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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.04.2016

Michael Schulte-Markwort: "Superkids"Wie reflektiert Kinder heute sind

Von Susanne Billig

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Ein jugendliches Mädchen mit Kopfschmerzen (dpa/picture alliance/Frank Rumpenhorst)
Erwachsenwerden ist nicht einfach: Ein jugendliches Mädchen hält sich die Hände an den Kopf. (dpa/picture alliance/Frank Rumpenhorst)

Durch die Tür des Jugendpsychiaters Michael Schulte-Markwort kommen Kinder, die sich die Arme aufritzen oder kurz davor sind, die Schule zu schmeißen. In seinem Buch "Superkids" beschreibt Schulte-Markwort, wie es ihm gelingt, mit den Jugendlichen im "schwierigen Alter" ins Gespräch zu kommen.

Welche 13-Jährige findet ihr eigenes Alter "schwierig"? Mascha ist so ein Mädchen - eines von zahlreichen Mädchen und Jungen, von denen der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort in seinem neuen Buch "Superkids" erzählt. "Ich finde es schwierig, dass ich mich einerseits älter fühle und andererseits die Welt so kompliziert finde, dass ich Angst bekomme. Dann möchte ich am liebsten bei Mama auf den Schoß. Das passt alles nicht zusammen!", erklärt Mascha.

Wie reflektiert Kinder heute sind, wie genau sie die Welt beobachten und begreifen, wie sie die Lage ihrer Eltern erkennen und sich gleichzeitig, und das leider manchmal mit psychischen Erkrankungen, Gesprächsverweigerung oder Schulversagen, zu wehren versuchen gegen Optimierungswahn und Überkontrolle, das stellt der Autor in den Mittelpunkt seines Buches.

Es geht darin um Kinder und junge Menschen, die er ohne zu zögern als "Superhelden" bezeichnet, aber es geht auch um die "Supereltern" von heute, die sich einen Weg zu bahnen versuchen durch das Dickicht an ökonomischen Unsicherheiten, gesellschaftlichen Zwängen und sozialen Ansprüchen.

Dabei interessiert den Kinder- und Jugendpsychiater, wie Beziehungen heute gelingen können. Seine Reflexionen dazu leben von großer Tiefe und Tragfähigkeit jenseits simpler Rezepte.

Respekt ist das wirksamste Arbeitsmittel 

Reich und vielschichtig wird "Superkids" besonders durch die vielen Fallgeschichten, die Michael Schulte-Markwort erzählt. Auf jeder dritten Seite eröffnet sich ein Kleinod an persönlicher Erfahrung und Begegnung. Da kommen Kinder durch die Tür des Sprechzimmers, die mit ihren Eltern im Dauerclinch liegen, sich die Arme aufritzen, kaum noch sprechen, vor dem Computer versacken oder kurz davor sind, die Schule zu schmeißen – und es ist faszinierend zu lesen, wie es Michael Schulte-Markwort immer wieder gelingt, Brücken zu bauen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen - häufig, indem er zuerst einmal die Eltern vor die Tür schickt.

Respekt erweist sich als eines seiner wirksamsten Arbeitsmittel; der Arzt gibt Raum, nimmt ernst, will verstehen und hört genau zu – und die "Superkids" reagieren sofort.

Michael Schulte-Markworts Buch ist ein starkes Plädoyer für die immer neue Suche nach der richtigen Balance und Gewichtung ohne in Erziehungs- und Beziehungsextreme zu verfallen. Genau das rät er auch Eltern: Sicherlich, Erziehende müssen sich einschränken und über Jahre hinweg immer wieder großen Verzicht leisten. Gleichzeitig bleibt es wichtig, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse kennen und Platz dafür einräumen.

Ja, Eltern sollten ihre Kinder so wertschätzen, wie sie sind, und ihnen mit zunehmendem Alter immer mehr Freiheiten einräumen. Doch auch ihr beschützender Blick wird gebraucht, ihre Sorge und Umsicht – sogar noch, wenn Kinder älter als 18 Jahre sind.

In das Horn der "Helikopter-Eltern"-Schmähungen bläst dieser Autor nicht. Denn sein Credo lautet: Lösungen vom Reißbrett gibt es nicht – aber fast immer Wege, wieder ins Gespräch zu kommen.

Michael Schulte-Markwort: Superkids.
Warum der Erziehungsehrgeiz unsere Familien unglücklich macht
Pattloch Verlag, München 2016
272 Seiten, 19,99 Euro

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