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Sonntag, 19.11.2017

Länderreport | Beitrag vom 06.11.2017

Minderheiten in den MedienWie das Radio hilft, das Sorbische zu retten

Von Vanja Budde

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Die Kahnfährfrau Anja Geier steht in sorbisch-wendischer Festtagstracht am 06.04.2016 auf einem Kahn im Spreewalddorf Lehde (Brandenburg). (picture alliance/dpa - Patrick Pleul)
Eine Kahnfährfrau in sorbisch-wendischer Festtagstracht auf einem Kahn im Spreewalddorf Lehde. (picture alliance/dpa - Patrick Pleul)

Gesprochen wird Sorbisch nur noch von rund 10.000 meist älteren Menschen. Damit die Sprache nicht ausstirbt, versucht der Rundfunk Berlin Brandenburg in Hörfunk und Fernsehen, auch Kindern und Jugendlichen die Sprache näherzubringen.

12 Uhr mittags im Studio des RBB in Cottbus: Freitags beginnt die einstündige Sendung mit dem "Kindegruß": Märchen und Sagen, an denen die sorbische Kultur so reich ist, für Kindergarten- und Grundschulkinder, in der aussterbenden Sprache ihrer Großeltern.

"Es geht um Pilze. Der Hauptakteur ist der Bludnik, das Irrlicht, eine sorbische Sagengestalt."

Moderatorin Martina Gollasch ist eine von drei fest angestellten sorbischen Redakteurinnen, die mit Hilfe einiger freier Mitarbeiter die Sendung stemmen. Jeden Wochentag läuft ein spezielles Programm, erklärt Marion Stensel, Stenselowa auf Sorbisch, die verantwortliche Redakteurin:

"Montag ein aktuelles Magazin, da heißt die Sendung dann ‚Die Lausitz gestern und heute‘, Dienstag das aktuelle ‚Kulturmagazin‘ mit Musik, Kulturbeiträgen, Ausstellungseröffnungen, solche Dinge, mehr Kultur halt, Mittwoch das aktuelle ‚Mittagsmagazin‘, Donnerstag heißt die Sendung ‚Lausitzer Impressionen‘, da erlauben wir uns dann auch mal Feature, Hörspiele, gestaltete Sendungen, Reportagen, längere, und erfüllen einen Hörer-Musikwunsch, und am Freitag ist die Sendung ‚Musik und Service‘ mit einem Ausblick aufs Wochenende."

Abends um 19 Uhr wird das Programm wiederholt und steht danach auf der RBB-Homepage im Internet.

Kindergrüße als Podcast

"Wenn man unsere kleine Redaktion – sie ist die kleinste Redaktion beim rbb – sieht, dann unseren Internetauftritt, dann sind wir sehr stolz darauf, was wir dort anbieten können. Das macht unsere Redaktionsassistentin, die sich da reingekniet hat. Die Dinge, die wir mittags im Programm haben, die dann aufbereitet werden fürs Internet. Das bieten wir schon einige Jahre an, in zunehmendem Maße. Wir haben damit angefangen, die Kindergrüße einzustellen als Podcast, als Download zum Runterladen."

Über eigene Apps habe die Redaktion auch schon beraten, erzählt Stensel, aber die wären sehr aufwendig, weil den Entwicklern alles ins Sorbische übersetzt werden müsste. Es ist die Sprache einer kleinen westslawischen Minderheit: 60.000 Sorben gibt es schätzungsweise noch, davon lebt ein Drittel rund um Cottbus in der Brandenburger Lausitz. Sie sind Niedersorben oder Wenden, nicht zu verwechseln mit den Obersorben, die in der Oberlausitz im nördlichen Sachsen zuhause sind. Niedersorbisch und Obersorbisch sind zwar zwei verschiedene Sprachen, aber für die jeweils andere Gruppe gut zu verstehen, erklärt Marion Stensel. Weshalb der RBB auch mit der sorbischen Redaktion des MDR im benachbarten Sachsen kooperieren kann:

"Die senden früh von 5 bis 8 Uhr, das übernehmen wir auch auf unserer niedersorbischen Frequenz, und genauso wird unser Mittagsprogramm in der Oberlausitz vom MDR übernommen. Und Sonntag gibt’s halt diese drei Stunden gemeinsam, wo Bautzen erst anderthalb Stunden gestaltet und dann wir hier aus Cottbus."

Förderung von Minderheitensprachen

MDR und RBB sind zu diesem Aufwand verpflichtet, denn Deutschland hat die Charta für Minderheitensprachen unterzeichnet. Die Sorben haben damit ein Recht darauf, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen vertreten zu sein.

"Zufrieden bin ich mit der Qualität des Angebots."

Meint Manfred Koinzer, der nicht nur als Märchenonkel dem "Kindergrüßen" seine Stimme leiht, sondern auch stellvertretender Geschäftsführer der Domowina ist: Dem Dachverband aller sorbischer Vereine und Gruppierungen, die sich für den Erhalt der alten Sprache und Kultur einsetzen. Die Domowina gibt auch eine Tageszeitung in obersorbischer Sprache heraus. Im Rundfunk seien die wöchentlich elfeinhalb Stunden Programm des RBB zu wenig, kritisiert Koinzer:

"Vor allen Dingen in der Niederlausitz ist es ja nicht mehr so, dass die Elterngeneration die Sprache noch weitergeben kann."

Gerade die so putzig anmutenden "Kindergrüße" seien darum kulturpolitisch immens wichtig:

"Da wäre eigentlich unser Wunsch, was wir schon seit Jahren immer wieder sagen, dass das zwei- bis dreimal in der Woche ausgestrahlt wird. Es ist natürlich auch immer eine Personalfrage. Ich denke, ein weiteres Arbeitsfeld ist sicherlich dann auch zu gucken: Wie ist die sorbische Redaktion ausgestattet, personell."

Ein Angebot für die Kleinsten

In den Kindergärten wird auch mit dem Programm "Witaj" gegen den Verlust des Sorbischen gekämpft: Damit sollen schon die Kleinsten die Sprache ihrer Volksgruppe lernen. Denn es gibt immer weniger Muttersprachler: Schätzungen belaufen sich auf gerade einmal 7000 bis 10.000 meist ältere Menschen. In wenigen Jahren könnte die Sprache ausgestorben sein. Deswegen versucht man, sie auch über die Medien lebendig zu erhalten.

"Wir kennen die Muttersprachler inzwischen alle. Wir haben sie alle in der Sendung gehabt."

Und das sei nur wenig zugespitzt, sagt Hellmuth Henneberg, Leiter der Fernsehsendung "Łužyca". Der RBB strahlt das halbstündige monatliche Magazin seit 1992 auf Sorbisch mit deutschen Untertiteln aus.

"Wir finden immer noch mal jemanden, von dem wir gar nicht wussten, dass der auch Niedersorbisch so perfekt spricht, aber es werden immer weniger. Wir registrieren aber auch das Engagement von jungen Leuten, die nach meinem Eindruck sich inzwischen in stärkerer Weise wieder beginnen, sich für die Sprache zu interessieren. Aber natürlich ist da zwischendurch was abgerissen, wo sehr fraglich ist, ob dieser kleine Faden noch halten kann und sich wieder verstärken kann."

Abgerissen auch von den Braunkohlebaggern: In der Lausitz wurden zu DDR-Zeiten hauptsächlich sorbische Dörfer der Kohle geopfert, die Menschen in Plattenbauten am Rand der Städte umgesiedelt: Dorfgemeinschaften zerfielen, mit der Heimat ging auch die Sprache verloren. Mittlerweile sind Sorbisch-Lehrer in den Schulen der Lausitz selber keine Muttersprachler mehr, sondern sie haben die Sprache erst am Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus gelernt.

"Das trifft uns ja auch im journalistischen Bereich. Wir haben eine Handvoll von Autoren, die im Stande sind – von ihrer Ausbildung her, von ihrer sprachlichen Kompetenz her – Fernsehen zu machen. Das ist eine große Problematik für uns. Es gibt einfach zu wenige, die Niedersorbisch können."

Jugendliche machen Radioprogramm

Ein wichtiges Vehikel für das Interesse junger Leute an der sorbischen Sprache sei die Jugendsendung "Bubak" des RBB-Radioprogramms, lobt Koinzer. Das Jugendmagazin wird seit 2002 von Schülern und Ehemaligen des Niedersorbischen Gymnasiums gemacht, es läuft zweimal im Monat.

"Das macht auch zum Teil den Reiz aus, wenn du jederzeit bei Facebook nachgucken kannst und da weißt: Zweimal im Monat kommt die Sendung für mich mit meinen Themen von meinen Freunden gemacht. Die lauern schon drauf."

Vor allem diejenigen, die – oft notgedrungen – auf der Suche nach einer Zukunft die strukturschwache Lausitz verlassen haben.

"Die machen sich das ganz bewusst an, weil sie wissen wollen, was in der Heimat los ist. Die Verbundenheit zu der Region hier ist sehr, sehr hoch, viele merken es auch erst, wenn sie zum Studium dann erst mal woanders sind, dass wir hier schon in einer besonderen Region leben. Ich wüsste nicht, wo es in Deutschland noch eine Region gibt, wo eigentlich jeden Monat oder zu jeder Jahreszeit irgendwelche Zusammenkünfte der Jugendgruppen, der Dörfer untereinander sind, einfach durch die Bräuche."

Denn das Sorbische steht zwar auf der Roten Liste der aussterbenden Sprachen der UNESCO. Doch die Bräuche und Traditionen der Sorben, die sind in der Lausitz noch sehr lebendig.

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