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Länderreport | Beitrag vom 21.04.2017

Mietpreis-GlosseLernen von den Weisen

Von Klaus Nothnagel

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Ein Whiskey-Glas vor einem Fenster. (imago/Westend61)
Wenn in der Lieblingsbar plötzlich ein Weiser erscheint. (imago/Westend61)

Die Erde gehört allen, egal ob ein Haus darauf steht oder nicht, sagt ein Indianer. Den Mann, der in der Bar einen Whiskey nach dem anderen leert, tröstet das nicht. Denn was soll er machen, jetzt wo er sich seine Miete von über 19 Euro pro Quadratmeter nicht mehr leisten kann?

Ich saß in meiner Lieblingsbar, morgens, zehn vor zwei. Durch den Whiskydunst kam ein großer, elchstarker Mann mit mittelgescheiteltem, lakritzschwarzem Haar zur Theke. Er setzte sich und betrachtete die vielen Ringe, die meine vielen Gläser auf dem Tresen hinterlassen hatten.

"Sorgen, Bruder?" fragte er mit einer brunnentiefen Stimme.

"Wie man's nimmt", sagte ich, "ich rechne gerade aus, dass ich meine nächste Miete nicht zahlen kann".

"Miete?" brummte der Mann? "Quatsch. Die Erde gehört allen. Kein Boden, stehe nun ein Haus auf ihm oder nicht, kann irgendwem gehören. Und die Hütten, die auf dem Boden stehen, gehören immer dem, der drin wohnet!"

"Ah so. – Kann es sein, dass Du Indianer bist, Bruder?" fragte ich mit leicht ironischem Unterton.

"Klar", brummte er.

"Und dass in dem Haus, in dem ich jetzt wohne, in Berlin Mitte, der Quadratmeter 19 Euro 35 kosten soll, was sagt Deine Indianerweisheit dazu?"

"Lerne auf 20 Quadratmetern zu leben, dann ist das gut bezahlbar", sagte er lächelnd.

"Und dass ich gezwungen wurde, auszuziehen, für Modernisierungen in meiner Wohnung, die ich nie gewollt habe und die ich jetzt bezahlen soll, weil der Hausbesitzer es so will, was sagst Du dazu, weiser Mann?"

"Töten ist verboten"

"Sage mir, wo der Hausbesitzer wohnt, dann töte ich ihn für Dich", sagte der Indianer würdig. – Tatsächlich: An seiner Seite, mehr zum Rücken hin, hing ein Köcher mit Pfeilen und ein sehr solider Bogen.

"Töten ist verboten", sagte ich nüchtern.

"Wie groß ist Deine Wohnung?" entgegnete er ohne erkennbaren Zusammenhang.

"95 Quadratmeter" seufzte ich.
"Bei 19 Euro 35 pro Quadratmeter sind das 1838,25 Euro" sagte er sekundenflink. "Da zieh mal lieber aus, Bruder".

"Nach Marzahn, was?" sagte ich mehr zu mir selbst. "Vergiss es!" Da liegen die Mieten im Schnitt auch schon bei 8,12 Euro pro Quadratmeter …

"Und das wären 771,40 Euro für deine 95 Quadratmeter. Ist doch in Ordn... –

"Moment", grätschte ich nach Art der Dakota-Krieger dazwischen, "warst Du, Bruder, schon mal in Marzahn?"

"Erstens", sprach mein indianischer Freund ein wenig von oben herab, "ist das, wie ich in der Zeitung las, Berlins einziger Stadtteil mit Seilbahn. Und zweitens wird Marzahn sehr viel schicker und hochwertiger, wenn Leute wie Du da hinziehen, Künstler, Intellektuelle…"

"…und Indianer", ergänzte ich. "Aber wenn der Bezirk dann immer gehobener wird, heben sich auch die Mieten, stimmt's?"

"Ja", sagte der Indianer, "dann heißt es schnell in die Citybezirke zurückziehen, die inzwischen völlig aus der Mode und runtergekommen sind, eben weil Marzahn so schick geworden ist."

"Bruder", sagte ich, "würde es Dich kränken, wenn ich sagen würde, dass das komplett idiotisch ist?

"Ich hab's nicht erfunden, bleicher Bruder", brummte der Indianer.

"Stimmt", sagte ich. Ich aber auch nicht.

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