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Samstag, 16.12.2017

Im Gespräch | Beitrag vom 23.08.2017

Mediziner und Autor Michael de RidderKämpfer für ein selbstbestimmtes Leben und Sterben

Moderation: Ulrike Timm

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Michael de Ridder in einem Studio von Deutschlandradio Kultur (Deutschlandradio / Matthias Horn)
Michael de Ridder zu Gast bei Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio / Matthias Horn)

Er gilt als wortmächtiger Querdenker seiner Zunft: Michael de Ridder betreute Drogenabhängige mit dem ersten Berliner Arztmobil. In seinen Büchern beschäftigt der Mediziner sich mit Sterbehilfe, Pflegenotstand oder der Verschwendung im Gesundheitswesen.

Welche Medizin wollen wir? Wie können wir selbstbestimmt leben? Wie wollen wir sterben? Diese Fragen beschäftigen Michael de Ridder seit langem. Der 70-Jährige ist seit fast 40 Jahren als Arzt tätig. Bei "Im Gespräch" erzählte er Deutschlandfunk Kultur-Moderatorin Ulrike Timm von seinen prägenden Erlebnissen als Mediziner, seinem Selbstverständnis als Arzt – und warum er gegen das Sterbehilfegesetz klagt.

Zur Medizin kam Michael de Ridder aus eigener Betroffenheit. 

"Ich war ein sehr ängstliches Kind, und diese Ängstlichkeit hat sich in der Pubertät fortgesetzt in einer enormen, gar exzessiven Krankheitsangst. Und die zu bewältigen, war für mich eine große Herausforderung. Das habe ich letztlich dadurch geschafft, dass ich mich – man könnte sagen – mit dem Aggressor Medizin und Arzt, der für mich immer so etwas wie ein Feindbild war – identifiziert habe und es dadurch geschafft habe, Distanz zu finden zu mir selber; und letztlich diese Distanz auch anderen zugute kommen zu lassen, indem ich doch immer die Vorstellung hatte: Ich bin ein Arzt, ein zugewandter Arzt, der sich auch in gewisser Weise empathisch in andere hinein versetzen kann, aufgrund seiner eigenen Erfahrungen. ( …) Die Berufswahl war letztlich eine Art Selbsttherapie."

Gründet ein Hospiz in Berlin

Als Arzt suchte er immer die Herausforderung: Er betreute Drogenabhängige mit dem ersten Berliner Arztmobil und arbeitete auf einer Intensivstation. Bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2014 war er Chefarzt und Leiter der Rettungsstelle des Berliner Vivantes-Klinikum Am Urban. 2012 gründete er ein Hospiz in Berlin, um seine Vorstellungen von einem würdigen und selbstbestimmten Lebensende zu verwirklichen.

"Ich habe Medizin auch immer so verstanden, dass es hier um Verteilungsgerechtigkeit ging. Einmal auf der Makroebene: Wer kommt in den Genuss welcher Gesundheitsgüter, welcher Ressourcen in der Medizin? Aber auch auf der Mikroebene, nämlich in der Arzt-Patienten-Beziehung – Stichwort Bevormundung des Patienten – war es mit wichtig, da anzusetzen, was dann später meine Befassung mit der Lebensende-Medizin und der Patientenautonomie am Lebensende sehr geprägt hat."

Die heißen Themen der Gesundheitspolitik

De Ridder gilt als wortmächtiger Querdenker seiner Zunft. In seinen Büchern beschäftigt er sich mit den heißen Themen der Medizin und Gesundheitspolitik: Sterbehilfe, Pflegenotstand, Verschwendung im Gesundheitswesen und der Rolle von Ärztinnen und Ärzten in einer immer mehr von Technologie und Verrechtlichung  bestimmten Medizin.

"Wir sind dankbar für den Fortschritt in der Medizin,  Hunderttausende profitieren jedes Jahr von ihrem Aufenthalt auf Intensivstationen und der Behandlung der Krankheit dort. Das ist nicht die Frage. Die grundsätzliche Frage ist doch die: Wann ist Intensivmedizin wirklich sinnvolle Lebensverlängerung und wann ist sie eher leidvolle Sterbeverzögerung? Und diese Grenze wird oftmals in der Intensivmedizin nicht eingehalten. Das heißt, wir können heute, wenn Sie sich Intensivstationen anschauen – und ich habe das auch erlebt im Krankenhaus –, dass Menschen, die eigentlich sollten sterben dürfen, vor allem alte, hochbetagte Menschen, dass die noch aus Gründen, die wir jetzt diskutieren könnten, nämlich ökonomischen Gründen sozusagen doch noch am Leben gehalten werden – oft noch gegen ihren Willen."

In diesen Tagen kommt sein neues Buch heraus: "Abschied vom Leben", ein Leitfaden von der Patientenverfügung bis zur Palliativmedizin.

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