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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.05.2017

Michael Stavarič: "Gotland" Gott als erzählerisches Experiment

Von Sigrid Brinkmann

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Cover "Gotland" von Michael Stavarič (imago, Luchterhand Verlag)
Cover "Gotland" von Michael Stavarič (imago, Luchterhand Verlag)

Der Titel von Michael Stavarič neuem Roman spielt mit dem Assoziationsraum, den der Klang des Wortes "Got" eröffnet, und da das Wort im Anfang war, eröffnet die Genesis den handlungsrelevanten Part des in drei Bücher gegliederten Romans.

Michael Stavarič besitzt das, was man eine blühende Phantasie nennt und weil er ein eminent gebildeter Schriftsteller ist, sind die fiktiven Abenteuer und skurrilen Begebenheiten, die er ersinnt, auch augenzwinkernd ausgelegte Fährten. Sie zitieren - mal mehr, mal weniger versteckt - Lektüreerlebnisse des Autors und feiern ganz allgemein das Abenteuer des Schreibens.

"Mir scheint", schreibt Stavarič, "mein Schreiben wie eine Schnee- und Eisschicht zu sein, die sich langsam und stetig in einem bildet und es obliegt dem Autor, diese abzutragen, abzuschöpfen und zusammen zu kehren."

In einem Prolog schildert Stavarič die zerklüftete, schwedische Insel Gotland als idealen Raum für "Geschichten über Gott und den Erdkreis". Auch spiegele sie wider, "was man ist, was in einem steckt, was man verloren hat, was man begehrt und verdammt".

Andrej Tarkowski nutzte diesen Erkenntnis- und Projektionsraum für sein letztes Filmwerk, "Opfer" (1986), und auch die junge Filmkünstlerin Agnieszka Polska wählte die Insel als Rahmen für eine Geschichte über namhafte Künstler, die einen phantasmagorischen Himmel bewohnen.

Der Titel von Michael Stavarič neuem Roman spielt mit dem Assoziationsraum, den der Klang des Wortes "Got" eröffnet, und da das Wort im Anfang war, eröffnet die Genesis den handlungsrelevanten Part des in drei Bücher gegliederten Romans.

Symbiotische Beziehung mit der Mutter

Der Ich-Erzähler lebte in einer symbiotischen Beziehung mit seiner alleinerziehenden Mutter, einer Zahnärztin, die von der Schönheit Gotlands schwärmt und den Sohn streng katholisch erzog. Dem Autor gibt das Gelegenheit, einige biblische Geschichten ironisch zu hinterfragen oder zu schildern, was passiert, wenn man die Gleichnisse wortwörtlich liest.

Eindringlich ruft Stavarič die Verzweiflung des Kindes wach, das Abrahams Opferbereitschaft und Gotteshörigkeit misstraute und den Allerhöchsten mit der Verbrennung eines Vogels herausforderte. Auf "Gott, dieses Arschloch!" war kein Verlass.

Das unglückselige Experiment säte Zweifel, und schlussendlich schon sollte alles auf den Prüfstand kommen und der Mutter-Sohn-Symbiose ein tödliches Ende bereitet werden.

Ein Echo findet die Vogel-Opferung im letzten Bild des Romans. Das Erzähler-Ich verwandelt sich in einen Vogel, wirft Federn ab und ist imstande, mit seinen scharfen Klauen einen "jeden in eine andere Welt zu zerren". Es ist der Anti-Samsa.

Die Krankenakten des Charles Manson

Aber auch andere als diese fantastische Schluss-Szene zeigen, wie sehr Michael Stavarič das Spiel mit literarischen Zitaten liebt. Die Handlung spielt in Wien und in einem verlassenen Steinbruch auf Gotland, wo ein gewisser Charles Menschen mit seinem Wahn ansteckt, eine neue Welt zu schaffen.

Stavarič rekurriert auf gotländische Sagen, setzt sie formal durch andere Schrifttypen ab, er fügt Gedichte ein, kleine Binnenerzählungen, er nutzt Fotografien und imitiert den Ton der forensischer Psychiatrie-Gutachten.

"Das Buch Charles" überschriebene Kapitel kann man als Paraphrase auf die totalitäre, mörderische Geisteshaltung des amerikanischen Sektenführers Charles Manson lesen. Stavarič hat die Gerichtsakten des Manson-Prozesses gelesen und Versatzstücke daraus eingeflochten. Immer undurchsichtiger wird, wer von wem spricht – und mit wie vielen Stimmen? Ist das Erzähler-Ich ein Schizophrener? Ein völlig entgrenztes Ich, das sich im Tier, im Baum inkorporiert sieht?

Stavarič führt einen hin zu den Abseiten des Glaubens und dem totalen Verlust desselben. Dass dieser einhergeht mit dem Verlust an Liebe macht die Tragik aus.

"Gotland" ist ein wilder, poetischer Roman und anders als alles, was Michael Stavarič zuvor geschrieben hat. Damit nun löst er einmal mehr ein, was er sich zu Beginn seines Weges als Lyriker und Erzähler vorgenommen hat: formal und sprachlich mit jedem Buch ein neues erzählerisches Experiment zu wagen.

Michael Stavarič: "Gotland"
Luchterhand Literaturverlag, München 2017
352 Seiten mit Abbildungen, EUR 20,60

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