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Sonntag, 19.11.2017

Deutschlandrundfahrt | Beitrag vom 15.10.2017

Mit dem Binnenschiff von Hamburg nach SalzgitterUnterwegs mit den Truckern der Flüsse

Von Hans-Otto Reintsch

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(Foto: Hans-Otto Reintsch)
Elbe-Seitenkanal: wie in einer anderen Klimazone (Foto: Hans-Otto Reintsch)

7000 Binnenschiffer gibt es noch in Deutschland - Tendenz abnehmend. Sie sind ein bisschen wie Trucker, nur eben auf dem Wasser. Hans-Otto Reintsch hat drei Binnenschiffer auf einem Tankschiff von Hamburg nach Salzgitter begleitet.

Von der Brücke herab auf den Fluss schauen. Mitten in der Stadt. Oder in der Landschaft. Warten auf das Schiff. Und wenn es unter der Brücke ist, schnell die Seite wechseln. Dann sieht man es ein zweites Mal. Wie es unterm Geländer erscheint und nicht aufhören will. Geräuschlos, langsam, vollgepackt mit Kies oder Stahl oder Fernweh.

Binnenschiffe schleppen unaufhörlich lebenswichtige Güter durchs Land. Sie verstopfen nicht die Autobahn, sie donnern nicht durch die Luft, sie brauchen keine Schienen. Riesige Transporter, auf denen man kaum Menschen sieht.

7000 Binnenschiffer gibt es in Deutschland. Udo, Peter und Gerd sind drei von ihnen.

Hamburg. Irgendwo im Hafen. Finkenwerder. Hinterm Deich. Da liegt es, das Binnenschiff. Nicht zu übersehen. Hatten sie in der Reederei gesagt. Tja.

Hafen? Eine Versuchsanordnung für Chaosforscher. Wer sich auskennt, möge sich melden. Das Navi jedenfalls streikt. Also Auto abstellen.

Auch der Taxifahrer stöhnt und sucht sich durch das Gewirr von Hochstraßen, Tunneln, Brücken, Sackgassen, Baustellen, Stau. - Buchten, Becken, Kanäle.

Der Hafen besteht aus vielen Häfen. Aus verdammt vielen.

Stolz und unnahbar ragen Ozeanriesen aus dem Wasser

Der Riese von Hamburg boomt, brummt und wirkt konfus.

Ozeangiganten ragen aus dem Wasser, stolz, unnahbar. Turmhoch vollgepackt mit Containern. Die Adele, die Regina und die Zeus. Tausend Kräne tragen den Himmel ab. Das Tor zur Welt winkt mit seinen Flügeln. Der Wind erzählt ein Lied.

Die Brust wird weit, die Seele jubelt. Das große Fernweh, Odyssee und Aloha He.

Aber so findet man kein Binnenschiff.

Containerschiffe kurz nach Sonnenuntergang im Hamburger Hafen am Terminal Burchardkai (dpa / Daniel Reinhardt)Ansicht aus dem Hamburger Hafen. (dpa / Daniel Reinhardt)

Es ist niedrig und wird vom Deich verdeckt. Das Schiff. Abseits des großen Trubels. Da wo der Hafen schon in die Landschaft übergeht. Wie weggeduckt liegt es da. Still. Erst auf der Deichkrone zu sehen.

Seltsam. Ohne Namen ist "das Schiff" sächlich, mit Namen weiblich.

Die "Dettmer Tank 140".

Binnenschiffe sind nicht hochseetauglich. Ohne Kiel, ohne Aufbauten. Ohne Tiefgang. Wie Seifendosen gleiten sie auf Flüssen. Und wirken im Seehafen wie Stiefkinder, die abseits am Katzentisch sitzen. Dabei ist die Dettmer Tank fast 90 Meter lang und 12 Meter breit. Ein Tankschiff der Reederei Dettmer aus Bremen. Mit Namen 140. Die Dettmer Tank 140 ist ein Gefahrguttransporter. Ein Tanker. Benzin, Öl, Alcylat. Und andere flüchtige, brennbare Stoffe.

Drei Tage dauert die Fahrt nach Salzgitter

Das Schiff sieht aus wie eine liegende Raffinerie. Stahlgraues Rohrkonstrukt, signalrot das Deck, leuchtend gelb die Ventile. Kühle Ästhetik. Symmetrie, Technik, Logik. Ingenieurskunst. Strahlend sauber, wie neu. Die Dettmer Tank 140 liegt mit ihrem Astralleib am Ufer hinter Erlen und gemähten Wiesen im Abendlicht. In einem Nebenarm der Elbe, oder ist das ein Kanal? Oder Becken? Hafen Auendeich. Aha. Da drüben werden Container verladen. Geräuschlos. Das Wasser ist träge, zwischen hier und da drüben ein Angler mit Boot. Leiser Wind.

Von Hamburg nach Salzgitter geht die Fahrt. Drei Tage. Wer mitfahren will, braucht eine Genehmigung. Wer an Bord will, muss über die Leiter. Die Dettmer 140 ist kein Ausflugsdampfer. Ein Stromaggregat läuft. Dezent vibriert der Boden. Leises Reisefieber. Oder was das ist. Fernweh? Ach was.

Udo Konrad: "Wir fahren von A nach B. Wir fahren von A nach B..."

Udo Konrad ist Anfang Sechzig, sieht aus wie ein Bruder von Bernhard Brink und ist der Kapitän. Schon falsch. Kapitäne lenken Seeschiffe.

"Nein, bei uns ist das ein Schiffsführer."

Schade. Ich hätte gern Käpt'n Udo gesagt. Aber Käpt'n ist ein Titel der Seefahrer. Geschützt. Es ist, als schaue die Seefahrt ein wenig auf die Flusskollegen herab.

"Und das ist mein zweiter Schiffsführer, Peter Richter und der Gerd Siech ist als Steuermann. Ja, und das ist praktisch unsere Schicht."

Udo Konrad und seine beiden Kollegen Peter und Gerd. Angestellte der Reederei Dettmer. Drei Mann Besatzung. Sie wirken fast verloren auf dem lang gezogenen Pott. Feierabendstimmung. Freundliche Müdigkeit. Die drei sind seit 14 Tagen unterwegs. Kommen gerade vom Tanklager Magdeburg geschippert. Hatten Alcylat von Rotterdam geholt. Zuschlagstoff für Benzin. Ein ganzes Schiff voll. Hochexplosiv. Jetzt ist das Schiff leer. Aber es können noch Restgase irgendwo herumwabern. Deshalb darf bis morgen niemand auf das Vorschiff.

Zur Begrüßung eine unmissverständliche Belehrung. Nicht einmal ein Handy darf in die Nähe der Rohrkunst an Deck. Aye, aye, Sir! Die Besatzung geht nach 18 Stunden Schicht in die vorgeschriebene Ruhepause. Fastfood, ein Bier. Dann sind sie weg. Die Fahrt beginnt mit einer sechsstündigen Pause. Gegen Mitternacht soll Diesel geladen werden. Dann drei Tage Fahrt nach Salzgitter. Es hört sich an wie Singapur. Das muss an den Gasen liegen. Nein. An dieser konturlosen Stille.

Das Urgesetz der Seefahrt: Du kannst nicht weg

Das Binnenschiff ist seit 2013 in Dienst. Liegt da wie eine Insel. Wie ein karger, unerforschter Ort. Zu 90 Prozent unbewohnt. Am Heck die Unterkunft. Küche, Bad, vier Zimmer. Kombüse, Kajüte – wie altmodisch und eng das klingt. Es ist Platz genug, jeder hat seinen Kühlschrank. Die Küche eine gutbürgerliche Sitzecke. Die Zimmer sehen aus wie jedes Zweisternehotel. Schrank, Bett, Fernseher, Schreibtisch, Internet. Wären die Luken, nein, die Fenster nicht mit Winden und Stahlseilen verstellt, wäre Lärm im Nebenzimmer, es wäre wie im Urlaub. 18 Uhr, die Besatzung schläft.

Wie von selbst verbieten sich Geräusche, Schritte. Alles wird durch den Stahlkörper verstärkt, klingt nach. Der schwimmende Ort Dettmer Tank 140 schafft es in kurzer Zeit, dem Gast ein Urgesetz der Seefahrt aufzuzwingen. Dies ist der Ort, wo du nicht weg kannst. Wo einer auf den anderen angewiesen ist. Wo der Schlaf selten und heilig ist. Kameradenrücksicht. Das gilt auf See nicht anders als auf Flüssen.

Das Festland. Von der Reeling aus der Ort, an den man gebunden ist. Der Ort, wo man nicht mehr ist. Auf der Wiese vor dem Tanker machen Jugendliche Feuer unter ihrem Grill.

Nachts legt die Dettmer Tank 140 ab

Plötzlich Nacht. Plötzlich laut. Der Motor läuft. Wie aus dem Schlaf gerissen. Keine Schritte, keine Rufe, keine Befehle. Peter Richter, der zweite Schiffsführer, erscheint wie aus dem Nichts. Bereitet alles für die Fahrt ins Tanklager vor. Das liegt im Hamburger Hafen "Blumensand".

(Peter:) "Na, das geht heute so 23 Uhr los, sage ich mal. Brauchen eine knappe Stunde da rüber, dass wir da pünktlich angebunden haben. Wir fahren dann in den Blumensandhafen, das ist sozusagen zweimal um die Ecke. Die Richtung, wo wir hergekommen sind. Und an der Kohlbrandbrücke einmal links abbiegen. Durch die Reet und dann sind wir schon da."

Peter, Anfang 30, ist der Jüngste an Bord. Seit sieben Jahren im Geschäft. T-Shirt, Arbeitshose. Lichtes Haar wie ein alter Hase. Und nach vier Stunden Schlaf erstaunlich wach. 20 Schritte vom Bett beginnt der Job im Steuerhaus. Professionell gelassen schaut er hier, schaut er dort und hört auf den Diesel. Alles gut. Am Pult glimmen die Lichter. Und der ewige Hafenfunk. So lange Udo und Gerd noch schlafen, dreht er leise. Vorsorglich.

"Hamburg Port, dem können wir mal 'n bisschen den Saft abdrehen, da ist NUR der Sender am Quatschen…Einer meldet sich, und auf einmal folgen zehne, die dann auch gleich sagen, wo sie sind und aus welchem Loch sie hier gerade gekrochen kommen. Das ist immer dann so, wie ein Weckruf!"

"Peter, es gibt noch ein paar Leute, die schlafen. Das ist ja permanenter Betrieb. Rund um die Uhr. Und da gewöhnst du dich dran, dass du im Grunde leise bist, wenn Leute schlafen."

Käpt'n Udo, der Schiffsführer. Kommt ins Steuerhaus, als wäre er nie weg gewesen. Guten Morgen, guten Tag, das sagt hier keiner kurz vor Mitternacht. Alle sind in ihrem Rhythmus. 18 Stunden Fahrt, dann Ruhe. 6 Stunden sind um. Morgen und Abend sind unwichtig. Verschwimmen.

Wie ein Raumschiff auf großer Mission

Übergangslos greift Udo zum Hörer und meldet sich bei "Hamburg Port". Leitzentrale.

Auf dem Flughafen wäre es der Tower.

Udo (Durchsage): Abercord, Centerleit 240, (Antwort aus Lautsprecher) Udo: Ja, guten Morgen, äh, oder guten Abend. Dettmer 140. Einmal verholen vom Auendeich, zur Öltanking Blumensand. (Antwort Lautsprecher: Dettmer 140, vom Auendeich nach Öltanking Blumensand auf die Innenseite. Ja! Habe ich alles mit, gute Fahrt!) Udo: Dankeschön, gute Woche. – Ja, könnt ihr losmachen.

Das Steuerhaus ist ein Glaskasten. Freie Rundumsicht. 25 Quadratmeter mit Sitzecke und Steuerpult. Überall Dunkel, schwarzes Wasser und irgendwo dahinten Lichter. Eingerahmt in Armaturen sitzt Udo in einem Stuhl auf Schienen am Steuerpult. Der Radar ist ein Monitor in Beinhöhe, Udo schaut nach unten. Grün pixeln seltsame Konturen auf.

(Udo:) "Hier sieht man die Ufer. Und das ist die Tonne hier…eigentlich, ich gucke immer nach dem Radar. Obwohl, heute sieht man ja gut."

Nur Laien vermissen ein Steuerrad. Die Haspel. Udo greift mit links zu einem Joystick. Blind. Dann schiebt er rechts den Gashebel nach vorn. Konzentriert lässt er, mit dem Blick nach unten, den Tanker von der Kaimauer ablegen. Fahles Licht auf dem Gesicht. Ab in die Dunkelheit.

Die Dettmer Tank 140 biegt mit 11,4 kmh auf die Elbe ein und es fühlt sich an wie im Raumschiff auf großer Mission.

(Udo, Funkdurchsage:)"'Dettmer 140! In Kürze aus dem Köhlfleet die Elbe aufwärts.' - Das ist für die Allgemeinheit! Wer in der Nähe ist. Das die wissen, dass wir hier rauskommen und dann nach oben fahren."

Nachts zieht sich der Hafen von Hamburg länger als am Tag. Lichtermeer.

Wo Zeit und Raum sich dehnen

Nach oben fahren. Oben ist da, wo vorn ist. Der Himmel ist schwarz und hinten nichts. 10 kmh ist schnell. Eine Stunde rüber zum Laden ein kurzer Sprung.

Zeit und Raum dehnen sich.

Udo: "Ja, das Schiff ist 86 Meter lang, 11,45 breit, hat eine Tonnage von 2046 Tonnen - können wir laden."

Peter: "3,20 Meter Tiefgang, denn maximale Abladetiefe - wenn er leer ist 1 Meter vierzig. Jetzt ist es halt üblich, dass alle Tankschiffe eine Doppelhülle haben. Das heißt im Endeffekt, dass die Tanks, in denen wir unsere Produkte laden, nicht mit der Außenhaut verbunden sind."

Der Anflug auf die Ladestelle dauert. Mitternacht vorbei. Gespräche sind unnötig. Vor uns 80 Meter Deck und keine Besatzung. Gerhard kommt ins Glashaus. Mit Thermoskanne. Der Steuermann macht den Stewart und bringt den ersten Kaffee. Der Engel. Ausgeschlafen?

Gerhard: "Aufgehört. Sagen wir mal so."

Gerhard Siech ist der Oldie an Bord und sieht aus wie ein Seebär. Beleibt, Bart, Augenringe, gutmütig. Haudegen mit Herz. Sein Leben lang Binni, Binnenschiffer gewesen. Hat alle Flüsse befahren. Alle. Aber langsam reicht es. Gerd, der eigentlich Gerhard heißt, macht noch ein paar Fahrten und dann den Rentner:

"Ja! Gott sei Dank! 47 Jahre sind doch wohl genug. Im großen Ganzen ja. Zwischendurch war ich mal im Hafen Magdeburg. Na ja, eigentlich stamme ich ja von wo ganz anderes her, ich komme aus Thüringen. Aus Zeitz."

Das Steuerhaus gleitet mit Schiff. Udo steuert. Haudegen Gerd in der Sitzecke. Zwischen Plüschtieren. Hat Zeit. Kaffee. Wohnküche mit Hafenblick.

(Foto: Hans-Otto Reintsch)Gerhard Siech an Deck (Foto: Hans-Otto Reintsch)

Wer an Bord geht, ist verloren. Ein Vagabund. Ein schwarzes Schaf.

Ist das so?

"Hähä. Es gab ja mal ein Sprichwort. Zigeuner und Schiffer…aber das ist eigentlich vorbei.Na ja. Das gehört eben dazu. Es gibt ein paar Ausnahmen, aber die gibt’s auf dem Bau, die gibt’s überall. Aber die meisten, die sind alle vernünftig."

Wer Westverwandtschaft hatte, durfte nur in die Binnenschifffahrt

Gerd, der Seebär, redet von früher. Seiner Jugend. Vor sich das Schiff, hinter sich das Leben auf dem Fluss. Muss eine wilde Zeit gewesen sein. Für Details ist es nachts um eins zu früh. Oder zu spät. Aber eins ist klar. Er ist Binni aus Leidenschaft. Obwohl. Er war jung und hatte einen Traum. Damals, in der DDR. Den Traum von Meer, von Welt.

"Na, eigentlich wollte ich normalerweise auf Seeschifffahrt. Das war so weit alles klar. Aber dann kamen ja die sogenannten Blätter, die du ausfüllen musstest. Damals, zu Ostzeiten. Und da musste ich so ein bisschen Verwandtschaft angeben. 80 Prozent meiner Verwandtschaft sind entweder im Westen. Oder in der Schweiz beziehungsweise bei den Amis. Na ja, da war's das… 70 habe ich dann angefangen, zu lernen hier, und irgendwie bin ich dann hängen geblieben. Ja, so spielt das Leben."

Träume mussten in der DDR der Realität angepasst werden. Wer Westverwandtschaft hatte, durfte nicht auf große Fahrt. Nicht in die Häfen des NSW, des "Nicht Sozialistischen Wirtschaftsgebietes". Es hauten schon genug Seefahrer ab. Gerd Siech nahm das, was er bekam, ging zur Binnenschifffahrt. Und das hieß im Grunde, die DDR rauf und runter fahren. Bewacht von den Genossen der Wasserschutzpolizei. 

"Damals der Wasserschutz, der hat sich bloß drum gekümmert, dass du nicht mit nem Wessi zusammen gesessen hast. Und es hieß immer, man soll nicht mit einem Westdeutschen auf Seite liegen, da sind sie gleich rangekommen. Habe ich dann auch gesagt: Na wo soll ich denn hin? Hier ist alles belegt! Wir wurden schön bewacht! Konntest die Türen und alles auf lassen, wusstest, dich beklaut keiner. Weil der Wasserschutz bei uns auf Seite war. Na ja."

Im Hafen Blumensand

Schiffsführer Udo verändert seine Körperspannung. Und die Stellung des Joysticks. Oder Pin? Gerd steht auf und geht. Wie von einem Instinkt getrieben. Gleich wird angelegt. Hafen Blumensand in Sicht.

Eine hell erleuchtete Industrienlage am Kai. Rohre, Rohre, Rohre über viele Etagen. Wie eine Raumstation. Davor ein riesiges Hochseeschiff. Die 86 Meter lange Dettmer Tank 140 sieht plötzlich aus, wie ein Rettungsboot.

Peter per Funk: "Vier Meter---35 bis zum Einhängen---20 Meter bis zum Einhängen-- 15 Meterbis zum Vordermann.--- 8 Meter bis zur Vorderbank, fünfzig ab--- jetzt am Bug n kleinen ab—Gut!—

Gerhard am Heck: "Na, das sind jetzt noch gute sechs, sieben Meter! Fünf! --- Gute vier! --- METER! --- Halber! --- dreißig---zwanzig---ganz langsam festhalten. "

Angedockt. Ab jetzt darf niemand das Führerhaus verlassen, der nicht dazu gehört. Tanklager. Absoluter Sicherheitsbereich. Im Steuerhaus herrscht leichter Überdruck, um Gase fern zu halten. Die Zuläufe werden aufgeschraubt. Peter und Gerd. Der Rüssel wird angeschlossen. Udo kriegt das Zeichen, schaltet am Computer die Ventile frei, dann läuft Diesel ins Schiff. Die Dettmer Tank 140 sinkt langsam ab.

Udo: "Ja, wir gehen dann tiefer. Jetzt haben wir, sieht man ja hier, einen Meter 35 ungefähr Tiefgang hinten, vorne haben wir bloß 76 cm. Und wenn wir fertig sind, haben wir vorne und hinten so ungefähr 2,50 Meter."

Warten gehört zur Seefahrt

Jetzt passiert etwas, was dazu gehört zur Seefahrt. Und gelernt sein will. Warten. 1400 Tonnen Diesel brauchen ihre Zeit, in die Tanks zu laufen. Der Ladevorgang ist völlig geräuschlos. Kaum ein Mensch im Tanklager. Nebenan hoch aufsteigend die Bordwand des Ozeanriesen. Ein Hauch von Welt. Verdammtes Fernweh. Oder, Udo?

"Hähä. Ja. Jetzt nicht mehr…ja, ich war auch so! Ich wollte ja früher auch zur Seefahrt! Nach der Schule. Ja, und das Gleiche: Eigentlich das Gleiche wie bei Herrn Siech. Angeschrieben die Deutsche Seerederei zu DDR-Zeiten – und dann ist da eine Absage gekommen. Natürlich so spät, da war ein halbes Jahr schon rum, bis man da Bescheid hatte: Nee, das wird nichts! Du darfst nicht! Na ja, Verwandtschaft. Und die Staatssicherheit, die hat da die Hand drauf gehabt. Die haben gesagt: nein, du darfst nicht, wegen der Westverwandtschaft."

Damals, früher, in den Siebzigern, in der DDR. Was soll er sagen? Es war, wie es war. Er kam nicht weg und blieb. Wie die Sehnsucht.

"Jaaa! Damals auf alle Fälle. Na ja, man war ja eingesperrt?! Und nach dem, wo man nicht hin kann, da hat man die meiste Sehnsucht. Ja. Ja gut, ja heute fahren wir ja auch. Ist ja schön…aber ich durfte nicht, hä. Nee! Ich durfte nicht. Natürlich hat man als junger Mensch gedacht: Warum darfst du jetzt nicht – was kannst du für deine Verwandtschaft? So eine Art Sippenhaft gewesen! Ja. Gut, dann wollen wir mal gucken."

Es läuft. Käpt'n Udo ist nicht hier, um die Vergangenheit zu beklagen. Und große Worte sind eh nicht sein Ding. Er ist in der Gegenwart unterwegs. Verteilt Treibstoff für die mobile Gesellschaft übers Land. Diesel. Ende der Durchsage. Und geht Bubu machen. Kissenradio hören.

Udo: "Gut! Wenn das denn alles läuft, geh ich wieder runter beim Laden und dann könnt ihr Euch ja weiter unterhalten. Ich denke mal so fünf, sechs Stunden, ja."

(Foto: deutschlandradio / Hans-Otto Reintsch)Auftanken im Hafen Blumensand (Foto: deutschlandradio / Hans-Otto Reintsch)

Unterwegs zur Schleuse Geesthacht

Die Elbe. Irgendwann zwischen Schlaf und Tag. Irgendwo in Niedersachsen.

Das Binnenschiff Dettmer 140 gegen den Strom. Folgt dem geschwungenen Flussbett, eins mit der Natur. Nebelschwaden, grüne Ufer, dahinter Siedlungen, davor ein Kranich. Im Küchenschrank klappert das Geschirr.

Der Fluss steigt und fällt noch weit im Land mit den Gezeiten. Langsam kommt die Flut.

Es ist hell geworden. Fluss aufwärts. Binnenschiffer sagen: Bergfahrt. Bergfahrt? Nicht zu glauben. Die Landschaft liegt flach wie ein Tisch. Dann der Beweis. Schleuse Geesthacht naht. Hinter der Kurve. Udo kennt die Strecke, die hat er drauf. Sagt, die einzige Elbschleuse auf deutschem Gebiet. Und meldet sich aus drei Kilometern Entfernung an.

"Dettmer 140—keiner spricht mit uns. Jau, schönen guten Tag! Dettmer 140. Wir kommen von unten, beladen mit Dieselkraftstoff, 1360 Tonnen, zwei Meter fünfzig tief, von Hamburg nach Salzgitter—FUNK: ihr bekommt dann die Nordkammer, nä?- Alles klar, bis dann. Udo: Er kann noch nicht schleusen, weil zu wenig Wasser ist."

Udo muss Zeit schinden, drosselt die Fahrt. Das Display zeigt 6,4 kmh. In einer weit geschwungenen Rechtskurve hat der Fluss auf der Innenseite Sand abgelagert. Wo die Fließgeschwindigkeit langsamer wird, bildet das Wasser Strände. Und da wo Strand ist, sind Urlauber. Ein dicht besiedelter Campingplatz. Das Tankschiff zieht an Badegästen vorbei. Die Kinder winken. Udo winkt zurück.

Udo: "Das hat auch ganz schön zugenommen die letzten Jahre. Am Anfang standen hier oben ein paar Zelte und Wohnwagen. Und jetzt ist ja schon alles voll hier. Das ist schon eigentlich verhältnismäßig klares Wasser. Früher war das ja richtig ein Chemiecocktail. Das ist ja heute – sauberes Wasser.

Überhaupt Wasser. Wasser hat sowieso was Magisches. Das zieht die Menschheit an. Schon immer. Ich weiß nicht, ob das Freiheit ist. Oder wenn der Strom so frei fließt – oder was das ist. Keine Ahnung! Ich find es jedenfalls schön. Wasser fließt ewig und bearbeitet die Landschaft. 

Und dann steht das Schiff direkt vorm Discounter

Zwischen Türmen riesige Hubtore. Wie Guillotinen. Dahinter betonierte Becken. Über 200 Meter lang. Udo kriegt das Zeichen und fährt ein. Die Guillotine schließt. Die Dettmer Tank 140 gefangen in Schleuse Geesthacht. Rauschendes Warten. 15 Minuten Blick auf nasse Betonwände. Es hallt wie in der Kanalisation. Das Schiff steigt auf. Erhebendes Gefühl für Mensch und Tier.

Als die Zivilisation wieder auftaucht, steht das Schiff direkt vor ALDI.

Udo fährt in Schleichfahrt aus der Betonwanne. Mit Gefühl. Kein Ruck, keine Seitenberührung, butterweich. Wie ein alter Trucker, der souverän ausparkt. Die Kurve zurück auf den Fluss nehmen er und der strotzende Eisenkörper vor sich wie nichts. Jetzt liegt die Dettmer 140 wieder genau auf Linie. Und zweieinhalb Meter höher in der Landschaft. Himmel verhangen, Wind von Nordost. 9,7 Kilometer in der Stunde. Es ist Vormittag. Die Stimmung gut. Kaum Gegenverkehr, keine Brücken. Das Tankschiff ist seit sechs Stunden auf dem Weg von Hamburg nach Salzgitter und hat etwa 40 Kilometer zurück gelegt. Gefühlte 200. Auf dem Fluss, an dem der Binni Udo Konrad wohnt.

"Ich fahre gerne die Elbe. Nicht nur, weil ich in Tangermünde wohne. Einfach – fühlt man sich irgendwie freier. Brauchst du nicht jedes Mal an den Brücken das Steuerhaus runterfahren, man kann weiter gucken. Ist angenehmer."

Ein Senioren-Paar sitzt am 10.04.2011 auf einer Bank an der Elbe in Geesthacht bei Hamburg. (dpa / Christian Charisius)Ein Senioren-Paar sitzt am 10.04.2011 auf einer Bank an der Elbe in Geesthacht bei Hamburg. (dpa / Christian Charisius)

Die Elbe ist eingedeicht. Der Blick fällt auf Wände aus Gras. Die Landschaft dahinter eine Dame ohne Unterleib. Nur die Dächer der Flussanwohner ragen über die Deichkrone. Gerd, der Seebär, der Alte mit dem Engelsgemüt, bringt den zweiten Kaffee. Früher, sagt er, früher war mehr. Mehr zu sehen. Da war so manches, wenn er leise an den Fenstern vorbeiglitt. Aber seit 1963, seit der großen Flut, wurden die Deiche ständig erhöht.

(Gerd:) "Na ja und dann, wie gesagt, dann ging es immer weiter und immer weiter. Die können nicht mehr drüber gucken und wir können nicht mehr dahin gucken. Früher konntest du in die Parterre gucken."

Wer den Klimawandel, das Ansteigen der Wasser nicht glauben mag, sollte mit Binnenschiffern reden.

Binnenschiffer kennen ihre Wasserwege

Glaskasten Steuerhaus. Die ruhige Fahrt geht in den Körper. Blick magisch nach vorn. Entschleunigung. Vor dem Steuerpult ein Fernglas. Technikfreak Peter, der inzwischen übernommen hat, braucht es nicht. Er kennt die Strecke. Binnenschiffer lernen Wasserwege auswendig wie Taxifahrer den Stadtplan. An Elbkilometer 573 kommt eine Stadt in Sicht. Oder besser: Dächer und ein Kirchturm.

"Artlenburg. Da ist auch die Einmündung vom Elbe-Seitenkanal.Rechts weg, zum Schiffshebewerk Scharnebeck."

Kurz weitet sich die Elbe. Da, wo ein Wasserweg einmündet. Der Tanker schiebt sich ausholend in den Elbe-Seitenkanal. Biegt in die Nebenstraße ab und verlässt die Hauptstraße. Die Landschaft verändert sich abrupt. Es wird eng. Das Wasser grün. Als verließe das Schiff eine Klimazone. Der Kanal liegt schnurgerade. Gefühlte dreißig Meter breit. Keine Buchten, kein Sand, kein Schwung der Uferlinie. Deiche. Am Fuß braunes Bruchgestein. Ab jetzt herrschen andere Gesetze. Gegenverkehr. Die "Shen Andoa" genau in der Kanalmitte. Peter Richter, der zweite Schiffsführer, drosselt die Geschwindigkeit.

"Na, das ist halt auch ein Tankschiff. Wenn du da Leute hast, die mit der Brechstange fahren und sich mehr oder weniger ihren Weg bahnen wollen, da wird dann auch ordentlich drauf gehalten. Da muss man halt schnell reagieren oder einfach langsam machen. Dass man da das Wasser selbst nicht wegzieht."

Nur eineinhalb Meter liegen zwischen beiden Schiffen

Seit die Dettmer 140 im Kanal fährt, läuft eine Welle mit dem Schiff. Gleichmäßig geformt, wie angeleint zwischen Schiff und Ufer. Sie lässt den Sog ahnen, der auf die Kanalwände wirkt. Kommt ein Schiff entgegen, verdoppelt sich der Sog. Die Schiffe drücken sich vorsichtig aneinander vorbei. Keine zwei Meter Abstand, drei Meter vom Ufer. Fast ist es, als würden sich die Schiffe gegenseitig das Wasser abgraben, sagt Gerd.

"Die versuchen unbedingt in der Mitte zu bleiben. Da musst du eben ein bisschen drängeln. Der Kanal ist 33 Meter breit. Dieser ist 12 Meter, die anderen 10 Meter, das wären 22 Meter, da hat jeder noch so und so viel Platz. Also sollte man sich dran halte,n und da hast du anderthalb Meter Platz, wenn du aneinander vorbei fährst."

Der entgegenkommende Tanker in Talfahrt hat keine Doppelwände. Woran zu erkennen? Schmaler als die Dettmer 140. In wenigen Jahren landen Tanker wie die Shen Andoa auf dem Schrott. Peter grüßt den Kollegen im Vorbeifahren. Flüchtig.

"Der fährt öfter hier in unserem Bereich und man kennt sich vom Sehen, aber persönlich halt nicht. (Autor: Autos an Bord?) Na, das ist halt ein Privatmann, nä, der fährt auf eigene Kappe und der möchte noch ein bisschen flexibler sein. Wir sind ja ein Firmenschiff."

Private Binnenschiffe sind schwimmende Familienunternehmen. Zu erkennen an den festgezurrten PKW auf dem Heck. Und den Frauen an Bord. Und den Gardinen. Und dem Rost. Binnenschiffe sind teuer und wartungsintensiv. Der Konkurrenzkampf ist groß. Die Privaten verbringen ihr ganzes Leben auf dem Schiff. Angestellte wie Peter Richter arbeiten drei Wochen durch, machen drei Wochen frei. Bezahlt. Das ganze Jahr über. Arbeiten, wie andere Leute Urlaub machen. Oder?

(Peter:) "Alle denken: Oh, du fährst nach Hamburg! Mensch, da kann man ja mal zum Dom gehen oder auf den Fischmarkt. Aber bei uns ist es einfach so, hast du gestern gesehen, Samstagabend 23 Uhr, wir fahren zur Arbeit und das Partyschiff fährt an dir vorbei. Da sagst du doch: Was machst du falsch? Ja, andererseits, wenn ich drei Wochen am Stück frei habe, das ist Belohnung genug, da kann ich in der Zeit machen, was ich will. Und ist auch was Schönes, wenn man mal seine Freunde und Familie einfach in Ruhe besuchen kann."

Gefahrguttransporter müssen zu Fahrgastschiffen Abstand halten

Das Schiff bearbeitet das Wasser, wie Bauern das Feld. Peter hatte ein Rührei am Steuerpult gegessen. Und wieder weggestellt. Frühstück? Mittagessen? Wie spät? Unwichtig. Vorn ist der Kanal durch ein gewaltiges Bauwerk verriegelt. Peter muss handeln.

"Dettmer 140 – jaha, ich höre! – Funk (Frau):…–ja (atmet), so, nächste Tour habe ich zu Berg einmal Fahrgastschifffahrt. Das passt nicht mit Euch, also werdet ihr erstmal Nummer 2, welche Seite es wird, weiß ich noch nicht. --- Peter: alles klar! Halten wir uns bereit und gucken dann, was du uns zeigst. --- genau.---bis dann!--- juhut!"

(Peter:) "Das ist das Schiffshebewerk, die haben schon die Fahrt verteilt für einen von den beiden Trögen."

Und wieder warten. Gefahrguttransporter wie die Dettmer Tank 140 dürfen sich nie mit Fahrgastschiffen in einem Raum aufhalten. Im selben Trog. Fast vergessen: dicht unter den Füßen des Steuerhauses fahren tausende Liter explosiver Brennstoff mit. Keine Zigarette will schmecken. In gebührendem Abstand zu einem voll besetzten Ausflugsschiff stellt sich der Tanker an. Wartet darauf, das Schiffshebewerk Scharnebeck zu befahren. Den Lift nach oben. Udo, der manchmal auftaucht und wieder geht, sagt öfter den Satz: Ja, so ist es. - Warten auf Godot.

Der Strom, den wir am besten kennen, ist die Zeit. Heißt es in einem Werbespot der Reederei Dettmer. Peter Richter, der Jungspund am Steuer, hat sein Leben auf dem Strom noch vor sich. Die Abenteuer der Binnenschifffahrt kennt er nur von den Alten.

"Die haben dann auch noch Storys von damals drauf. Und die sind ja ewig und drei Tage hier in diesem Gebiet unterwegs. Und ich hatte mal einen Schiffsführer, als ich Elbbereich und mitteldeutsche Kanäle gefahren bin, der kannte von Magdeburg bis zum Rhein rüber alle Kneipen."

Beim Schiffshebewerk wird es eng

Schiffshebewerk Scharnebeck spannt sich wie ein Wolkenkratzer über dem Fluss. 50 Meter hohe Türme, dazwischen Tore, Seile, Winden. Dahinter steigt die Landschaft hügelan. Irgendwo da oben geht der Kanal weiter. Riesenlift. Hier unten Einfahrten schmal wie Garagentore. Wie soll die 12 Meter breite Dettmer 140 durch dieses Nadelöhr? Eine Sache für den Boss. Udo geht ans Steuer. Er wird einsilbig.

"25 Zentimeter jede Seite."

Das Tor ist knalleng. Mit zwei kmh und Fingerspitzengefühl zirkelt Udo den Stahlkörper vor sich in das Tor. Ungefrühstückt. Links und rechts eine Handbreit Platz. Ein falscher Millimeter am Pin und der Tanker verkeilt sich in der Einfahrt. Herzklopfen. Stress. Dann schwimmt das Schiff im Trog. Schwimmt? Wasser ist nirgends mehr zu sehen. Das Tor schließt sich. Sarkophag. Die Dettmer Tank 140 dürfte keine 20 cm größer sein. Technik am Limit. Dann schwebt der Koloss in seinem Trog senkrecht in den Himmel. Drei Minuten lang öffnet sich die Landschaft weiter und weiter. Dreißig Kilometer Sichtweite hinterm Heck. Der Elbe Seitenkanal liegt wie eine Silberader in den Auen. Der Tanker wird zum Luftschiff.

Der Tanker hat im Schiffshebewerk Scharnebeck 38 Meter Höhenunterschied überwunden. Touristen fotografieren das Spektakel. Die Aussicht ist grandios.

Udo, Peter und Gerd kennen das alles rauf und runter. Keine Zeit für Romantik. Der Motor jault auf, das Tor hebt sich und dann nichts wie weiter. Weiter auf dem grünen Kanal. Udo entspannt sich wieder.

"Ja! Ist toll, wenn man durch ist. Wenn man rechts und links 25 cm jeweils hat, ist das schon ganz angebracht. Die anderen Schiffe, die wir vorher hatten, die sind dann doch schmaler. Da hast du links und rechts jeweils anderthalb Meter, das macht schon mehr aus."

Der Elbe-Seitenkanal heißt auch "Heide-Suez"

90 Kilometer geradeaus mit 8,3 kmh. Der Elbe-Seitenkanal. Auch Heide-Suez genannt. Nichts als Wald und langes Wasser. Das Echolot zeigt gleichmäßigen Tiefgang. 30 Zentimeter Wasser unterm Rumpf. Kein Wind, keine Welle. Manchmal überholt ein Radfahrer auf dem Deich das Schiff. Um über Bord zu gehen, ist links und rechts zu wenig Wasser. Wer zu lang nach vorn schaut, verfällt dem Tunnelblick. Dem Wahn der Unendlichkeit. Ab und zu offene Sperrtore. Bei Dammbruch werden sie geschlossen, damit der Kanal nicht leer läuft. Aber der Kanal ist voll. Gerd. Fastrentner. Halluziniert. Oder spricht er gerade wirklich von Wasserleichen, die immer mal durch sein Leben schwammen? Für die es 75 Mark Finderlohn gab?

"Bei uns hing sie zum Beispiel am Anker! Hat man rausgezogen, und na ja, und dann haben sie die geborgen…dann haste Pulver gekriegt. - Vier Stück. (Rausgeholt?) Dreie. (Peter lacht meckernd)…ist kein Witz! Die eine haben wir wieder reingeschubst. (Peter lacht) Ja, das war DDR-Mark. Ist gar nicht so einfach, eine Wasserleiche zu bergen. (lachend) Ziehst du einmal und dann hast du einen Arm in der Hand, wie auch immer. Musste abgebrüht sein. Manch einer, der wird kreidebleich und fällt um."

Gerd ist da und wieder weg. Für die absolute Ordnung an Bord zuständig. Und das Seemannsgarn. Wer in der Küche eine Tasse abstellt und sich umdreht, wird sie in der Spülmaschine wiederfinden. Gerd war da. Wer am Wasserhahn spritzt, wird keinen Tropfen finden. Tankergerd war da. Der gute Geist.

Blick auf das Gelände des Stahlkonzerns Salzgitter AG in Salzgitter (dpa / Julian Stratenschulte)Salzgitter ist nicht nur ein Industriestandort, sondern hat auch den umschlagstärksten Binnenhafen in Niedersachsen. (dpa / Julian Stratenschulte)

Es ist, als wären die Geschichten alle erzählt. Aufgebraucht. Rasende Langsamkeit. Ungeduld. Der Wald. Der Kanal. Endloses Nichts vor dem Glashaus. Als wäre es nie anders gewesen. Ein Hund säuft am Wasser. Stumm weist ein Zeigefinger nach draußen. Die Blicke kehren nach innen. Peter hat das Steuer. Eine Brücke kommt angeschlichen. Wenige Meter davor ein Ruck und das schwebende Steuerhaus sinkt in die Tiefe.

"Da brauchtest du keine Bordelle"

Binnenschiffe sind in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden.

Effektive Raum-Schiffe. Die moderne Dettmer Tank 140 hat eine Grenze erreicht. Größer geht nicht. Das Steuerhaus sackt zusammen, wie ein Schifferklavier. 10 cm Luft zwischen Brücke und Dach. Dann wieder hoch. Wer der Trance der Langsamkeit verfällt, am Steuer die Konzentration verliert, bringt sich um. Peter Richter, der zweite Schiffsführer, kennt die Gefahr. Der innere Rhythmus wandelt sich. Wird Teil der Reisegeschwindigkeit. Unmerklich. Peter spürt es immer erst auf dem Festland. Wenn er frei hat.

"Ich bin Punktesammler in Flensburg! Ich habe da Talent zu. Na, ich bin ja eigentlich gelernter Schnellbootfahrer. Und da war die Aussage, alles was unter dreißig Knoten ist, ist keine Schifffahrt…nein, also ich rase da nicht irgendwo rum, aber ich genieße das auch schon mal wenn auf der Autobahn frei ist, Gas zu geben, weil da kommt so das Grinsen im Gesicht weil, die Nadel über 200 hat, nä?"

Stunden später auf dem Kanal. Es ist Nachmittag, es ist Schatten, es ist still, es ist Sonntag. Da vorn ist wieder Schleuse. Da vorn ist Schluss für heute. Uelzen. Hansestadt. Vom Ort nichts zu sehen als eine Wand aus Beton, ein Eisentor und ein Hafenbecken davor. Anlegeplätze wie auf einem Autobahnparkplatz. Ruhende Binnenschiffe. Die Männer machen fest und gehen in den Stand-by-Modus. Achtzehn Stunden sind um, sechs Stunden Ruhe Vorschrift. Udo und Peter sind schon weg. Gerd flüstert nur noch. Von früher. Als am Wochenende nicht gefahren wurde. Als noch Zeit war, mal an Land zu gehen. Essen, gucken, trinken. Solche Sachen halt. Wie ein Seemann auf der Reeperbahn nachts um halb eins.

"Früher war das anders. Da hast du dir aus der Gaststätte jemanden mitgenommen. Und da brauchtest du keine Bordelle. Erstens bezahlst du dich dumm und dämlich…und zweitens, man weiß ja, was da so alles passieren kann. Ach, das war doch viel romantischer, wenn du da jemanden kennengelernt hast. Entweder bist du mit zu ihr gegangen oder sie kam mit an Bord. Das ist doch ganz normal!"

Binnenschiffe landen oft im Niemandsland

Landgang? Muss nicht sein. Da oben, hinterm Deich, sagt Gerd, da hinter den Bäumen, da ist nichts. Nur Wald und ein paar Häuser. Binnenschiffe landen oft im Niemandsland. Die zugewucherten Steinstufen nach oben landen in Esterholz. Waldsiedlung. 12 Höfe. Auf der Brücke versucht ein Mann mit freiem Oberkörper Handyempfang zu bekommen. Sonst rührt sich nichts. Doch. An jedem zweiten Haus Protestschilder. Alle zum selben Thema: Wir wollen keinen Swingerclub in Esterholz! Wir sagen nein zum Eulenhof! Jede Woche mehr Partygäste als Einwohner? Gegen Hofeulen in Esterholz! Swingerclub nein danke! Ein Dorf in Aufruhr. Ansonsten wohlige Sonntagsstille. Total. Widerstand zwecklos. Vom unauffindbaren Bordell wieder an Bord. Sekundenschlaf. Stundenlang.

Das Licht ist weg. Das Schiff läuft voll Wasser. Geht unter. Natürlich nicht. Durchgeschleust und ab geht er, der Peter. Nein. Udo fährt. Durch die Nacht in Richtung Mittellandkanal. Das Radio spielt das Beste der Siebziger bis unendlich, der Radar ergrünt, das Echolot arbeitet, Udo dreht die Thermoskanne auf. Langstreckenritual. Nachtflug. Keine Scheinwerfer an Deck, die Rohre ragen ins Schwarz. Udo fängt an, wach zu bleiben und will allein sein in der Kommandozentrale. Bis wann? Hm. Um halb fünf wird es hell, antwortet er. Und schaut nach unten. Zum Radar. Jetzt ist es auf dem Tanker endgültig wie auf der Enterprise. Zweitausend Lichtjahre von zu Haus.

"Wenn es ZU langweilig wird, mache ich auch mal'n Scheinwerfer an, dann guckst du in den Wald rein. Und das war's. Und der ist auch nicht viel anders. So ein Monitorbildschirm ist auch nur grün!"

Der Hafen von Salzgitter sieht aus wie ein unaufgeräumter Dorfplatz. Kiesberge mit Kran, Weiher und Speicherhallen. Und wieder warten. Die Aufgeregten, die Ungeduldigen und die Stadtneurotiker werden nicht alt an Bord von Flussschiffen.

(Udo:) "Das kann sein. Da kommt dann immer der Spruch: Du wirst auch noch ruhiger."

Der Tanker schiebt sich zum Parkplatz. Vorbei an einem Flussschiff aus Tschechien. Schüttgutfrachter. Privat. Eine Frau im Bikini an der Reeling.

Dettmer Tank 140 in langsamer Fahrt zu den Speichern. Angespannte, erschöpfte Gelassenheit. Gerd geht zu den Winden, wirft das Tau über einen Haken und zieht den Tanker an die Kaimauer. Es ist das erste Mal, dass die ungeheure Kraft der Arbeit an Bord spürbar wird.

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