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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 07.07.2017

Mediterranean BiennaleWie im Sachnin-Tal Kunst die Menschen zusammenbringt

Von  Evelyn Bartolmai

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Bilder der Ausstellung "No Father No Mother" des israelischen Künstlers Moshe Gershuni in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, aufgenommen am 11.9.2014. Für den Künstler ist es die erste Einzelausstellung in einem europäischen Museum seit mehr als 30 Jahren und überdies die erste Einzelausstellung die die Neue Nationalgalerie einem israelischen Kuenstler widmet. (imago / Reiner Zensen)
Bilder des israelischen Künstlers Moshe Gershuni: Bei der Mediterranean Biennale werden Werke von ihm in einer Autowerkstatt ausgestellt. (imago / Reiner Zensen)

Die arabische Stadt Sachnin ist Gastgeberin der Mediterranean Biennale: Ein besonderes Kulturevent im Norden Israels, bei dem Kunst nicht im Museum stattfindet. Ausstellungsorte wie eine Fleischerei oder eine Autowerkstatt sorgen dafür, dass Besucher und Einheimische in Kontakt kommen.

Was in Deutschland einst die Spielmannszüge waren, das sind bis heute in den arabischen Orten vor allem in Nordisrael die Trommler. Wo immer die in flotte Uniformen gekleideten Mädchen und Jungen ihre Wirbel erklingen lassen, darf man sicher sein, dass gleich etwas ganz Besonderes passiert. Und besonders ist die Kunstbiennale von Sachnin auf jeden Fall. Findet sie doch nicht in einem Museum oder Gemeindesaal statt, sondern an zahlreichen Schauplätzen in Sachnin und den Nachbargemeinden Misgav, Araaba und Deir Hanna.

Ergebnis gutnachbarschaftlicher Zusammenarbeit

Und sie ist das Ergebnis der gutnachbarschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern in einer multi-ethnischen Region, wie Ron Shani, Gemeinderatsvorsitzender von Misgav, betont:

"Das müssen wir achten, denn, wie es bei uns Juden heißt, wir sind alle im Ebenbild Gottes geschaffene Menschen. Nur wenn wir einander kennen und respektieren, können wir auch gemeinsam eine Zukunft aufbauen. Die Biennale fügt sich sehr gut in unsere gemeinsamen Ziele ein, denn sie bietet Kultur, was sehr wichtig ist, aber vor allem trägt sie dazu bei, dass wir uns besser kennenlernen und miteinander sprechen."

Dass man ins Gespräch kommt, dafür sorgen schon die Ausstellungsorte. Werke von Yuval Tumarkin und Meinrad Schade zum Beispiel hängen in einer Fleischerei. In einer Autowerkstatt kann man Bilder von Jannis Kounellis und Moshe Gershuni bewundern, derweil Hamudi, der Besitzer, den Ölstand im Motor überprüft.

"Ich kann leider nicht viel dazu sagen, weil ich es nicht wirklich verstehe, aber es ist lustig und ich mag auch die Fische hier, die sind echt hübsch!"

Bei Ahmed Masri allerdings darf sich der Besucher durchaus auf eine Fachsimpelei einstellen. In seinem Büro hängen Bilder mit einer höchst kritischen, aber eindeutigen Ikonografie, weshalb sie der örtliche Priester nach Protesten einiger Beter dann doch lieber nicht in seiner Kirche haben wollte. Also hat sie der Rechtsanwalt Masri in seine Kanzlei geholt:

"In meinen Augen stellen diese Bilder das Bindeglied zwischen Judentum und Christentum dar, indem zwei der bekanntesten Schlüsselmomente des Christentums modern verfremdet sind: Einmal das Letzte Abendmahl, dessen Darstellung sich in Mailand befindet, und dann die Geburt des Jesus-Kindes im Stall."

Institutionen der Männer-Welt feministisch hinterfragt

Die Künstlerin Angelika Sher hinterfragt in ihren Werken zwei heilige Institutionen der Männer-Welt, die Religion und das Militär, aus feministischer Sicht, indem sie die Figuren der klassischen Szenen durch israelische Soldatinnen austauscht und so die Preisgabe der Individualität zugunsten eines vermeintlich höheren Ziels kritisiert:

"Beide Institutionen haben dieses höchste Ziel im Laufe der Evolution niemals aufgegeben, denn bis heute fordern sie ja den Verzicht auf Individualität im Namen ihrer spezifischen Ideologie. Der Rollentausch manifestiert das Opfer, das Frauen bis heute bringen. Jesus kam als Sühnepfer für die Menschheit, und auch die Soldatinnen sind bereit, sich dafür zu opfern, dass wir leben können."

Initiatoren und Kuratoren der Biennale Sachnin sind Avital Bar-Shay und Belu-Simion Fainaru, beide auch als Künstler in der Schau präsent. Das diesjährige Motto "Out of Place" ist am besten übersetzt mit "Neben der Spur" – alle Werke kreisen um die aktuellen Krisen, sei es die Flüchtlingsfrage, die Rolle der Frau oder die Gewalt, die nicht nur im Nahen Osten das friedliche Miteinander zu zerstören droht.

Aufschrei oder Ausdruck von Resignation?

Man kann die Kunstwerke als Ausdruck von Resignation und Hoffnungslosigkeit lesen – oder als Aufschrei, genau das nicht zuzulassen. Für letzteres haben sich Belu-Simion Fainaru und alle Akteure entschieden, trotz scharfen Gegenwindes, der sie nicht nur von Hardlinern aus Israel traf:

"Auch im Ausland gibt es nicht wenige Kulturschaffende, die gegen ein Zusammenleben zwischen Israelis und den anderen Gemeinschaften hier sind und auch massiv versucht haben, unser Projekt zu boykottieren. Aber eigentlich zeigt uns das nur, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und wir hoffen, dass wir die Kraft und auch die Unterstützung finden, unser Anliegen doch durchzusetzen und über die Kunst einen Rahmen zu bieten, der uns verbindet und nicht trennt."

Über die ästhetischen Aspekte der Biennale sollen Kunsthistoriker befinden, doch wer das vielfältige Programm mit Vorträgen, Workshops und Führungen in den kommenden Wochen und Monaten liest, kann nur die Daumen drücken, dass die Botschaft weit über das Kulturevent hinaus Früchte trägt.

Vorsichtiger Optimismus bei Micha Ullman

Micha Ullman, der in Deutschland unter anderem für sein Mahnmal für die Bücherverbrennung auf dem Berliner August-Bebel-Platz bekannte israelische Künstler, ist nach seinem Besuch der Schauplätze der Kunstbiennale im Sachnin-Tal vorsichtig optimistisch:

"Das ist das Besondere, Kunst in Konfliktsituationen, und wie weit kann sie etwas berühren. Und ich muss sagen, die Werke hier und noch mehr, wie es akzeptiert ist, der gute Wille von die Leute hier, das sind Moslems, das sind Christen, zusammen, und beduinen und Drusen, das sieht man nicht in Venedig und den Zentren, und es gibt eine ganz kleine Hoffnung, aber das reicht als Anfang."

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