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Vollbild | Beitrag vom 11.06.2016

"Miss Hokusai"Immer im Schatten ihres berühmten Vaters

Florian Höhr im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Das undatierte Handout zeigt den Holzschnitt "Unter der Woge vor der Küste von Kanagawa" des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai (1760-1849). (dpa / Auktionshaus Lempertz)
Holzschnitt "Unter der Woge vor der Küste von Kanagawa" des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai (dpa / Auktionshaus Lempertz)

Der Animationsfilm "Miss Hokusai" erzählt die Geschichte von der Tochter des berühmten japanischen Künstlers Hokusai. Sie selbst ist hochbegabt, assistiert jedoch ihrem Vater, malt sogar unter seinem Namen.

Selbst wenn man seinen Namen nicht kennt, seine Bilder kennen wohl die meisten - zum Beispiel das einer riesigen Welle. Der 1760 geborene Katsushika Hokusai ist einer der bekanntesten Künstler Japans. Seine Werke inspirierten auch europäische Maler wie Monet oder van Gogh.

Der Animationsfilm "Miss Hokusai" erzählt die Geschichte seiner Tochter. Sie war ebenfalls Künstlerin, konnte sich aus dem Schatten ihres Vaters allerdings nie lösen. Stattdessen assistierte sie ihm oder malte sogar unter seinem Namen.

Mischung aus Künstlerporträt und Coming-of-Age-Geschichte

Florian Höhr ist Programmgestalter beim Filmfestival "Nippon Connection” in Frankfurt, das den vielfach ausgezeichneten Film "Miss Hokusai” ebenfalls zeigte. Er bezeichnet den Animationsfilm als Mischung aus Künstlerporträt und Coming-of-Age-Geschichte. Dabei sei die historische Biografie der Künstlerin Ausgangspunkt, um eigene, fiktive Geschichten zu erzählen – Episoden aus dem Leben der Künstlerin.

Der Film sei ein "schönes Beispiel, dass Animationsfilme schon längst nicht mehr einfach Stoff für Kinder sind, sondern dass man auch im Westen gemerkt hat, dass es durchaus für Erwachsene interessant ist. Ich finde das ist eine schöne Entwicklung, dass es ein Animationsfilm, der nicht für Kinder ist, es in Deutschland in die Kinos geschafft hat."


Patrick Wellinski: Wie tief der japanische Manga in der Tradition des Holzschnitts verwurzelt ist, das kann man gerade im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg sehen. Die Ausstellung "Hokusai X Manga" spannt einen Bogen von Holzschnitten aus frühen Jahrhunderten bis zu den Massenmedien im modernen Japan – darunter auch die berühmte Tsunamiwelle des Holzschnittmeisters Hokusai. Sein Leben ist weitgehend bekannt, was man jedoch nicht so genau kennt, das ist die Lebensgeschichte seiner Tochter O-Ei. Sie soll an vielen seiner Arbeiten mitgewirkt haben. Eine ganz spezielle Variante ihres Lebens kann man ab Donnerstag in dem japanischen Animationsfilm "Miss Hokusai" im Kino sehen.

(Einspieler Film)

Ein Ausschnitt aus dem Kinofilm "Miss Hokusai", der kommenden Donnerstag bei uns startet. Über den Film, seine Protagonistin und die Kunst der japanischen Animation konnte ich vor der Sendung mit Florian Höhr sprechen. Er ist Programmgestalter des Filmfestivals Nippon Connection in Frankfurt am Main. Guten Tag, Herr Höhr!

Florian Höhr: Guten Tag!

Wellinski: Ist "Miss Hokusai" jetzt ein klassisches Biopic der Tochter des berühmten Malers?

Höhr: Von einem Biopic im klassischen Sinne würde ich nicht unbedingt sprechen, das liegt vor allem daran, dass über die biografischen Details der Hauptfigur gar nicht so viel bekannt ist. Es ist eher so, dass sie als Ausgangspunkt benutzt wird, um eine ganz eigene Geschichte zu spinnen, die sich nicht nur auf ihre Person als Künstlerin beschränkt, sondern auch zum Beispiel auf ihre Entwicklung als Person und auch um ihre Beziehung zu ihren Mitmenschen. Deswegen würde ich bei dem Film auch eher von einer Mischung aus Künstlerporträt und Coming-of-Age-Geschichte sprechen.

Wellinski: Da geht es also auch um eine junge Frau. Was ist das überhaupt für eine Frau, diese O-Ei, wie es der Film jedenfalls porträtiert?

Höhr: Man merkt von Anfang an, dass es eine sehr selbstbewusste junge Frau ist, die allerdings das Problem hat, dass sie immer auch so ein bisschen im Schatten ihres Vaters steht. Sie ist selbst als Künstlerin aktiv, aber ihr Vater ist natürlich wirklich weltberühmt, sodass sie sich darauf beschränken muss, ihm zu assistieren und dabei aber selbst nicht wirklich berühmt wird. Also ihre Kunst wird dann auch unter seinem Namen veröffentlicht.

Wellinski: Es ist aber wirklich zentral, dieses Verhältnis Vater/Tochter in dem Film, und wenn man sich den Film dann ansieht, hat man das Gefühl, wirklich liebevoll ist das jetzt nicht gerade. Wie würden Sie denn dieses Verhältnis von Vater und Tochter, wie es der Film zeichnet, beschreiben?

Höhr: Ja, liebevoll ist es tatsächlich nicht, aber ich würde auch nicht angespannt sagen, sondern es ist einfach so, dass Hokusai ein Künstler ist, der wirklich komplett in seiner Kunst aufgeht und so gar nicht wirklich zur Kenntnis nimmt, was um ihn herum geschieht. Man sieht auch, dass er noch eine weitere Tochter hat, die blind ist und darüber hinaus auch sehr krank, und die nimmt er gar nicht wirklich zur Kenntnis, sodass seine andere Tochter O-Ei sich um die Tochter kümmern muss. Also es ist einfach so, dass seine sozialen Kompetenzen gar nicht so wirklich ausgeprägt sind.

Wellinski: Wie ist denn das, ein Animationsfilm über zwei Maler in dem Fall oder zwei Künstler, da stellt man sich natürlich die Frage nach dem Stil der Animation selber. Orientiert sich denn jetzt die Animation auch den berühmten Hokusai-Gemälden?

Höhr: Es gibt tatsächlich so die ein oder andere visuelle Anspielung auf seine Gemälde, also zum Beispiel das Gemälde, das fast jeder mal irgendwo gesehen hat von der großen Welle, und natürlich, seine Gemälde sind auch ständig im Film zu sehen, aber der Stil insgesamt orientiert sich weniger an seiner Kunst, sondern es ist dann doch eher konventionell animiert.

Episoden aus dem Leben der Künstlerin

Wellinski: Hat das dann vielleicht auch eventuell was mit dem Zielpublikum dieses Films zu tun, sind damit jetzt auch junge Erwachsene gemeint?

Höhr: Also an junge Erwachsener und schon ältere Erwachsener auf jeden Fall, an Kinder vielleicht eher weniger, was auch daran liegt, dass der Film jetzt nicht unbedingt eine großartige Spannungsdramaturgie hat, sondern es sind mehr so kleinere Episoden aus dem Leben der Künstlerin, die erzählt werden. Und ich finde, das ist auch ein ganz schönes Beispiel, dass Animationsfilme schon längst nicht mehr einfach ein Stoff für Kinder sind, sondern dass man auch jetzt im Westen gemerkt hat, dass es durchaus auch für Erwachsene interessant ist. Und ich finde, das ist auch eine ganz schöne Entwicklung. dass jetzt so ein Animationsfilm, der eben nicht für Kinder ist, es auch in Deutschland ins Kino geschafft hat.

Wellinski: Diese Erzählart, diese Ellipsen, mit denen der Film spielt, das liegt ja vielleicht auch an der Manga-Vorlage – die wurde von einer Frau geschrieben, aber auch das Drehbuch für diesen Film wurde von einer Frau geschrieben. Und das ist deshalb interessant, weil die meisten Animationsfilme, die aus Japan kommen, vor allem Männersache sind, oder?

Höhr: Das ist richtig. Also Japan ist jetzt nicht unbedingt ein Paradebeispiel für die Gleichstellung der Geschlechter. Das sieht man auch daran, dass zum Beispiel Frauen wesentlich weniger verdienen als Männer. Die großen Studios werden nach wie vor von älteren konservativen Männern geführt, die so leitende künstlerische Funktionen eher weniger an Frauen abgeben möchten. Aber es ist tatsächlich jetzt … also man sieht, dass es eine Entwicklung gibt. Wie Sie schon gesagt haben, sowohl die Vorlage als auch das Drehbuch sind von einer Frau, aber auch generell in der zweiten Reihe sind sehr viele Frauen. Ich glaube, die Hälfte der Mitarbeiter in dem Film waren Frauen. Man sieht zum Beispiel auch an den Animationshochschulen, dass mehr als die Hälfte der Studenten weiblich sind. Ich gehe davon aus, dass es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch Frauen wirklich große Animationsfilme inszenieren.

Wellinski: Sie haben ja als Programmgestalter wirklich einen Überblick: Gibt es denn wirklich Regisseurinnen, die Animationsfilme machen? Sie erwähnten schon, es gibt eventuell eine Generation, aber gibt es die auch denn jetzt schon, die Filme?

Höhr: Das auf jeden Fall, also nicht unbedingt bei den langen Filmen, aber jetzt bei unserem Festival hatten wir vor einigen Wochen erst ein Special über Regisseurinnen, die Independent-Kurzfilme inszenieren. Da sind wirklich sehr, sehr vielsprechende Sachen auch dabei.

Wellinski: Wie sahen denn diese Ziele aus, kann man denn von einem, ja, weiblichen Animationsziel aus Japan sprechen, oder sind das einfach nur gute Filme?

Höhr: Das sind einfach gute Filme, also die decken auch wirklich alle Animationsziele ab, also von handgezeichnet bis Stop-Motion oder Computeranimation.

Wellinski: Sagt Florian Höhr. Mit ihm sprach ich über "Miss Hokusai", der schöne japanische Animationsfilm kommt nächste Woche in unsere deutschen Kinos und kann sich vielleicht trotz Fußball-EM doch eines großen Publikums erfreuen – wir würden es ihm auf jeden Fall wünschen. Herr Höhr, vielen Dank für Ihre Zeit!

Höhr: Sehr gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Der Animationsfilm "Miss Hokusai" startet am 16. Juni.

Mehr Informationen zum japanischen Filmfest in Frankfurt gibt es auf der Homepage www.nipponconnection.com.

In Hamburg eröffnet am 10. Juni das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg die Ausstellung "Hokusai x Manga. Japanische Popkultur seit 1680" mit beeindruckenden Werken von Hokusai und vielen weiteren Künstlern. 

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