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Buchkritik | Beitrag vom 17.05.2018

Maryam Madjidi: "Du springst, ich falle"Das Perserinnenkostüm einer Heranwachsenden im Exil

Von Sigrid Brinkmann

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Verhüllte Frauen in Teheran, darunter ein kleines Mädchen ohne Schleier (dpa / Farzaneh Khademian /Buchcover: Verlag Blumenbar)
Verhüllte Frauen in Teheran, darunter ein kleines Mädchen ohne Schleier (dpa / Farzaneh Khademian /Buchcover: Verlag Blumenbar)

Viele Gegner der islamischen Revolution im Iran fanden nach 1979 in Frankreich Asyl. So auch die Familie von Maryam Madjidi. Die Autorin selbst war damals ein Kind. In ihrem Roman "Du springst, ich falle" schreibt sie über ihre Exilerfahrung - und bekommt in Frankreich viel Lob dafür.

In ihrem autobiografischen Debütroman erzählt Maryam Madjidi von ihrer Kindheit in Teheran, vom Kampf der Eltern für den Kommunismus und vom Erwachsenwerden im französischen Exil. 2003 besucht sie den Iran zum ersten Mal, sie verliebt sich und kehrt doch nach Frankreich zurück, denn es ist das Land, das sie nie verklärt gesehen hat.

Kommunisten waren vor und nach der Ausrufung des islamischen Gottesstaates im Iran hoch gefährdete Personen. Dass es den Marx, Guevara und Makarenko lesenden Eltern von Maryam Madjidi 1985 gelang, den Iran zu verlassen, war ein Glück. In Frankreich erhielten sie politisches Asyl. "Marx et la poupée" heißt Madjdidis stark autobiografisch inspirierter Debütroman im Original. Die heute 37 Jahre alte Autorin wuchs als "ein Kind der Partei" auf. Puppen und anderes Spielzeug den Kindern des Wohnviertels zu schenken, war ein Gebot. Privateigentum war schließlich Sünde.

Französische Spracherziehung als Reinigungsversuch

Der deutsche Buchtitel, "Du springst, ich falle", spielt hingegen auf ein dramatisches Ereignis an. Maryam Madjidis Mutter studierte 1980 an der Universität Teheran. Sie war im siebten Monat schwanger, als ein Überfallkommando religiöser Wächter in Seminarräume eindrang und Studenten tötete. Durch einen Sprung aus dem Fenster entkam sie den Verfolgern. Gedanklich begibt sich Maryam Madjidi in die Rolle des ungeborenen Kindes, das sie war. Zwar überhöht sie die Mutterfigur poetisch, doch der Vorwurf steht im Raum: "Engel ohne Flügel, meine unzurechnungsfähige Irre, meine sanfte Mörderin. In jenem Moment hast du ein Loch in mir gegraben, in dem sämtliche Ängste meines zukünftigen Lebens Wurzeln schlagen werden."

Anrührend schildert die in Paris lebende Autorin die Einsamkeit des kleinen Mädchens. Es verstummt monatelang, bevor es für alle überraschend plötzlich einen Schwall französischer Worte hervorbringt. Sie schämt sich später für das französische Kauderwelsch der Eltern, lehnt die französische Spracherziehung dennoch als "groß angelegtes Reinigungsverfahren" ab. Aber auch das "Perserinnenkostüm", in das die Heranwachsende bewusst schlüpft, um zu verführen, macht das Leben nicht leichter. Gutgelaunt setzt sie die persische Kunst der Rezitation von Gedichten ein, um "Orientalisten" zum Schmelzen zu bringen und letztlich zynisch vorzuführen.

Die geliebte, im Iran gebliebene Großmutter

Madjidi mischt Erinnerungssplitter an ihre Kindheit in zwei Ländern und an die erste Rückkehr in den Iran im Jahr 2003 mit wenig tiefgründigen Reflexionen über den Prozess des Schreibens und die Nöte von Menschen, die im Exil nie heimisch werden. Sie bricht die Chronologie ihres Lebens komplett auf, reiht Episoden aneinander und setzt ganz auf die Überzeugungskraft von Personen, die keine Diktatur, keine Tortur und kein Schicksalsschlag brechen konnte. Eine Lichtgestalt ist die geliebte, im Iran gebliebene Großmutter. Die innere Zwiesprache mit der Ahnin, die in Krisenmomenten als weiser Geist erscheint, wirkt indes kindlich. Beginnt sie metaphorisch zu schreiben, so verliert ihre Erzählung schnell an Schärfe. Es liegt etwas zu gewollt Rätselhaftes in Sätzen wie diesen: "Eine Girlande aus Wörtern in einem Baum bin ich, auf die ein Kind zeigt."

Überzeugend ist Madjidi als Erzählerin, wenn sie sich auf das Sichtbare beschränkt. So wenn sie für jede einzelne Narbe des geschundenen Körpers ihres ersten iranischen Liebhabers eine Geschichte erfindet. Madjidi hat zusammen genommen fünf Jahre in China und in der Türkei gelebt. Die Freiheit, solche Entscheidungen binnen Sekunden zu treffen, ist ihr leider nur eine halbe Seite wert. Vielleicht hat sie das Thema der Selbstbehauptung und fröhlichen Selbstverbannung aus "jedem irdischen Vaterland" kühl und vorausschauend zurückgehalten, denn nach dem Lob, das sie für ihr Debüt in Frankreich bekam, wird Maryam Madjidi weiter schreiben wollen.

Maryam Madjidi: Du springst, ich falle
Aus dem Französischen übersetzt von Julia Schoch
Blumenbar, Berlin 2018
224 Seiten, 20 Euro

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