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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 27.04.2018

Marx' missverstandene IdeologiekritikVom Instrument der Kritik zum Gummihammer

Von Dietmar Dath

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Statuen von Karl Marx und Friedrich Engels in einem Park an der Spree in Berlin-Mitte; geschaffen wurden sie 1986 von Ludwig Engelhardt. (imago/ZUMA Press)
Statuen von Karl Marx und Friedrich Engels in einem Park an der Spree in Berlin-Mitte (imago/ZUMA Press)

In ihrer Ideologiekritik zeigen Marx und Engels, dass die herrschende Klasse nicht nur die materielle Macht in einer Gesellschaft innehat, sondern auch die geistige. Diese Kritik wurde immer wieder fehlinterpretiert, meint der Journalist Dietmar Dath.

Unter allen geistigen Gütern, die Marx der Nachwelt vermachen wollte, ist die Ideologietheorie am Schlimmsten verkommen. Ein schäbiges Schicksal hat aus diesem wertvollen Instrument der Kritik einen Gummihammer gemacht, mit dem sich Leute selbst vor die Stirn schlagen, die nichtvorhandene Nägel in nichtvorhandene Wände zu kloppen versuchen, um daran ihre Weltbilder aufzuhängen.

Die Denkfehler der Ideologen

Marx und Engels haben, um sich Rechenschaft über die begrifflichen Grundlagen ihres revolutionären Unternehmens abzulegen, das nach Marx alle Verhältnisse umwerfen sollte, "in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist", ein Buch geschrieben, das "Die deutsche Ideologie" heißt. Es geht darin um einen Denkfehler, den sie den "ideologischen" nennen. Engels hat später erläutert, was ein Ideologe beim Denken falsch macht:

"Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbesehen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, da ihm alles Handeln, weil durchs Denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint."

"Befreien wir sie von den Hirngespinsten"

In der "deutschen Ideologie" schreiben Marx und Engels auf, was der typische deutsche Ideologe zu ihrer Zeit dachte:

"Die Menschen haben sich bisher stets falsche Vorstellungen über sich selbst gemacht, von dem, was sie sind oder sein sollen. Nach ihren Vorstellungen von Gott, von dem Normalmenschen usw. haben sie ihre Verhältnisse eingerichtet. Die Ausgeburten ihres Kopfes sind ihnen über den Kopf gewachsen. Vor ihren Geschöpfen haben sie, die Schöpfer, sich gebeugt. Befreien wir sie von den Hirngespinsten."

Das Eigenartige ist, dass diese Sätze bis heute immer wieder für die Wiedergabe eigener Ansichten von Marx und Engels gehalten werden, dabei fährt der Abschnitt fort: "Diese unschuldigen und kindlichen Phantasien bilden den Kern der neuern junghegelschen Philosophie", gegen die Marx und Engels dann ausführlich werden.

Marx' Kritik wurde verdreht

Falsch ist ihrer Ansicht nach eine Gesellschaftskritik, die nur angreift, was im Gemeinwesen so geredet, geschrieben und gedacht wird, statt die Art und Weise anzugreifen, wie die Menschen ihre Lebensgrundlagen produzieren und reproduzieren.

Man hat diesen Gedanken verdreht. Man tut so, als wären die wichtigsten Lebensgrundlagen im entwickelten Kapitalismus, den wir haben, kommunikativer, diskursiver, politisch ideenförmiger Art. Etwa bei Leuten, die sich beschweren, hinter dem ganzen Big-Data-Dreck um Computer, Überwachung, Suchmaschinen und Online-Handel stecke zum Beispiel eine verkehrte Auffassung von der Berechenbarkeit des Menschen.

Die albernste Spielart des betreffenden Irrtums hat sich in den Siebziger-Jahren über die "Macht der Werbung" aufgeregt statt über den Schund, den wir kaufen sollen, und regt sich heute über "Fake News" auf statt über die viel grauenhafteren Nachrichten, die wahr sind und von denen das auch alle wissen.

Alle Nase lang wird irgendeine Idee entlarvt, überall wird mit dem nackten Finger auf angezogene, aber unanständige Verhältnisse gezeigt. Bald durchschauen alle alles, aber wie entsetzlich ist der Gedanke, dass es dann, wie schon nach jeder Entlarvung zuvor, einfach genau so weitergehen könnte wie bisher?

Dietmar DaSchriftsteller und FAZ-Redakteur Dietmar Dath (dpa/Erwin Elsner)Dietmar Dath (dpa/Erwin Elsner)th, Jahrgang 1970, ist Autor, Journalist und Übersetzer. 2017 erschien sein Roman: Der Schnitt durch die Sonne. 2018 erhielt er den Günther Anders-Preis für kritisches Denken.


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