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Buchkritik | Beitrag vom 10.08.2017

Michael Roes: "Zeithain"Ein Mythos schwuler Traditionsbildung neu erzählt

Von Jörg Magenau

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(Foto: picture-alliance / ZB / Jens Kalaene, Cover: Schöffling-Verlag)
"Zeithain" erzählt die Geschichte von Friedrich dem Großen und Hans Hermann Katte neu. (Foto: picture-alliance / ZB / Jens Kalaene, Cover: Schöffling-Verlag)

Zerrissene preußische Seelenlandschaften und ein gewaltiges Zeitpanorama - das fördert Michael Roes historischer Roman "Zeithain" zutage. Er erzählt die Tragödie um den jungen Friedrich des Großen und seinen Freundes Hans Hermann von Katte neu.

Die Tragödie um Hans Hermann von Katte und Friedrich den Großen als junger Kronprinz gehört zum Kernbestand der preußischen Geschichte und zu den großen Mythen der schwulen Traditionsbildung. Das Ende ist bekannt: Der beklagenswerte Katte wurde in der Festung Küstrin hingerichtet, auf ausdrücklichen Befehl des "Soldatenkönigs" Friedrich Wilhelm I. Sein Verbrechen bestand darin, dass er die Fluchtpläne Friedrichs, der unter den Prügelexzessen und Demütigungen seines Vaters litt, nicht verraten hatte. Friedrich, 18-jährig, war dazu gezwungen, bei der Hinrichtung von einem Fenster der Gefängniszelle aus zuzuschauen.

Ein wahres Breitwandepos

Wer nun wie Michael Roes einen historischen Roman aus diesem Stoff macht, muss damit leben, dass Ende und Ablauf der Ereignisse gegeben sind. Also erzählt er Kattes Lebensgeschichte von Anfang an als wahres Breitwandepos. Eindrucksvoll schildert er die Kindheitsjahre im brandenburgischen Örtchen Wust nahe der Elbe, wo Katte von seinem Vater auf ähnliche Weise drangsaliert wurde wie dann auch Friedrich. Preußentum bedeutete Erziehung mit dem Stock und Austreibung der Seele. Katte wehrte sich, indem er seinen Körper als Rückzugsraum entdeckte, erste kleine erotische Erlebnisse mit den Dorfjungen inklusive. "Das Körperliche liegt tief im Geist verborgen", heißt es an einer Stelle. "Zunächst scheint es, als sei der Körper von Natur aus dem Erzählten ferner als der Geist. Aber das Gegenteil ist wahr: Das Körperliche erst gibt dem Erzählten Tiefe, Fasslichkeit und Bedeutung."

In diesem Sinne schreibt Roes eine Geschichte des Körpers. Abschnitt für Abschnitt folgt er den Spuren, Narben, Wunden, die sich im Leib abzeichnen. In den Francke'schen Anstalten in Glaucha bei Halle, die wohl zu Unrecht im Ruf des Reformerischen standen, wurde die väterliche Zucht auftragsgemäß weitergeführt. Weitere Stationen und umfängliche Kapitel führen zum Studium nach Königsberg, auf eine lange Kavalliersreise quer durch Europa und schließlich zum Militär bei den "Gens d'armes" in Berlin. Aus der moralischen Strenge, provinziellen Enge, aus militärischem Drill und der überlebensnotwendigen Sehnsucht hinaus ins Offene entsteht eine zerrissene preußische Seelenlandschaft und ein gewaltiges Zeitpanorama.

"Ein großes Buch mit großem erzählerischem Atem"

Der erzählerische Kniff, den Roes anwendet, ist eine Rahmenkonstruktion, in der er einen Ich-Erzähler in unserer Gegenwart installiert. Philip Stanhope, ein ferner englischer Verwandter, sucht all die Orte auf, die in Kattes Leben eine Rolle spielten und imaginiert sich in ihn hinein. So kann Roes auf dem Umweg über diesen Erzähler Katte selbst in der Ich-Form und im Präsens sprechen lassen. Das ist, wie Stanhope es formuliert, "eine Art Annäherung, eher eine Preußenphantasie als eine Recherche". Roes benutzt dafür einen dem 18. Jahrhundert angemessenen, gravitätischen Stil, ohne aber die damalige Sprechweise antikisierend nachzuahmen.

Schwächen hat der Roman allenfalls in den zu ausführlich geratenen Reisebeschreibungen und in der nicht zu Ende geführten Rahmenhandlung. Da bleibt der Versuch, dem historischen Roman nicht nur eine Gegenwartsebene entgegenzustellen, sondern die "Preußenphantasie" Stanhopes mit Elementen des phantastischen Schauerromans zu kontern, auf halbem Wege stecken. Dass er im Berliner Hotel ein Bettlaken vollblutet, das dann zum Kunstobjekt wird, mag noch hinnehmbar sein. Die Geburt eines Kojoten und eines dämonenhaften Engels durch ein sterbendes Tier im Tiergarten führt dann aber in surreale Dimensionen, deren erzählerische Funktion sich nicht wirklich erschließt. Und wenn Stanhope dann auch noch mit der schwulen Vergangenheit seines Vaters als britischer Besatzungssoldat in West-Berlin konfrontiert wird, droht der Roman in schwule Erbauungsliteratur abzukippen. Aber das sind nur kleine Einwände gegen ein großes Buch mit großem erzählerischem Atem.

Michael Roes: "Zeithain"
Verlag Schöffling & Co, Frankfurt/Main 2017
804 Seiten, 28 Euro

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