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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.11.2016

MexikoWenn die Knochen sprechen

Von Ole Schulz

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Menschen in Santa Maria Atzompa widmen am "Tag der Toten" den Verstorbenen Blumen, Getränke und Essen. (dpa / picture alliance / EFE / Mario Arturo Martinez)
Menschen in Santa Maria Atzompa widmen am "Tag der Toten" den Verstorbenen Blumen, Getränke und Essen. (dpa / picture alliance / EFE / Mario Arturo Martinez)

Im Juni begann das Deutschland-Jahr in Mexiko – und parallel dazu das Mexiko-Jahr in Deutschland. Einige der Veranstaltungen kreisen darum, wie extreme Gewalt künstlerisch aufgearbeitet werden kann.

Auf einem Friedhof in Mexiko-Stadt. Zum legendären "Tag der Toten" treffen sich Familien auf Friedhöfen, um bei Speis und Trank die Rückkehr der Verstorbenen zu feiern. Ein solch entspannter Umgang hat in Mexiko eine lange Tradition.

Das Thema Tod dominiert den Tod der Mexikaner. Denn das Land leidet unter einer nicht enden wollenden Gewaltkrise. Menschen "verschwinden", und massakrierte Körper werden öffentlich zur Schau gestellt.

Wie die "Knochenleser" arbeiten

Bei der Aufarbeitung solcher Verbrechen hat die Arbeit forensischer Anthropologen an Bedeutung gewonnen. Diese oft "Knochenleser" genannten Wissenschaftler identifizieren namenlose Tote und arbeiten eng mit den verzweifelten Familien von "Verschwundenen" zusammen. Die deutsche Kulturwissenschaftlerin Anne Huffschmid:

"Ich glaube, was diese Art von Forensik in Lateinamerika und inzwischen auch in anderen Teilen der Welt leistet, ist eine Art Gespensteraustreibung. Ich glaube tatsächlich, dass diese perfide Technologie dieser systematisch eingesetzten Gewalt, die das Verschwindenlassen von Menschen darstellt, eine der brutalsten Formen der Gewalt ist, weil sie sozusagen nicht diesen Menschen nur auslöscht, sondern sein ganzes Leben, seine ganze materielle und soziale Existenz mit auslöscht und dadurch es keine Trauerarbeit gibt, die man in irgendeiner Weise beenden könnte."

Bei der von Huffschmid und der mexikanischen Künstlerin Mariana Castillo Deball ausgerichteten Konferenz "Dunkle Materie" gehen Forensiker und internationale Künstler, die sich etwa mit dem Holocaust beschäftigt haben, gemeinsam Fragen nach: Wie lassen sich ausgegrabene Objekte wie menschliche Überreste zum Sprechen bringen? Und welche künstlerischen Bilder und Formate können entwickelt werden, um die extreme Gewalt in Vergangenheit und Gegenwart zu verarbeiten?

"Wir wollen also auch im Kontext dieses Deutschland-Jahres im Grunde das Thema der Gewalt, weil es das Hauptproblem der mexikanischen Gesellschaft hier und heute ist, in einer Weise zu thematisieren, das da andere als vielleicht die üblichen Zugänge sichtbar werden. Da interessiert uns besonders die Praxis der Kunst. Die Kunst als durchaus auf die Gesellschaft einwirkende Praxis, die tatsächlich Dinge sichtbar, Dinge sagbar macht, die auf anderen Wegen schlechter sagbar sind."

Koffer packen für die letzte Reise

Im Zuge des Deutschland-Jahres haben vergangene Woche zwei weitere Ausstellungen zum Deutschland-Jahr eröffnet: Im Museo de Arte Popular ist "Einmal Jenseits und Zurück" zu sehen. Dafür haben Deutsche und Mexikaner jeweils einen Koffer für ihre "letzte Reise" gepackt. Entstanden sind liebevoll gestaltete Gepäckstücke, die vor allem eines zeigen: Der Tod ist ein universelles Ereignis, dem keiner entgeht.

Vor der Casa del Lago im Chapultepec-Park spielt ein mexikanisches Trio traditionelle Lieder auf alten Drehorgeln aus Deutschland. Direkt daneben steht mit einem Dodge Charger ein besonderer Wagen – er ist eine Intervention des Hamburger Künstlers Christoph Faulhaber zur Lage der Sicherheitspolitik in Mexiko.

Denn der Dodge Charger wird auch von der mexikanischen Polizei eingesetzt. Schwarz angestrichen und mit dem Wappen der Polizei versehen sieht er aus wie ein echtes Polizeiauto. Hat man in Mexiko oft Angst vor der korrupten Polizei, machen die Gäste hier Selfies vor dem Wagen, andere setzen sich in ihn hinein – und lassen einen Joint kreisen. Die Hintergründe von Faulhabers Arbeit erschließen sich im Gespräch mit dem Künstler. Denn der Dodge Charger wurde nach der Fusion von Daimler und Chrysler unter deutscher Beteiligung entwickelt.

Faulhaber: "Ab 2006 ist er dann serienmäßig erschienen und kurz danach ist er auch gleich mit ziemlich viel Erfolg zu einem Polizeiauto oder als Einsatz im Polizeidienst gekommen und hat damit – Deutsche können einfach gute Polizeiautos bauen –, hat also tatsächlich relativ schnell den Ford Interceptor, der damals nicht nur in den USA, sondern eben auch hier vertreten war, ziemlich schnell abgelöst."

Mit Blick auf deutsche Firmen schließt sich der Kreis: So hat die Stuttgarter Staatsanwaltschaft im November 2015 nach jahrelangem Druck Ermittlungen gegen Heckler und Koch aufgenommen. Dem Rüstungsunternehmen wird vorgeworfen, illegal Waffen in mexikanische Bundesstaaten geliefert zu haben, in denen die Gewalt besonders hoch ist.

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