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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.06.2013

Masern: "Impflücken in der gesamten Bevölkerung"

Jugendarzt Terhardt über Impfplicht und Ansteckungsrisiko

Martin Terhardt im Gespräch mit Joachim Scholl

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Masernimpfung bei einem zweijährigen Mädchen (AP)
Masernimpfung bei einem zweijährigen Mädchen (AP)

Eine Masern-Impfpflicht, zumindest für Ärzte, sei sehr sinnvoll, meint Martin Terhardt. Ziel des Robert-Koch-Instituts sei eine Impfquote von 95 Prozent in der Gesamtbevölkerung, dann könnten die Masern auch hierzulande als besiegt gelten, so der Berliner Kinderarzt.

Joachim Scholl: Ein Baby, das sich im Krankenhaus mit Masern infiziert, höchstwahrscheinlich übertragen vom behandelnden Arzt selbst, dieser Fall in Berlin verweist zugleich auf einen leider aktuellen Trend: Die Masern sind wieder da. Immer weniger Menschen lassen sich impfen, immer mehr Menschen stecken sich mit der hochinfektiösen Krankheit an, allein in Berlin wurden schon dieses Jahr 351 Fälle registriert – vor einem Jahr, 2012, waren es nur 18. Am Telefon ist jetzt der Kinder- und Jugendarzt Michael Terhardt, er ist auch Mitglied der Ständigen Impfkommission am Berliner Robert-Koch-Institut, das schon länger vor dieser Renaissance der Masern warnt. Guten Tag, Herr Terhardt!

Martin Terhardt: Guten Tag, Herr Scholl!

Scholl: Ein Arzt, der einen Säugling infiziert, da denkt man unwillkürlich: Wie kann das denn sein, warum ist der nicht geimpft?

Terhardt: Ja, das haben sich auch die Eltern gefragt, zu Recht gefragt, und ich denke, solche Situationen sind vermeidbar. Wir hatten eine ähnliche Situation vor anderthalb Jahren auch in München, dass ein Arzt andere angesteckt hat mit Masern. Das Problem ist halt, dass viele Mediziner selber gar nicht wissen, so wie andere Teile der Bevölkerung auch, dass sie keinen Masernschutz haben.

Scholl: In diesem Zusammenhang wird immer wieder auch die Forderung nach einer generellen Impfpflicht zum Beispiel für Ärzte laut. Sind Sie dafür?

Terhardt: Da wäre ich schon dafür, man könnte das noch differenzieren, dass Ärzte, die Kontakt zu Kindern haben oder zu intensivpflichtigen Patienten oder zu onkologischen Patienten, noch strenger beurteilt werden müssten, aber generell wäre das eine sehr sinnvolle Entscheidung, so eine Impfpflicht einzuführen.

Scholl: Müsste es eine Impfpflicht dann auch für weitere Risikoberufsgruppen geben, also Beamte in Behörden, Busfahrer, Schalterangestellte, alle Menschen, die mit Publikum zu tun haben?

Terhardt: Für die gilt ja schon sowieso eine berufliche Impfempfehlung, die STIKO ist ja für die Empfehlungen zuständig. Und wenn Sie jetzt nach einer Impfpflicht fragen, das wäre ja eine Gesetzesänderung. Wir haben als Kinderärzte so was schon oft gefordert, vor dem Eintritt in Gemeinschaftseinrichtungen eine Impfpflicht einzuführen, da sind wir immer wieder auf Granit gestoßen in der Politik, da will sich keiner ran wagen, weil wir halt ein freiheitsliebendes Land sind.

Scholl: Nun hat der Fall des Berliner Arztes den Blick der Öffentlichkeit auf die Krankheit selbst gelenkt, Herr Terhardt. Die Masern galten in Europa ja so gut wie besiegt – bevor wir jetzt fragen, warum sie wieder da sind, fragen wir mal umgekehrt: Wie hat man die Krankheit eigentlich so gut in den Griff bekommen, dass sie also sozusagen schon fast verschwunden war?

Terhardt: Das verdanken wir natürlich der Impfung, und wir erleben jetzt gerade, dass der Erfolg der Impfung auch ihr größter Feind ist, weil dann die Krankheiten in Vergessenheit geraten. Und das ist ungefähr jetzt 45 Jahre her, dass wir dagegen Impfstoffe entwickelt bekommen haben, und da gab es erst mal weniger erfolgreiche Impfstoffe. Dann gab es diesen Lebendimpfstoff, den wir jetzt immer noch benutzen, der sehr große Erfolge gezeigt hat. Und erst als dann bevölkerungsweite Impfkampagnen, vor allen Dingen bei Kindern, eingeführt wurden, konnten wir die Masern zurückdrängen, weil sich diese traditionelle Kinderkrankheiten genannten Viren vor allen Dingen da verbreiten, wo noch unreife Immunsysteme sind – eben bei Kindern – und da, wo ganz viele Kontakte sind – bei Kindern in den Schulen, in den Kindergärten. Und dadurch, dass wir dann halt die Impfempfehlungen seit Anfang der 70er-Jahre haben, die dann halt auch immer besser befolgt wurden – das muss man ja auch noch sagen, das Befolgen dieser Empfehlungen ist ja auch nicht immer gut –, seitdem haben wir die Masern deutlich zurückgedrängt. Andere Länder in unserer Umgebung haben sie schon komplett besiegt. Aber wir Deutschen sind da noch sehr hinterher.

Scholl: Und jetzt sind sie wieder auf dem Vormarsch dadurch, weil, Sie sagten es schon, man hat die Krankheit vergessen. Das heißt, man hat auch vergessen, sich dagegen impfen zu lassen.

Terhardt: Richtig, wir erleben das in Deutschland so in Wellen, das sind immer mal wieder alle zwei Jahre so ungefähr etwas größere Erkrankungszahlen. Und wir hatten letztes Jahr deutlich weniger Fälle, das haben Sie ja eben auch in der Anmoderation erwähnt, da hatten wir schon gedacht, wir sind auf dem richtigen Weg, aber halt jetzt schlägt das umso mehr wieder zurück, und wir haben halt immer noch viel zu viel Impflücken in der gesamten Bevölkerung, vor allen Dingen bei den Jugendlichen und den jungen Erwachsenen, die von dem Mangel in Ihrem Schutz gar nichts wissen.

Scholl: Die Masern, die haben ja so den Ruf der Kinderkrankheit, und viele Jahrgänge bis 1970 haben sie gehabt, erinnern sich dran, na ja, so schlimm war es nicht, glimpflich verlaufen. Warum sind Masern denn noch gefährlich?

Terhardt: In den meisten Fällen verlaufen sie auch glimpflich. Es ist eine heftige Krankheit, man ist für fünf bis sieben Tage richtig krank, fühlt sich auch sehr krank, hat Fieber, hat heftige Erkältungszeichen, starke Kopfschmerzen, aber es gibt eben auch Komplikationen. Und diese Komplikationen spielen sich vor allen Dingen am Nervensystem ab, das sind die gefährlichen Komplikationen. Es gibt auch Lungenentzündungen und Mittelohrentzündungen, aber gefährlich sind vor allen Dingen die Gehirn- und Hirnhautentzündungen, die sowohl akut verlaufen können, direkt im Verlauf der Maserninfektion als auch besonders heimtückisch mit einem Zeitverzug von bis zu sieben, acht Jahren nach der akuten Erkrankung, die man komplett überstanden hat. Und dann kommt es dadurch, dass die Masernviren im Gehirn überlebt haben, zu einer praktisch tödlichen Gehirnentzündung. Daran ist jetzt vor Kurzen ja auch gerade ein Kind in Westfalen gestorben.

Scholl: Wie ansteckend sind Masern?

Terhardt: Masern sind hochansteckend, mit die ansteckendste Krankheit, die wir haben, das reicht im Prinzip, wenn man im selben Raum ist mit jemand, der Masern hat, um sich anzustecken.

Scholl: Die Masern sind zurück – Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Kinderarzt Martin Terhardt von der Ständigen Impfkommission. Vorhin haben Sie den Begriff fallen lassen, Herr Terhardt, Impflücke. Das müssen Sie uns ein bisschen erklären, was heißt denn Impflücke in Deutschland?

Terhardt: Ja, Impflücke kann man auf die einzelne Person beziehen, dass das, was eigentlich für diese Person von den Impfempfehlungen her notwendig ist, nicht komplett geimpft wurde, sodass halt diese Person eine Lücke hat und deswegen einen schlechten Impfschutz für bestimmte Krankheiten haben kann. Wir müssen uns aber halt auch auf die gesamte Bevölkerung beziehen. Sie haben halt große Impflücken, dass halt viele Menschen nicht geschützt sind. Und dadurch ist unsere gesamte Herde, so wie das der Epidemiologe sagt, halt nicht gut geschützt. Wenn wir 95 Prozent der Bevölkerung, um die es geht, geimpft hätten, dann wären die restlichen fünf Prozent auch geschützt. Aber davon sind wir weit entfernt.

Scholl: Geschieht es denn jetzt nur so aus Trägheit, Unwissen, Faulheit, man denkt nicht dran, man hat keine Lust dazu, oder gibt es da auch andere Gründe, warum sich Menschen dagegen sperren?

Terhardt: Ich denke, das, was Sie aufgezählt haben, sind die wichtigsten Gründe, und die häufigsten Gründe, das Nichtwissen und das Vergessen und das nicht dran Denken, das sich dessen gar nicht bewusst Sein, dass es das noch gibt als Problem. Das, was halt sonst immer angeführt wird, nämlich Impfgegner, Impfskepsis, Impfkritik, spielt eine deutlich kleinere Rolle. Da gibt es immer wieder auch Menschen, die auch andere Menschen verunsichern können. Auch über das Internet verbreitet sich das sehr schnell, aber das spielt im Grunde nicht so die Hauptrolle. Das größte Problem sind die Vergesser und die Nichtwisser.

Scholl: Ja, ich meine, es soll ja in den letzten Jahren auch in gewissen Elternkreisen Mode geworden sein, die Kinder nicht mehr impfen zu lassen aus Angst vor Impfschäden. Wie sind da Ihre Erfahrungen, das ist doch marginal, meinen Sie, ja?

Terhardt: Das ist auf jeden Fall marginal, das kann man auch ablesen an den Zahlen der Schuleingangsuntersuchungen. Da werden wir von Jahr zu Jahr besser, da werden die Impfraten bei den Schuleingangskindern gemessen, und da geht es halt darum, ob die zweimal gegen Masern geimpft sind. Und da sind wir mittlerweile bundesweit bei 93 Prozent angekommen, aber diese Impfungen werden in den ersten beiden Jahren durchgeführt, und wir werden sicherlich demnächst dieses Ziel von 95 Prozent erreicht haben, das heißt, die Eltern von jungen Kindern sind gar nicht so skeptisch, oder wir können sie überreden – das ist vielleicht der falsche Begriff –, überzeugen, davon, dass es sinnvoll ist, wenn sie vorher skeptisch sind. Das Hauptproblem liegt eher bei den anderen Jahrgängen, die halt jetzt schon aus diesem Alter herausgewachsen sind, die schon lange in der Schule sind oder aus der Schule schon raus sind, da waren die Umfragen viel schlechter. Und diese Menschen, die erreichen wir nicht.

Scholl: Ist denn mangelnde Impfdisziplin eigentlich auch ein soziales, ein Wohlstandsproblem?

Terhardt: Ja, da gibt es Untersuchungen zu, dass man gerade bei der Masernimpfung in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, dass das eher mit höherem Sozialstatus verbunden war, wenn man da nicht gegen geimpft hat. Das hat sicherlich mit den impfkritischen und impfskeptischen Gedanken zu tun. Und da haben wir früher vielleicht nicht nachhaltig genug und nicht früh genug gegen gearbeitet, sonst Menschen mit niedrigerem Sozialstatus sind generell, wenn sie halt hier in Deutschland leben, eher besser geimpft und auch einfacher zu bekommen zum Impfen.

Scholl: Angeblich ist die Zahl der Impfgegner unter Gebildeten und Hochverdienern besonders hoch. Stimmt das?

Terhardt: Das ist richtig, ja.

Scholl: Und warum?

Terhardt: Tja, ich glaube, dass sich da halt jeder meint, dass die Schulmedizin ja sowieso, und die Industrie, die die Impfstoffe herstellt, ja sowieso zu bezweifeln ist, dass das so ein bisschen zum Lifestyle-Gedanken geworden ist, und man dann an jedem anderen Gedanken besser folgt, der da auch kritisch zu sich äußert. Aber wenn man mit solchen Menschen redet, wir müssen das ja jeden Tag tun, und halt die rationalen Argumente liefert oder auch unabhängige Quellen anbietet, dann kann man die meisten doch überreden oder überzeugen.

Scholl: Was raten Sie also, Herr Terhardt, auch als Mitglied der STIKO, der ständigen Impfkommission, alle, die die Masern als Kind nicht hatten, auf jeden Fall impfen?

Terhardt: Ja, und da muss man auch nicht unbedingt auf die Altersgrenze von nach 1970 geboren, wie die STIKO das formuliert, achten. Dieser betroffene Arzt war ja etwas älter gewesen als Jahrgang 1971. Also alle Menschen, die nicht wissen, ob sie Masern hatten, wenn sie etwas älter sind, die nicht wissen, ob sie geimpft sind, oder die nur einmal oder gar nicht geimpft sind, sollten sich impfen lassen.

Scholl: Größere Prozedur?

Terhardt: Nein, ein Pikser, das ist halt ruckizucki erledigt, das tut halt ein bisschen weh, und dann ist es vergessen.

Scholl: Wie lange hält so eine Impfung?

Terhardt: Man geht davon aus, dass, wenn man zweimal geimpft ist, es lebenslang hält. Dieser Gedanke betrifft vor allen Dingen Kinder, weil da eine einmalige Impfung nicht immer ausreichend ist. Bei Erwachsenen empfiehlt die STIKO auf jeden Fall nur eine Impfung, da ist auch nichts dagegen zu halten, dass man das zweimal macht, aber höchstwahrscheinlich reicht im Erwachsenenalter eine Impfung.

Scholl: Die Masern sind leider wieder aktuell – das war Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt in Ratingen und Mitglied der ständigen Impfkommission in Berlin. Herr Terhardt, besten Dank für das Gespräch!

Terhardt: Ich danke Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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