familienalltags gewichen.

Die Bilder des Einsatzes sind noch da

Neben den Erinnerungsstücken aus einem Paket, das ihm die Peschmerga geschickt haben, hat Steffen Schwarz viele Bilder und Eindrücke mit nach Hause genommen. Zum Beispiel die Anspannung unmittelbar nach dem Großangriff auf Mossul. Die Polizeikontrollen an jeder Straßenecke. Am Straßenrand die übergroßen Märtyrer-Bilder von Soldaten, die im Kampf gefallen sind. Auch unter den Peschmerga-Offizieren, die Steffen Schwarz ausgebildet hat, gab es Tote und Verletzte, erzählt er.

"Sie haben sich sehr tapfer geschlagen, haben aber auch Verluste erlitten. Soweit mir bekannt ist, ist einer aus der Klasse gefallen. Zwei wurden schwer verwundet."

Steffen Schwarz trägt inzwischen ein kariertes Freizeit-Hemd, am Wohnzimmertisch sitzt aber immer noch der Major. Der Druck, der im Einsatz auf ihm lag, ist noch nicht ganz von ihm gewichen.

"Mich hat am meisten die Verantwortung für 40 Soldaten bewegt. Und die Gefahr im Hintergrund, dass einem der Soldaten etwas geschehen kann - an Körper und Geist. Das ist meine Verantwortung. Die ist in gewisser Weise nicht teilbar. Die belastet auch ein Stück. Und das war neben der Trennung von der Familie die Herausforderung."

In den nächsten Wochen will sich Steffen Schwarz vor allem für seine Frau und Kinder Zeit nehmen und mit ihnen in die Berge fahren. Durch den Einsatz haben sich Urlaubstage angehäuft. Ein paar Kuscheltage extra also - die Steffen Schwarz auch braucht, bis er wirklich wieder in Deutschland angekommen ist.

*Der Name des Soldaten wurde aus Sicherheitsgründen geändert.

(Foto: privat)Der Journalist Tino Dallmann (Foto: privat)Tino Dallmann: "Am Anfang der Reportage stand für mich die Frage: Was erlebt ein Soldat der Bundeswehr, der in den Irak geht? Am Ende wurde es eine persönliche Geschichte über einen tiefen Einschnitt im Leben."

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