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Interview | Beitrag vom 11.10.2017

Mediennutzung von KindernStrategien gegen die Handysucht

Thomas Feibel im Gespräch mit Dieter Kassel

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 Ein kleines Mädchen spielt auf einem Smartphone. (dpa /picture alliance /Hans-Jürgen Wiedl)
Die Bindung an das Smartphone kann so stark sein wie die an einen Menschen. (dpa /picture alliance /Hans-Jürgen Wiedl)

Eltern reden sich oft den Mund fusselig: Trotzdem starrt der Nachwuchs nonstop auf sein Smartphone. Aus dieser Situation gibt es auch Auswege, sagt der Leiter des Büros für Kindermedien in Berlin, Thomas Feibel - mit Methoden, die gar nicht so neu sind.

Dieter Kassel: Man kann mit Mobiltelefonen Nachrichten lesen, soziale Netzwerke nutzen, Fahrpläne überprüfen, Musik hören, Filme gucken und noch sehr viel mehr, man kann, das vergisst man schnell, damit im Prinzip auch telefonieren. All das führt aber dazu, dass immer Menschen das Gerät kaum noch aus der Hand legen. Ich hab über öffentlichen Nahverkehr gerade schon gesprochen, man sieht das ja schön an Bushaltestellen.

Aber wie man gerade Jugendliche ab und an doch genau dazu bewegen kann, das Ding aus der Hand zu legen, dazu will Thomas Feibel, Leiter des Büros für Kindermedien in Berlin und Experte für Kinder und Digitales – unter anderem auch immer wieder bei uns in unserer Sendung "Kakadu" –, dazu will er Anregungen geben, Ideen entwickeln mit seinem Buch "Jetzt pack doch mal das Handy weg! Wie wir unsere Kinder von der digitalen Sucht befreien". Schönen guten Morgen, Herr Feibel!

Thomas Feibel: Guten Morgen!

Kassel: Also alle Jugendlichen, die ich kenne, wenn man denen das so sagen würde: Jetzt pack doch mal das Handy weg!, würden die sagen: Wieso? Und was sagen Sie dann?

Feibel: Ich sag ja so einen Satz nicht, aber erstaunlicherweise ist es ein Satz, der in zwei Richtungen funktioniert: Auf der einen Seite gibt es wahnsinnig viele Eltern, die davon genervt sind, dass ihre Kinder und Jugendlichen ständig am Handy rumhängen, und dazu gibt es aber auch genauso viele Kinder und Jugendliche, die davon genervt sind, dass ihre Eltern daran herumhängen.

Insofern habe ich ja ein Kapitel auch in dem Buch, das "Detox" heißt, und dann werde ich auch immer gefragt, Detox, wenn ich zu meinem Sohn am Wochenende sage, wir machen jetzt Detox, dann zeigt der mit einen Vogel. Ja, man darf es halt nicht Detox nennen, weil beim Thema Handy geht’s eigentlich gar nicht darum, mehr oder weniger Nutzen, sondern mehr Zeit zu haben, sich mehr Zeit zu nehmen, sich auch mehr Zeit für die Kinder zu nehmen, vielleicht was zu unternehmen, wo man gar kein Handy benutzen kann, zum Beispiel im Schwimmbad soll das ganz schwierig sein. Oder man kann damit wandern und so weiter.

Neue Begriffe, alte Methoden

Das ist ähnlich wie mit Essen. Wenn ich meinem Kind sagen würde, am Wochenende essen wir vegan, dann würde es wahrscheinlich gleich Brechreiz kriegen. Wenn ich aber jetzt mit frischen Tomaten und Knoblauch und Zwiebeln was anbrate und die Nudeln kochen auch schon vor sich hin – man darf es halt nicht so nennen, man muss wieder andere Begriffe dafür finden. Eigentlich sind das so die klassischen alten Modelle, es gibt keine neuen Erziehungsmethoden, einfach die ganz alten greifen: Mehr Zeit für die Kinder nehmen, was unternehmen und mehr Familienzeit zu haben.

Kassel: Aber wenn wir über Worte, Begriffe und so ein bisschen auch, wie Sie das gerade beschrieben haben, ich nenn's jetzt einfach mal so, ein paar Tricks auch reden, dann muss ich sofort zugeben, dass mir ein Wort ins Auge gefallen ist in Ihrem Buch, das Wort Bindung. Sie sprechen an mehreren Stellen davon, dass Kinder und Jugendliche eine Bindung zu ihrem Mobiltelefon hätten. Ich bin kein Wortklauber, aber das hat mich ein bisschen aufmerksam schon gemacht, weil Bindung ist ja eigentlich was, was ich eher nur mit Lebewesen in Verbindung gebracht habe, dass man Bindung haben kann zu anderen Menschen, vielleicht auch zu Hunden oder Katzen. Kann man vielleicht eine Bindung zu einem Gerät haben?

Feibel: Man kann sogar Bindung … in Computerspielen erleben wir das Tag für Tag. Da hat man tagelang, wochenlang in eine Figur investiert und hat eine Bindung dazu. Also die Werbung selbst, wenn Sie ein Auto kaufen wollen, die versuchen auch eine Bindung herzustellen, das ist nichts, was mit Menschen zu tun hat, das ist auch rein psychologisch. Und das ist auch beim Handy so. WhatsApp zum Beispiel oder andere Sachen, die man nutzt, das stellt schon eine tiefe Bindung her, man kommt gar nicht mehr ohne klar.

Der Journalist und Buchautor Thomas Feibel (Deutschlandradio /Torben Waleczek)Der Journalist und Buchautor Thomas Feibel (Deutschlandradio /Torben Waleczek)

Kindern die Tricks der Branche erklären

Kassel: Aber es geht darum, diese Bindung teilweise zu lösen, oder geht es darum, diese Bindung bewusst wahrzunehmen und damit umzugehen?

Feibel: Ich finde Letzteres, also auf jeden Fall muss man schon durchblicken, wo die Tricks liegen. Zum Beispiel gibt es Spiele, die versuchen, ihre Spieler zu binden – ich rede jetzt auch nicht von Computerspielen, sondern von Handyspielen. Da gibt es eine Kategorie, die nennt sich Free-to-play, auf Deutsch umsonst zu spielen. Ich übersetze es gerne sprachlich falsch, aber inhaltlich richtig mit viel zu teuer, weil man bekommt alles Mögliche geschenkt und wird so ein bisschen angefixt. Diese Apps zum Beispiel senden dauernd Nachrichten: Komm zurück, deine Krieger warten auf dich.

Ich stelle mir mal vor, mein Buch wäre so, stellen Sie sich mal vor, irgendein Buch wäre so. Sie liegen nachts im Bett und schlafen tief und fest, und plötzlich macht das Buch so "Huh!", und die Blätter, die blättern da hin und her und das Buch sagt, komm zurück, die Helden des Krimis warten auf dich, oder ihre Schlafzimmertür geht auf und der Fernseher kommt rein und sagt, schalt mich ein, du hast noch nicht genug geguckt. Ich meine, das hätte was, aber immer, wenn man es Kindern so erklärt oder Jugendlichen, dann verstehen die das auch. Sie denken ja, das ist alles normal so, aber dass da irgendwie eine Taktik oder eine Strategie dahinter ist, dazu sind wir Erwachsenen da.

Kassel: Aber das heißt ja auch, dass viele Erwachsene ja erst mal eine bessere Bildung in Bezug auf die digitale Technik brauchen, vieles erst mal erklärt haben müssen, weil das ist ja oft auch ein Problem, das ist ja auch schon fast ein Klischee geworden, dass man oft ja mit seiner Tochter, seinem Sohn redet über etwas, wovon die eigentlich mehr verstehen als man selber.

Feibel: Wir alle leben in dieser Welt. Wir können nicht sagen, ich ziehe jetzt in meine Holzhütte, rauche ne Pfeife und fange Forellen – kann man versuchen, aber damit kriegen wir unsere Kinder nicht gestärkt.

Schon vor dem Kauf des Smartphones sensibilisieren

Kassel: Wir haben über Grooming, Sexualität noch nicht gesprochen, Fake News und, und, und. Wenn man all das machen will, man kann's schaffen, ohne zu belehren, das haben Sie ein bisschen schon erklärt, tun Sie auch in dem Buch, aber wie macht man das, ohne bei dem Kind, dem Jugendlichen den Eindruck zu erwecken, du hast eigentlich ein kleines Monster in der Hand mit diesem Smartphone.

Feibel: Ja, aber das ist doch das Grundproblem. Das Grundproblem ist, dass heute Kinder schon in der zweiten, dritten Klasse ein Smartphone bekommen, und da waren wir schon mal vorsichtiger mit dem Thema Internet. Da haben die gesagt, der Computer ist im Wohnzimmer oder sitz da, und ich kann das von hier aus überblicken. Jetzt sind die Kinder halt mobil, und damit hab ich gar keine Kontrolle mehr. Meine Tochter zum Beispiel, der hab ich mal irgendwann einen neuen Tarif besorgt mit einer neuen Nummer, und es dauerte keine zwei Tage, da bekam sie irgendwie eine SMS, ich bin der geile Sven, ruf mich doch mal an – und kein Mensch weiß, woher das kommt.

Aber generell bin ich eher dafür, mit Kindern so eine Art Vertrag aufzusetzen, bevor sie überhaupt ein Smartphone bekommen, dass sie erst mal so eine Art Smartphone-Führerschein machen, wo man so die wichtigsten Basics mal erklärt hat. Ich finde es auch klug, mit seinem Kind zusammen den zu entwickeln, zu sagen, du willst doch jetzt ein Smartphone haben, wo liegen denn deiner Meinung nach die Vorteile. Da muss das Kind ja auch erst mal nachdenken, Argumente dafür finden. Wenn man nun sagt, und wo liegen die Nachteile, was machen wir, wenn es schiefgeht, was würdest du vorschlagen, welche Restriktionen wir dann annehmen würden und so weiter.

Sinnvolle Handynutzung in den Schulen

Im Übrigen finde ich auch nicht, dass es die Aufgabe der Eltern allein ist, ich bin auch der Meinung, dass die Schule auch noch mal drüber nachdenken muss, wie sie damit umgehen will. Ich finde, Schule ist das sehr ambivalent, viele denken ja, wenn sie Smartphone-Nutzung in der Schule verbieten, ist ja auch das Problem gelöst. Ich bin der Meinung, das Smartphone ist eine Kulturtechnik, die man erlernen muss, und in der Schule ist es eigentlich der geeignete Ort. Ich kenne inzwischen in Berlin, aber auch in anderen Schulen Direktoren, die machen es jetzt so, die sagen, Handy im Unterricht erlaubt, und zwar nur bei bestimmten Fächern, wenn der Lehrer das möchte – man kann dann nachschlagen, man kann damit irgendwas machen –, aber außerhalb des Unterrichts verboten. Wer damit erwischt wird, kriegt's halt dann weggenommen wie sonst bei anderen Schulen auch. Und ein Schuldirektor hat mir gesagt, seitdem sie das machen, haben die Kinder nicht mehr das Gefühl, das ist so generell verboten, und die Kinder spielen auch wieder im Hof.

Kassel: Lassen Sie uns noch mal ein bisschen in die Zukunft denken, denn und auch berechtigterweise im Moment ist ja diese Diskussion sehr en vogue, Sie haben das ja zugespitzt gesagt, eine Kulturtechnik des Umgangs mit dem Mobiltelefon finden. Ich bin alt genug, ich kann mich noch an Zeiten erinnern, die hörten gerade so auf, als ich anfing, das mitzubekommen, da hat man noch über die Gefahren des Fernsehens gesprochen und hat gesagt, zu viel Fernsehen macht blöd und man kann fernsehsüchtig sein. Ich finde, der Beweis dafür, dass zu viel Fernsehen nicht blöd macht, wurde bis heute nicht gefunden, und dennoch ist diese Diskussion ja vorbei. Wir haben alle damit gelernt zu leben, der Fernseher ist halt in gewissen Haushalten von 6:05 Uhr bis 23 Uhr an, ist so, keiner redet mehr drüber. Wie wird sich denn das mit der Handynutzung entwickeln, werden wir wirklich eine vernünftige Kulturtechnik finden für diesen Umgang, oder werden wir irgendwann sagen, was haben wir damals 2017 für alberne Gespräche geführt, es ist wie es ist, und wir haben uns jetzt alle an alles gewöhnt.

Feibel: Ich glaube, da wird es irgendwann ein Bewusstsein geben, dass es einem zu viel ist und dass man auch wieder Wege findet, wie man das abschaltet und wie man wieder zur Ruhe kommt, denn ich glaube – ich hab's ja vorhin auch schon gesagt –, Zeit haben, sich Zeit nehmen, für sich selber Zeit nehmen, das sind jetzt keine neuen Rezepte, Zeit für seine Familie zu haben. Wir haben jetzt zum Beispiel in unserer Familie das eingeführt, was Sie vollkommen überraschen wird, wir haben jetzt das gute alte klassische Sonntagsessen eingeführt, und da muss es auch was besonders Gutes geben, damit alle Lust haben, auch zu kommen. Und das ist zum Beispiel so ein ganz simples Beispiel, was für mich symbolisch ist, was wir eigentlich wollen. Wir wollen gar nicht Smartphones haben, wir wollen eigentlich Zeit miteinander verbringen, und wir müssen eben dann irgendwann das auch mal aus der Hand legen.

Kassel: Ich möchte jetzt trotzdem mein Handy wieder anmachen, wir haben uns lang genug unterhalten. Danke schön!

Feibel: Ich rufe auch meine Mutter an.

Kassel: Thomas Feibel war da, er ist der Autor des Buchs "Jetzt pack doch mal das Handy weg! Wie wir unsere Kinder von der digitalen Sucht befreien", das dieser Tage im Ullstein-Verlag erscheint und das er auch auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen wird. Vorher war er bei uns. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit dem Buch, Spaß bei der Messe, danke fürs Herkommen!

Feibel: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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