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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 14.02.2014

MigrationObdach bei guten Leuten

Dürfen 22 afrikanische Flüchtlinge in Frankfurt bleiben?

Von Anke Petermann

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Gemeinsamer Fernsehabend in der Gutleutkirche in Frankfurt ("Wir für 22")
Gemeinsamer Fernsehabend in der Gutleutkirche in Frankfurt ("Wir für 22")

22 Flüchtlinge aus Afrika landen im Herbst in Frankfurt. In der Gutleutkirche fanden Sie Obdach. Ehrenamtliche Helfer kümmern sich um sie. Doch ob die Flüchtlinge bleiben dürfen, ist ungewiss.

Bakary Diakité stößt die schwere Tür zum Kirchenraum auf, mustert den Vorraum mit ein paar Stühlen, Sofa, wackligem Tisch. Der Fernseher in der Ecke läuft. Ein paar Männer zwischen 20 und 40 starren ohne Interesse auf die Flimmerkiste. Vor rund einem halben Jahr kamen die meisten der Westafrikaner nach Deutschland, bis auf wenige Wörter verstehen sie kein Deutsch. Bakary Diakité ist keiner von ihnen, sondern ein "Frankfurter Bub’", dessen Vater aus Mali kommt. Ein ehemaliger Bundesligaspieler bei der Eintracht und Mainz 05. Schon vor Wochen hatten Metall-Gewerkschafter die Idee, den afrikanischen Flüchtlingen regelmäßiges Fußballtraining anzubieten. Mit Diakité fand sich dafür jetzt der Richtige.

"Ich bin auf die Idee gekommen, die zu trainieren, weil es in der Zeitung stand und weil ich selbst Afrikaner bin. Und mit Hilfe von ganz vielen Leuten haben wir das jetzt endlich auf die Reihe gekriegt, und heute fangen wir an. Das heißt, die AWO hat die Busse gestellt, die Leute werden von hier abgeholt und bis zum Trainingsplatz gebracht. Eintracht Frankfurt hat Schuhe und Klamotten gespendet. 'Respekt – kein Platz für Rassismus' organisiert, dass alles gut über die Bühne geht. Die SG Bornheim stellt den Platz zur Verfügung, dass wir trainieren können. Ja, jetzt sind wir alle froh, dass das klappt, und die haben ja auch alle ganz viel Lust."

"Erstaunlich, was alles geht, wenn Frankfurter zusammenarbeiten", lacht Diakité. Einer der Männer ist aufgesprungen.

Flucht vor Fehden, Arbeitslosigkeit und Armut

Wie viele? Fast alle wollen mit. Plötzlich ist die Stimmung aufgekratzt. Die düsteren Gesichtszüge von Frank und Adam hellen sich auf: beide aus Ghana, der eine Anfang 20, der andere Anfang 30. Frank: Single und Studienabbrecher. Was ihm da in Ghana geschehen ist, dass er alles stehen und liegen ließ, will er nicht erzählen. Adam: Vater von vier Kindern aus einer inzwischen kaputten Ehe im Heimatland. Gestrandet in Deutschland - nach Libyen und Italien dritte Station einer Flucht vor Fehden, Arbeitslosigkeit und Armut.

"Ich kam über Libyen nach Lampedusa, da brachten sie uns in ein Camp, das schlossen sie später. Dann habe ich auf Bahnhöfen geschlafen, in Mailand. Aber das Camp, wo wir untergekommen waren, das hatten sie geschlossen, es gab keinen Platz mehr, wo man schlafen konnte."

Die Fotos von seinen Kindern - das wichtigste, was Adam besitzt. Manchmal starrt er ausdruckslos vor sich hin. Ob er dann an die vier denkt? Oder über seine ungewisse Zukunft in Deutschland grübelt? Jetzt aber: raus, kicken, endlich mal was anderes sehen als die mit Sperrholz und bunten Vorhängen abgeteilten Zehn-Quadratmeter-Kammern im düsteren, kühlen Kirchenschiff der 50er-Jahre.

Ein bisschen Privatsphäre: In der Unterkunft werden Trennwände aufgestellt. ("Wir für 22")Ein bisschen Privatsphäre: In der Unterkunft werden Trennwände aufgestellt. ("Wir für 22")

Bei Ankunft auf dem Platz der Sportgemeinschaft Bornheim regnet es in Strömen. Den Männern scheint das egal zu sein. Eingepackt in Eintracht-gesponsorte Trikots samt wasserdichten Jacken geben sie alles - schon beim Warmmachen und erst recht beim Spiel.

Der Kunstrasen ist regenglatt. Es gibt reichlich Stürze und Gelächter, aber auch zielsichere Pässe und scharfe Torschüsse. Der Trainer ist zufrieden.

"Cool, macht Spaß, motiviert."

Und:

"N paar können ganz gut kicken, ich hab gesehen, die haben schon n paar Mal gespielt. Oliver give me your … O.k. You guys finished? I need the shirts, the yellow shirts!"

Oliver, Ende 30 aus Nigeria, und seine Mannschaftskollegen streifen die neongelben Leibchen ab. Wie’s war?

"Fantastic, very nice."

Fantastisch, toll, mehr davon - da sind sich die Männer einig. Sie freuen sich schon auf den nächsten Mittwoch.

"Wir für 22"

Zurück in der Kirche. "Bis nächste Woche um eins", wiederholt Diakité in die Runde, dann fällt die schwere Tür hinter ihm zu. Der Fußballer – wieder einer, der sich engagiert. "Wir für 22" heißt die Initiative, die sich unter anderem über soziale Netzwerke und Gemeinde-Internetseiten organisiert. Wie viele Ehrenamtliche und Spender dabei sind, kontinuierlich oder sporadisch - kaum noch nachvollziehbar. Allein 30 ehrenamtliche Deutschlehrer üben regelmäßig mit den Flüchtlingsgästen. aus Westafrika. Die meisten sind bei den "Teachers on the Road" organisiert, die Unterricht mit flüchtlingspolitischem Engagement verbinden. Frank profitiert.

"Ich kann zweimal täglich Deutschunterricht nehmen, morgens und abends, das mache ich im Moment. Das ist gut für mich und für uns alle hier."

Im kleinen Vorraum hängen Plakate mit den deutschen Monatsnamen. Aber auch mit Fachbegriffen: Inbusschlüssel, Schraubenzieher. Die Männer würden gern arbeiten, dürfen aber nicht. Doch, einer: Festus. Ulrich Schaffert, Pfarrer der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, erfährt die gute Nachricht zuerst, als er vor dem wöchentlichen Gruppentreffen in der Mini-Küche vorbeischaut.

Die Arbeitserlaubnis als großes Los

"Hi Festus, you have been successful? Er ist der erste, der jetzt durch ist. You have got the registration?"

"Yes."

"O.k. Er kriegt jetzt ne Arbeitserlaubnis, weil er angemeldet ist. Er hat jetzt eine Aufenthaltserlaubnis, Paragraf 38a …

also für langfristig Aufenthaltsberechtigte aus anderen EU-Staaten, in Festus’ Fall aus Italien. Dorthin war er vor zehn Jahren aus Nigeria eingewandert. Er kam nicht über Lampedusa wie die meisten seiner Mitbewohner in der Gutleutkirche. Aber wie sie verlor er im Zuge der Wirtschaftskrise seine Arbeit in der neuen Heimat Italien. Jetzt zeigt er Ulrich Schaffert stolz das begehrte rosablaue Plastikkärtchen, mit dem er in Deutschland auf Jobsuche gehen darf. Sein großes Los. Wie geht’s weiter, will der Pfarrer wissen.

"You’re looking for a job … any type of job."

Festus will jede Arbeit nehmen, um Geld an die Familie in Italien zu schicken.

"So Günter will accompany you."

Ein ehrenamtlicher Helfer begleitet Festus zum Jobcenter und unterstützt ihn bei der Arbeitssuche.

Pfarrer Schaffert schaut auf die Uhr: halb acht am Abend, Zeit für die wöchentliche Besprechung. Mit dabei wie meistens: Gabi Buchholz, in der Gutleutkirche als Frau für alles unterwegs: mal kauft sie Putzmittel für die provisorische Küche, mal bringt sie die Flüchtlinge als ehrenamtliche Helfer für eine kirchliche Winterspeisung Obdachloser auf Trab.

"Ich arbeite hier in der Nähe, das heißt, ich bin mittags oft hier, guck’ rein, guck’, was ist in der Küche los, mach’ einmal die Woche n bisschen Deutschunterricht."

Und freitagabends die wöchentlichen Gruppentreffen mit. Warum sie nach der Arbeit als Gemeindesekretärin noch bei Frank, Adam, Oliver, Festus und den anderen vorbeischaut, anstatt sich zu Hause ins Sofa sinken zu lassen?

"Weil ich denke, dass man dieser Gruppe helfen sollte, weil ich sie das erste Mal erlebt habe in der Kaffeestube beim Essen."

Ein Angebot der evangelischen Hoffnungsgemeinde im Stockwerk über dem Gutleut-Kirchenschiff.

"Und es gab Sprachprobleme, und somit wurde ich da zum Übersetzen herangezogen und hab’ gemerkt, was das für ne tolle Truppe ist, dass auch sehr viel zurück kommt: viel Dankbarkeit, Freundlichkeit, ein ganz tiefer Glaube, dass alles gut wird, was mich sehr beeindruckt."

Gemeinsames Essen von Flüchtlingen und Helfern ("Wir für 22")Gemeinsames Essen von Flüchtlingen und Helfern ("Wir für 22")

"Aus der ersten Welle der Hilfsbereitschaft ist ein kontinuierlicher Strom geworden", resümiert Sabine Fröhlich. Die Pfarrerin von Cantate Domino blickt zurück auf das, was als spontane Nothilfe begann:

"Also, am 3. November, das war ja der Tag, als wir dann die Gruppe in unsere Kirche eingeladen haben. Da waren wirklich unglaublich viele Menschen aus den fünf Kirchengemeinden hier im Frankfurter Nordwesten bereit, Material zusammenzustellen, um 22 Bettenlager zu bereiten, Decken, Winterkleidung, warme Suppe. Also, in wenigen Stunden konnten wir diese ganze Gruppe versorgen. Und das waren unzählige, die sich dann abends noch mal auf den Weg gemacht haben."

Stichwort Lampedusa

Elektrisiert von dem Wort, das für Todesgefahr und Flüchtlingselend steht.

"Das erste Stichwort war 'Lampedusa-Flüchtlinge', und das hat sicher die Menschen auch so berührt, weil eben gerade den Sommer vorher die furchtbaren Schiffsunglücke dort passiert sind. Und dann wurde gesagt, ja, Lampedusa, das stimmt ja gar nicht."

Denn es stellte sich heraus, dass Flüchtlinge wie Festus und Oliver schon länger in Italien gelebt hatten.

"Aber es stimmt eben doch: Die meisten sind über Lampedusa gekommen, nur ist es halt bei den meisten schon mehrere Jahre her, was natürlich nichts ändert an den Strapazen, die sie auf sich genommen haben, um nach Lampedusa zu gelangen, also, da stehen die gleichen furchtbaren Schicksale dahinter wie bei den Menschen, die auf den Booten ertrunken sind, untergegangen sind, also insofern stimmt das 'Lampedusa-Flüchtlinge' bei der überwiegenden Zahl. Sie sind eben jahrelang schon in Beschäftigung gewesen und haben wieder alles verloren und stehen wieder vor dem Nichts."

Wie Oliver aus Nigeria, der sich mit zahllosen Jobs durchschlug.

"Als erstes habe ich in einer Ledergerberei gearbeitet. Die Arbeit war zu gefährlich wegen der Chemikalien. Danach habe ich als Elektromechaniker gearbeitet. Dann als Schweißer. Danach habe ich Probleme mit den Augen bekommen. Und dann habe ich in Bologna als Hilfe in der Krankenhausküche gearbeitet. Dann - gab’s keine Arbeit mehr."

Einer Italienerin erzählt Oliver seine gebrochene Berufsbiografie nach diesem Freitagabend-Meeting: Federica Benigni arbeitet als Abschiebe-Beobachterin der Caritas am Frankfurter Flughafen. Beruflich und privat engagiert sich die Politologin und Migrationsforscherin privat für Flüchtlinge. Sie erwägt, über europäische Flüchtlingsströme zu promovieren. Doch an diesem Abend geht es ihr um etwas anderes.

"Ich möchte einen Artikel über eure Geschichte schreiben, über euren Aufenthalt in Italien und über die Gründe, warum ihr Italien verlassen habt und nach Deutschland gekommen seid. Das will ich in die Presse bringen."

Ein Internet-Blog für junge Italiener wie mich, erklärt die Endzwanzigerin der Pfarrerin und der Runde.

Als Benigni ihre Motive erläutert, schmilzt das anfängliche Misstrauen der Afrikaner allmählich. Groß sind die Vorbehalte gegen Italiener, die sie, die Flüchtlinge, ihrer Wahrnehmung nach unbarmherzig aus prekären Jobs drängten. Doch Benignis Absicht trifft auf Zustimmung. Die italienische Öffentlichkeit, zumindest den Nachwuchs, für die Probleme afrikanischer Wanderarbeiter zu sensibilisieren, um politisch etwas zu verändern - keine schlechte Idee, finden die Männer und öffnen sich. Oliver gibt seine Enttäuschung preis – nicht ohne Höflichkeitsfloskel.

"Alles umsonst"

"Italien ist ein schönes Land. Aber soziale Sicherheit gibt es nicht. Für mich sind alle Sozialversicherungsbeiträge verloren, die ich in Italien geleistet habe. Alle! Die Regierung hilft mir nicht, nicht mal mit einem Cent. Alles umsonst geopfert!"

Federica Benigni nickt. Kein Einzelfall. Sabine Fröhlich weiß das auch.

"Italien ist ja ein Land, das wenig Unterstützung dann bietet. Ja, und sie sind jetzt nach Deutschland gekommen, um hier eine Perspektive sich aufbauen zu können, weil sie das woanders nicht mehr konnten."

Aber dürfen sich die Männer aus Ghana, Nigeria, Mali und der Elfenbeinküste in Deutschland eine Perspektive aufbauen? Die jüngsten sind 20 und Waisen, die ältesten über 40 und mehrfache Väter. Wie geht es ihnen mit der seit Monaten währenden Ungewissheit samt aufgezwungener Tatenlosigkeit?

"Nach Monaten unter der Brücke endlich ein Dach überm Kopf zu haben, damit geht es mir gut", sagt Frank und setzt ein Pokerface auf. Adam dagegen lässt während der Besprechung klar durchblicken, wie mies er und andere drauf sind. Er sitzt in Jacke und Mütze in dem fußkalten Raum, schlingt die Arme um den Oberkörper und schaudert.

Vorbereitungen für das gemeinsame Essen ("Wir für 22")Vorbereitungen für das gemeinsame Essen ("Wir für 22")

Zur Untätigkeit verdammt

"Vorher haben wir viel gearbeitet. Jetzt sind wir immer im Haus und fühlen uns krank. Wir müssen was tun, vielleicht was Ehrenamtliches, irgendwas tun, damit unser Kreislauf wieder in Schwung kommt."

"Ich fühl’ mich krank, auch wenn ich das nicht bin. Das ist ein Problem. Vorher in Libyen habe ich zehn, zwölf Stunden am Tag gearbeitet, aber jetzt – habe ich noch nicht mal Appetit. Dabei esse ich gut, wenn ich was tue. Viele hier haben das Problem."

Beschäftigung – Ullrich Schaffert will drüber nachdenken. Doch auch das löst nicht die eigentlichen Probleme. Die ungewisse Zukunft, das Arbeitsverbot. Nothilfe bis Ende März, hatte es stets geheißen. Steve aus Ghana wagt sich an den angstbesetzten Tabubereich heran. Es wird mucksmäuschenstill unter dem kalten Licht der Energiesparlampen. Was wird langfristig aus dem Notquartier in der Gutleutkirche?

Die Antwort auf die Frage nach den Plänen über Ende März hinaus bleibt Pfarrer Schaffert schuldig.

"Wir versuchen, das hier noch zeitlich zu strecken, aber es ist nicht unbegrenzt. Ihr könnt hier nicht Jahre verbringen. Wir versuchen, es zu strecken, vielleicht gibt’s eine Chance, aber wir müssen andere Lösungen finden."

Andere Lösungen - soll heißen, notfalls auch zurückzugehen nach Italien, vielleicht mit spendenfinanziertem Startgeld. Oder abgefedert durch Netze, die der Frankfurter Oberbürgermeister mit der Partnerstadt Mailand knüpfen will. Die Männer in der Runde schütteln den Kopf, sie halten für ausgeschlossen, je wieder in Italien Fuß zu fassen. "Wenn wir’s da trotz Startgeld nicht schaffen, kommen wir immer wieder nach Deutschland, auch wenn ihr uns immer aufs Neue abschiebt", murmelt Adam finster. Anspannung liegt in der Luft. Steve entlädt laut seinen Unmut über die Ungleichbehandlung.

"Italiener, Spanier, Griechen können mit ihren Papieren hierher kommen und arbeiten. Schwarzafrikaner haben Papiere und dürfen nicht."

Keine Frage der Hautfarbe, korrigiert Pfarrer Schaffert, sondern des Aufenthaltstitels. Italienische Aufenthaltspapiere sind schließlich keine italienischen Pässe. Hätten die 22 einen europäischen Pass, könnten sie die europäische Freizügigkeit fürs Wohnen und Arbeiten genießen. Schaffert wendet sich noch mal Steve zu.

"Ja, das ist ungerecht, da stimme ich dir zu. Und viele stimmen dir darin zu, dass das ungerecht ist."

Die Krise treibt die Flüchtlinge nach Norden

Doch die moralische Ungerechtigkeit ist geltendes europäisches Recht. Deutschland hat - bis auf die Flughäfen - keine europäischen Außengrenzen und profitiert davon, den südeuropäischen Ländern Kriegsflucht und Armutseinwanderung aufzuhalsen. Dabei werden zunehmend afrikanische Flüchtlinge im Zuge der anhaltenden südeuropäischen Wirtschaftskrise weiter in den reichen Norden ziehen. Die Flüchtlinge in Frankfurt am Main sind nur ein sehr kleiner Teil dieser Wanderbewegung, weiß der Pfarrer.

"Ja, deswegen bin ich auch der Meinung, dass sich politisch was ändern muss, also innerhalb Europas, dass einfach eine größere Bereitschaft da sein muss, Menschen aufzunehmen, dass nicht nur den Ländern in Südeuropa zuzuschieben, sondern dass da auch hier bei uns in Deutschland mehr Bereitschaft sein muss. Und die Bereitschaft in der Bevölkerung ist auch da, wie wir das hier sehr, sehr stark erfahren. Also, die Politik muss da jetzt einfach auch den Mut haben, mehr Flexibilität zu schaffen, damit solche Menschen wie die, die jetzt hier sind, ne Chance haben. Die wollen zum Teil gar nicht für immer hier bleiben, die wollen einfach hier Geld verdienen, um dann wieder in ihre Heimatländer zu gehen und ihre Familien unterstützen."

Auf die Einsicht der Bundespolitik aber können die 22 in der Gutleutkirche nicht warten. Für sie hat längst eine andere Phase begonnen. Die der Einzelfallprüfung mit Juristen der evangelischen Flüchtlingsberatung. Die wenigen mit Aufenthaltsanspruch können auf gute Tipps hoffen, wie sie zu ihrem Recht kommen. Die meisten in der Gruppe müssen sich auf die niederschmetternde Wahrheit gefasst machen, dass es keine Perspektive für sie gibt. Denn die Möglichkeit, als Tourist befristet zu bleiben, ohne arbeiten zu dürfen, taugt kaum als Langfrist-Lösung. Doch entscheiden müssen letztendlich die 22 – jeder für sich, betont Pfarrerin Fröhlich:

"Das ist das, was wir uns immer wieder gesagt haben: Es sind erwachsene Männer, die Strapazen durchlebt haben, von denen wir noch nicht mal in unseren kühnsten Alpträumen was wissen. Also, die haben Power. Das sind ja die Fittesten, die da überlebt haben. Insofern müssen und können die für sich entscheiden, bloß müssen wir ihnen auch sagen, was Sache ist."

Der Griff nach dem Strohhalm

Eine Zerreißprobe für Helfer und Flüchtlinge. Eine Petition an den entsprechenden Landtags- oder Bundestagsausschuss richten, bei deren Scheitern die Härtefall-Kommission des Innenministeriums anrufen - jede Möglichkeit wollen Sabine Fröhlich und ihre Mitstreiter ausschöpfen. Jeden Strohhalm wollen die Flüchtlinge ergreifen. Aber:

"Das ist eben völlig offen, wie so was ausgeht. Das müssen wir unseren Flüchtlingsgästen auch sagen, da müssen wir ihnen reinen Wein einschenken."

Pfarrer Schaffert hat das beim letzten Meeting schon getan. Denn aus Abgeordneten-Kreisen hat er erfahren, dass die Chancen für eine erfolgreiche Petition schlecht stehen, weil die Flüchtlinge ja auch in Italien arbeiten könnten. Theoretisch. Dennoch - einen Versuch ist es wert, meint Frank aus Ghana.

"Denn das ist mein Glaube oder das, was ich mir wünsche, dass dieses Land mich aufnimmt."

Länderreport

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